380-kV-Leitung soll in der Nähe eines Siedlungsgebiets verlaufen. Der Grund: Zugvögel an einem winzigen Teich. Gemeinde Nußdorf-Debant ist irritiert.
Exakt 192 Kilometer lang soll die von der Austrian Power Grid (APG) projektierte 380-kV-Leitung von Obersielach (Bezirk Völkermarkt) nach Lienz werden. Etwas mehr als zehn Kilometer davon in Osttirol. Es wäre der Ringschluss der österreichischen Starkstromleitung, die Weiterführung von Lienz zum Umspannwerk Tauern in Salzburg existiert bereits. Anders als beim von der APG geplanten Neubau der 220-kV-Leitung im Pustertal, gegen den sich eine breite Koalition aus Tourismus, Politik und Umweltschützern formiert hat, hielt sich die Aufregung um das Drei-Milliarden-Projekt im Bezirk bisher in Grenzen.
Bei den vier betroffenen Gemeinden – Nikolsdorf, Dölsach, Nußdorf-Debant und Lienz – richtete sich die Kritik eher an den Informationsfluss seitens des Stromriesen (Lienz-Bürgermeisterin Elisabeth Blanik: „Die APG redet viel, sagt aber nichts.“). Der Dölsacher Bürgermeister Martin Mayerl hingegen lobte gegenüber der Kleinen Zeitung sogar, dass die APG Forderungen der Gemeinde bezüglich der Trassenführung „zum größten Teil erfüllt“ hätte. Dies schaut in Nußdorf-Debant nun anders aus. Stein des Anstoßes ist ein Teich.
Die Präsentation der Feintrasse zeigte laut Bürgermeister Andreas Pfurner (Liste NDG), dass die 380-kV-Leitung nur 70 bis 80 Meter vom Siedlungsgebiet entfernt verlaufen soll. „Damit haben die Anrainer natürlich keine Freude“, sagte Pfurner in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Es folgten vergangene Woche Gespräche zwischen APG, Gemeinde und zehn Anrainern. Inklusive des Vorschlags, die Leitung rund 300 Meter weiter gen Süden über Felder zu verlegen. Der Projektwerber lehnte entschieden ab und führte als Grund den „BNW-Teich“ an – ein kleines Stillgewässer nahe dem Firmengelände von BNW Beton. Pfurner: „Laut APG ist der Teich neben dem Neusiedler See und zwei, drei anderen Gewässern der Hotspot für Zugvögel in ganz Österreich.“
Das Kuriose aus Sicht der Gemeinde ist nicht nur der Vergleich. Denn: Die von der APG geplante Trasse würde zwar nördlich des Teichs verlaufen, aber lediglich 15 Meter vom Wasser entfernt. Ein 85-Meter-Mast stände sogar fast am Ufer. Die neu zu verlegende 220-kV-Leitung wiederum wird – wie der Gemeindevorschlag für die 380 kV – südlich über die Felder fahren. Pfurner: „Das kapiere ich nicht: 15 Meter nördlich vom Teich ist es kein Problem, 300 Meter südlich schon? Die 220 kV darf im Süden verlaufen, aber die 380 kV nicht?“ Die APG-Manager hätten sogar die Einflugschneisen der Vögel vorgeführt. Pfurner: „Ich bin mir vorgekommen wie in den Steilkurven bei einem US-Cart-Rennen.“ Die Situation wäre dann „ziemlich eskaliert“, ein Anrainer hätte wütend den Saal verlassen. Das Gespräch wurde ergebnislos beendet.
Auch abseits des Teiches beziehen in Osttirol immer mehr Position. So bekannte sich kürzlich die Wirtschaftskammer Lienz zusammen mit fünf Leitbetrieben (iDM, Liebherr, Loacker, Theurl Holz und RGO) klar für den Bau der 380 kV. Die Wirtschaftstreibenden betonen generell die Herausforderungen der Dekarbonisierung und den damit verbundenen Strombedarf: Aktuelle Studien gehen laut WKO von einer Verdoppelung in den nächsten 20 Jahren aus. Die APG selbst verweist stets auf die laufenden Gespräche mit den Gemeinden und darauf, dass der Lückenschluss „eine zentrale Rolle für das Gelingen der versorgungssicheren Energiewende“ inne hat. Dies bezweifelt der Verein „Lebensraum Kärnten ohne Hochspannungs-Stromfreileitungen“ (LKoS). Der Zusammenschluss von fast 20 Bürgerinitiativen und Protestbewegungen wird in Osttirol durch Sprecher Robert Moser vertreten. Bei einem Medientermin von LKoS verwies der pensionierte Physiker Eberhard Burkel auf eine Studie, nach der der Energiebedarf bis zum Jahr 2040 sogar sinken würde. Auch kritisiert man die Auswirkungen auf Natur, Gesundheit und Lebensqualität durch bis zu 90 Meter hohe Masten. Über einen Rechtsanwalt hat man sich an den Rechnungshof und die Europäische Kommission gerichtet.
In Nußdorf-Debant geht es eine Nummer kleiner weiter. Einstimmig gab der Gemeinderat ein Budget von 10.000 Euro frei – für ein unabhängiges Gutachten durch einen Ornithologen. Pfurner: „Wir können die Sachlage so einfach nicht glauben.“
Von André Schmidt
Kleine Zeitung


