Energie. Sollen Rechenzentren im Krisenfall abgeschaltet werden, um die Versorgung für Privathaushalte sicherzustellen? Eine brisante Debatte aus den USA könnte bald auch Österreich erreichen.
Anfang Juli, mitten in einer Rekordhitzewelle, lief im größten Stromnetz der USA praktisch jedes verfügbare Kraftwerk im Vollbetrieb. Trotzdem erhielten große Stromverbraucher in Virginia, Maryland und Washington plötzlich eine ungewöhnliche Warnung: Rechenzentren sollten bereit sein, binnen 15 Minuten vom öffentlichen Netz auf ihre eigenen Generatoren umzuschalten.
Seit mehreren Monaten bereits warnt PJM, mit 67 Millionen Kunden Amerikas größter Strommarkt- und Netzbetreiber, dass die Stromnachfrage deutlich schneller steige, als neue Kraftwerke gebaut werden. Daran ändert auch nichts, dass die großen US-Techkonzerne inzwischen selbst immer mehr Kraftwerke bauen, um den riesigen Energiehunger ihrer Rechenzentren möglichst autark zu stillen.
Die Stromnetze in den meisten US-Bundesstaaten sind alt und marode und halten den neuen Anforderungen kaum noch stand. Vergangene Woche beantragte PJM daher bei der US-Regulierungsbehörde Ferc neue Regeln für Großverbraucher: Wird Strom knapp, sollen neue Rechenzentren künftig gedrosselt oder auf Eigenversorgung umgestellt werden, um die Versorgungssicherheit für Haushalte und kritische Infrastruktur nicht zu gefährden.
Gerade in Zeiten von auch in Europa angespannten Energiemärkten stellt sich beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) daher zunehmend die Energie-Verteilungsfrage: Wer bekommt Strom, sollte einmal nicht für alle gleichzeitig genug da sein? Ein Szenario.
Wer im Ernstfall versorgt wird
„Die amerikanische Netzsituation ist mit Europa nicht vergleichbar“, sagt E-Control-Vorstand Alfons Haber. „Insgesamt sind wir in Österreich und Europa für den zukünftigen Zubau von großen Anlagen wie KI-Rechenzentren gut gerüstet.“
Sollte der Bedarf wegen eines schweren Energieengpasses tatsächlich nicht gedeckt werden können, wurde politisch vorgesorgt. Dann greift das Energielenkungsgesetz. Bisher kam dieses Notfallgesetz noch nie zur Anwendung – weder während der Gaskrise 2022 noch im heurigen Sommer, als wegen der Dürre Wasserkraftwerke deutlich weniger Strom produzierten und europaweit mehrere Kernkraftwerke vom Netz genommen werden mussten.
„Für den Notfall gibt es für Großverbraucher entsprechende Abschaltpläne“, so Haber zur „Presse“. Aktuell befänden sich mehrere hundert energieintensive Unternehmen auf einer Liste, die laufend evaluiert und aktualisiert wird. Sie müssten im Notfall ihre Leistung reduzieren oder ganz abschalten, um die Versorgung für Haushalte nicht zu gefährden“, so der E-Control-Vorstand.
„Nicht ganz durchdacht“
„Auch Rechenzentren fallen in diese Großverbraucher-Regelung und würden dabei gleich behandelt werden wie andere systemrelevante Unternehmen“, sagt Haber. Die Anlagen würden also länger mit Elektrizität versorgt werden als nicht systemrelevante Betriebe und auch dann mit etwas Vorlaufzeit abgeschaltet, sodass den Unternehmen bei laufendem Betrieb keine allzu großen betriebswirtschaftlichen Schäden entstehen.
Dass im Notfall künftig auch Rechenzentren in diese staatlich verordnete Notfallpriorisierung fallen sollen, ist für Gerhard Christiner nicht hausgemacht. „Diese Szenarien scheinen mir politisch noch nicht ganz durchgedacht“, so der Vorstand des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG) zur „Presse“. Rechenzentren seien künftig zwar „wohl so etwas wie das Zentralnervensystem unserer Volkswirtschaften, aber letztlich ist es eine politische Entscheidung, ob man sie als systemrelevant einstuft und entsprechend behandelt“.
Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) hat bereits im April einen Wink gegeben, wie die politische Prioritätensetzung aussehen könnte: „Die Versorgungssicherheit der Menschen hat immer Vorrang vor Rechenzentren.“
Der APG liegen österreichweit aktuell Netzzugangsanfragen für Rechenzentren von 2,5 Gigawatt vor. Das entspricht etwa dem Fünffachen des seit Wochen für breite Debatten sorgenden Google-Rechenzentrums im oberösterreichischen Kronstorf in seiner geplanten Endausbaustufe. Und es ist auch mehr als die Leistung der gesamten Wasserkraftwerk-Donaukette zwischen der deutsch-österreichischen Grenze und dem Kraftwerk Wien-Freudenau (rund 2,2 Gigawatt).
Profitieren Private von Google?
Insgesamt liegen dem Übertragungsnetzbetreiber sogar Netzanfragen mit einer Gesamtkapazität von mehr als 30 Gigawatt vor, betont Christiner. „Wir sehen hier teils völlig irrationale Entwicklungen und eine enorme Erwartungshaltung, die an das Stromnetz gestellt wird.“ Obwohl Österreich im Netzausbau gut aufgestellt ist, sei die aktuelle Infrastruktur „für diese Anforderungen nicht ansatzweise gebaut“.
In der Debatte um das geplante Rechenzentrum von Google in Kronstorf spitzt sich die Problematik plakativ zu. Neben Bedenken um die Umweltverträglichkeit des riesigen Datenzentrums spielt vor allem die Stromversorgung eine wesentliche Rolle. Bereits 2008 sicherte sich der US-Techkonzern die Gründe für das Projekt – seither sei man mit Google regelmäßig im Austausch, um den benötigten Netzanschluss gewährleisten zu können, so der APG-Chef. „Langfristige Planung ist hier für uns besonders wichtig“, sagt Christiner – auch, weil die APG in der Region gerade die Infrastruktur für den stromintensiven Lichtbogenofen für die Voestalpine baut.
„Über die genaue Betriebsführung des Rechenzentrums – etwa wann die Anlage wie viel Energie brauchen wird – haben wir von Google allerdings noch keine Informationen bekommen“, so Christiner. Für den Netzanschluss sei das zwar egal, sagt der APG-Chef: „Wir müssen unsere Kunden vertraglich ohnehin rund um die Uhr zu hundert Prozent beliefern können.“ Für die Verteilung der Netzkosten könne der tatsächliche Verbrauch allerdings einen großen Unterschied machen. „Je mehr Strom Google am Standort tatsächlich verbraucht, desto mehr Netzkosten müssen sie bezahlen.“
Ein höherer Verbrauch würde somit die durchschnittlichen Netzkosten auch für Privathaushalte reduzieren, solange die Energieversorgung sichergestellt werden kann.
200 MW-Anschluss bei Wien
Transparenter als bei Google sei die Kommunikation mit dem US-Rechenzentrumsentwickler CloudHQ, sagt APG-Chef Christiner, der sich aktuell auch um die Netzanschlüsse für das geplante Datencenter des Unternehmens kümmert. Dieses soll ab 2027 in Leopoldsdorf südlich von Wien mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt entstehen. „Für Rechenzentrums-Betreiber und ihre Kunden ist Versorgungssicherheit das höchste Gut“, sagt Christiner. „Ein Stromausfall oder Abschalten ihrer Server wäre für sie das absolute Horrorszenario, weshalb sie für ihre Anlagen mehrere Großbatterien und Dieselgeneratoren als Backup halten.“
Das letzte Wort, ob und welche Priorisierungsstufe Rechenzentren im Falle einer Stromknappheit bekommen, scheint noch nicht endgültig gesprochen.
Wir sehen hier teils völlig irrationale Entwicklungen und eine enorme Erwartungshaltung, die an das Stromnetz gestellt wird. Gerhard Christiner APG-Vorstand
Von David Freudenthaler
Die Presse




