Wie viel Strom so ein Rechenzentrum frisst

22. Juli 2026, Kronstorf

Google in OÖ. Das Projekt in Kronstorf wird den Strombedarf heimischer „Data Centers“ drastisch steigern. Die Netzinfrastruktur muss für den Vollausbau erweitert werden. Der Strom kann von überall in Europa kommen.

Auf Google Maps ist klar erkennbar, warum Google schon vor 18 Jahren erkannt hat, dass das oberösterreichische Kronstorf ein guter Standort für ein Rechenzentrum wäre. Das Grundstück, das sich der US-Internetkonzern gesichert hat, liegt sehr nahe an der Enns. Der Fluss speist mehrere Wasserkraftwerke und soll künftig abfließendes Kühlwasser aufnehmen. Am anderen Ufer steht das Umspannwerk Ernsthofen, einer der größten Knotenpunkte im heimischen Stromnetz.


Doppelter Strombedarf


Strom und Wasser benötigt das Google-Rechenzentrum, das in zwei Jahren Realität sein soll, in rauen Mengen. Viele Anwohner sind deswegen sehr besorgt. 150 Megawatt Anschlussleistung soll das Projekt in einer ersten Ausbaustufe erhalten. Der jährliche Stromverbrauch wird mit 1,31 Terawattstunden prognostiziert – so viel, wie 375.000 Haushalte verbrauchen. In einer zweiten Stufe soll die Leistung 500 MW betragen und der Stromverbrauch bei 4,4 TWh liegen.


Die Dimensionen des Projekts werden klarer, wenn man sich den Status quo ansieht. Alle derzeitigen Rechenzentren des Landes – es sind rund 50 – kommen auf eine Gesamtanschlussleistung von 100 MW, schildert Martin Madlo, Präsident der Austrian Data Center Association. Im Jahr werden rund 1,4 TWh verbraucht, was etwa zwei Prozent des gesamtösterreichischen Strombedarfs entspricht.
Das Google-Projekt würde den Strombedarf von heimischen Rechenzentren also zunächst verdoppeln und langfristig vervierfachen.


Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid hält die notwendige Anschlussleistung für die erste Ausbaustufe bereit. Für die zweite Stufe sei ein Ausbau der Infrastruktur notwendig. Zum Rechenzentrum müsste laut APG eine 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung gelegt werden, die frühestens 2032 in Betrieb gehen könnte. Sämtliche Kosten für den Ausbau übernimmt der Verursacher, also Google.


Von weit her


Woher kommt der Strom? Üblicherweise wird eine möglichst hohe Verwendung von Ökostrom angestrebt, sagt Madlo. „In Europa gibt es seit vielen Jahren den Climate Neutral Data Center Pact. Das ist eine freiwillige Regelung, der fast alle Betreiber beigetreten sind.“ Für die Versorgung eines Rechenzentrums werden üblicherweise langfristige Lieferverträge, sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs), mit Energielieferanten abgeschlossen. Da Ökostrom nicht jederzeit im gleichen Ausmaß vorhanden, der Stromverbrauch eines Rechenzentrums aber relativ gleichmäßig ist, kommt der Strom zeitweise auch aus anderen, z. B. kalorischen, Kraftwerken. Auch Speicher sind hilfreich. Bilanziell wird die Klimaneutralität angestrebt, weshalb etwa CO2-Zertifikate zugekauft werden.


Für große Verbraucher wie Rechenzentren schließen Betreiber üblicherweise Lieferverträge mit mehreren Energieversorgern ab. Österreich ist fest in das europäische Stromnetz eingebunden, ein Rechenzentrum könnte also auch von einem weit entfernten Anbieter mitversorgt werden. Klimaneutral sollen Rechenzentren auch durch Abwärmenutzung werden. Dazu wäre es sinnvoll, Rechenzentren in Ballungsräumen oder in Gewerbeparks anzusiedeln. Das ist aber aus Platz- und Kostengründen schwierig.
Madlo vermisst eine ganzheitliche Planung und plädiert für eine nationale Rechenzentrumsstrategie. „Es braucht digitale Infrastruktur, um eine digitale Gesellschaft am Leben zu erhalten. Gerade im Hinblick auf KI und Cloud-Nutzung wird es auch in Österreich notwendig sein, weitere Kapazitäten zu schaffen.“ Das Land sei im europäischen Vergleich ins Hintertreffen geraten.


Nationale Strategie


„Wien war bis Ende der 2010er-Jahre einer der digitalen Knotenpunkte in Zentral- und Osteuropa. Diesen Status haben wir leider verloren.“ Während es in anderen Ländern jährlich Zuwächse bei der Rechenkapazität im zweistelligen Prozentbereich gebe, sei der Ausbau in Österreich schleppend. Die Nachfrage von Unternehmen und Behörden nach Rechenkapazität könne nicht bedient werden. „Viele Projekte sind abgesagt oder verschoben worden, oder sie wurden im Ausland realisiert.“
Dass es angesichts von Großprojekten Bedenken gebe, sei laut Madlo verständlich. Auch der Ruf nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung ab einer bestimmten Größe könne diskutiert werden. Notwendig sei einfach ein Dialog, der im besten Fall zu einer nationalen Rechenzentrumsstrategie führe. In anderen europäischen Ländern, etwa Portugal, gebe es so etwas bereits.

Kurier