Interview. Hohe Temperaturen legen Europas Kraftwerke lahm, die Gasspeicher sind leer wie selten. Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner sieht Österreich aber „bei Hitze und Kälte gut versorgt“.
Die Presse: In den letzten Tagen war viel von den Dürreschäden in der Landwirtschaft die Rede. Der Wassermangel trifft aber auch die Energieversorgung – Österreichs Wasserkraft fehlt rund ein Drittel Wasser in den Flüssen. Gerät das Rückgrat unserer Stromversorgung mittelfristig in Gefahr?
Elisabeth Zehetner: Nein. Auch bei niedrigerem Ertrag bringt die Wasserkraft noch zwei Drittel des sonstigen Ertrags. Zusätzlich hat sich der Photovoltaik-Zubau der letzten Jahre ausgezahlt, gerade weil Wasserkraft und PV mittags nicht mehr gleichzeitig auf Hochtouren laufen. Wenn es sehr heiß ist, gibt es oft wenig Wind – aber wir hatten im Juli auch Tage mit sehr gutem Windertrag. Jetzt geht es darum, das System klimawandelfit zu machen: dafür müssen wir mehr in Speicher investieren und das Zusammenspiel der Technologien optimieren.
Trotzdem müssen aktuell fast täglich auch Gaskraftwerke anspringen, was sonst im Sommer unüblich ist. Können das ein paar Windräder und Solaranlagen mehr wettmachen?
Der Ausbau der Erneuerbaren allein ist nicht der Schlüssel. Es geht vor allem um Netze und Speicher, damit wir den Überschussstrom vom Mittag in die Verbrauchsspitzen am Abend und in der Früh verschieben können. Backup-Kraftwerke werden wir weiter brauchen, auch im Sinne der Nachbarschaftshilfe und die meisten von ihnen verbrennen heute Gas. Aber klar ist auch: je weniger Gas im System, desto günstiger der Strom.
Apropos Nachbarschaftshilfe: Osteuropäische Länder und Frankreich hatten zuletzt Probleme mit ihrer Stromversorgung und mussten AKWs vom Netz nehmen. Gab es verstärkten Export aus Österreich?
Nein, da sind wir gut verschont geblieben. Ungarn hat vor allem aus der Slowakei bezogen, bei Frankreich sind wir sogar teils Importeur. Aber wir sind wesentlich resilienter aufgestellt als ein Land, das wie Ungarn die Hälfte seines Bedarfs aus einem einzigen Kraftwerk deckt. In Rumänien waren die Netze das Problem – starke Netze sind der Schlüssel zur Versorgungssicherheit.
Drohen bei künftigen Hitzewellen auch in Österreich Sparappelle oder Rationierungen?
Das glaube ich nicht. Wir wollen weiter elektrifizieren – die Industrietransformation bedeutet, wo immer möglich von fossiler Energie auf Strom umzusteigen. Der Stromverbrauch wird also wachsen, entsprechend müssen Erzeugung, Speicher und Netze mitwachsen. Das haben wir gut im Griff.
Wie schnell hohe Strommengen notwendig werden können, zeigt sich am Google-Rechenzentrum in Kronstorf. Sind Sie zuversichtlich, dass es mit heimischem Strom versorgt werden wird oder kommt die Energie am Ende doch aus den AKWs jenseits der Grenze?
Ich gehe davon aus, dass der Strom aus heimischer Erzeugung kommt. Wir können das verkraften. Im Gegenteil, wir brauchen so gute Verbraucher wie dieses Rechenzentrum sogar, weil wir nur so die Netzkosten dämpfen können. Da Netzkosten auf alle Verbraucher umgelegt werden, hilft ein großer Verbraucher auch dem Kollektiv.
Auch große Batteriespeicher würden überschüssigen Strom gerne abnehmen. Warum findet der Batterieboom nur in unseren Nachbarländern statt, aber nicht bei uns?
Mit dem ElWG (Elektrizitätswirtschaftsgesetz, Anm.) haben wir Ende letzten Jahres die gesetzliche Grundlage geschaffen, die jetzt in einer Verordnung der E-Control konkretisiert wird. Die Veröffentlichung ist für diesen Herbst geplant. Die Bundesregierung bekennt sich klar dazu, dass wir in systemdienliche Speicher investieren müssen. Wichtig ist mir: Es bringt nichts, wenn jemand nur wegen eines günstigen Grundstücks auf der grünen Wiese einen Speicher baut und dafür eine eigene 110-kV-Leitung braucht – das belastet nur Netz und Kunden. Sinnvoll ist es dort, wo Speicher in Kombination mit Erzeugungslagen oder Produktionszentren volatile Energie verfügbar machen.
Die Branche sagt, mit den bisherigen Auflagen des Regulators rechnet sich das alles nicht. Darf man mit Batterien in Österreich kein Geld verdienen?
Doch, wir wollen möglichst viele unterschiedliche Geschäftsideen ermöglichen. Die Branche kann sich bis zu 75 Prozent der Netzkosten ersparen. Natürlich wollen die Projektwerber mehr. Aber Politik und E-Control müssen auch die Leistbarkeit für die Kunden im Blick behalten. Eine pauschale 20-jährige Befreiung für alle ist damit nicht vereinbar. Aber wir sind im engen Austausch mit der Branche und ich bin optimistisch, dass wir eine gute Lösung finden – vor allem im Interesse des österreichischen Stromsystems und seiner Netzkunden. Mitte September folgt ein größerer Roundtable mit E-Control und einer breiteren Stakeholder-Runde, da die Verordnung auch andere Themen regelt, etwa die stärkere Leistungsbepreisung. Mit einer Verlautbarung rechne ich im Oktober.
Trifft diese stärkere Leistungskomponente den durchschnittlichen Stromkunden?
Laut E-Control-Berechnungen werden damit die meisten Stromkunden im Land entlastet. Nur jene Großverbraucher, die unbedingt gleichzeitig die Wärmepumpe, das E-Auto und die Poolpumpe laufen lassen wollen, müssten mehr bezahlen. Aber das lässt sich technisch leicht lösen, Wärmepumpen kann man heute problemlos zeitlich programmieren. Wer sich danach richtet, spart.
Die Energiewende wird oft als großer Kraftakt beschrieben. Was steht am Ende der Mühen?
Die Vision ist, dass Österreich zum Stromexporteur wird. Das würde das Angebot erhöhen und die Preise senken.
Europas Energieunabhängigkeit ist ein Dauerthema. Viele Manager zweifeln aber daran, dass Europa dieses Mal mehr unternimmt, als nur zu reden. Lassen wir ungenutztes Potenzial liegen?
Diese Skepsis teile ich grundsätzlich. Zumindest mit Blick auf Europa. Österreich tut in meinen Augen schon deutlich mehr. Wir haben etwa erstmals ein eigenes Geothermieziel verankert. Das Finanzministerium hat dafür nun einen notwendigen gesetzlichen Baustein vorgeschlagen, zusätzlich braucht es noch eine entsprechende Regelung im Wasserrecht. Grundsätzlich gilt: Alles, was heimisch und erneuerbar erzeugt werden kann, müssen wir sinnvoll nutzen.
Die EU-Gasspeicher auf einem 15-Jahres-Tief sind. Analysten warnen, dass es bei einem kalten Winter diesmal knapp werden könnte. Wird es knapp für Österreich?
Das sehe ich nicht. Unsere Speicher sind zu gut 62 Prozent gefüllt, die Einspeichersaison läuft noch bis Ende September. Zusätzlich sind wir abgesichert durch die verlängerte strategische Gasreserve. Zur Lage in Europa kann ich keine Pauschalaussage treffen, aber: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir sind bei Hitze und Kälte gut versorgt.
Selbst volle Lager schützen uns nicht, wenn die Gaspreise an Europas Börsen steigen. Droht ein teurer Winter?
Der Gaspreis ist heute zwar höher als vor der Krise, aber auch nicht in astronomischen Höhen. Wenn keine neue geopolitische Krise auftaucht, wird sich daran nichts ändern. Selbst dann, wenn es keine endgültige Lösung für die Straße von Hormuz gibt. Aber mich stört, dass die hohen Gas- und CO₂-Preise über die Merit-Order voll auf günstigere Erzeugungstechnologien durchschlagen. Langfristig sollte der CO₂-Preisaufschlag nicht ungefiltert grünen Strom verteuern.
Von Matthias Auer
Die Presse





