Interview. Seit knapp 100 Tagen steht Michael Strebl an der Spitze der E-Control. Besitzer von PV-Anlagen stimmt er auf Veränderungen ein. Bei Batteriespeichern will der Regulator einen Wildwuchs wie bei Solar im Vorhinein verhindern.
Die Presse: Laut einer aktuellen Umfrage ist den Österreichern ein niedriger Strompreis erstmals wichtiger als die Versorgungssicherheit. Wie kommen wir zu billigem Strom?
Michael Strebl: Günstige Energie- und Netzpreise sind enorm wichtig. Für die Wirtschaft als Standortfaktor und für die privaten Haushalte, weil dort die Fragen der Leistbarkeit ganz existenziell sind. Bei internationalen Preiskrisen ist Österreich aber Passagier. Da können wir die Entwicklungen nur durch staatliche Maßnahmen abfedern. Etwa durch die Spritpreisbremse oder die Mobilisierung der Ölreserven. Aber auch der Sozialtarif und der Industriestrompreis werden einiges bewirken. Was man aber schon klar sagen muss, ist, dass es etwa für Haushalte durchaus auch aktuell recht günstige Angebote gibt, wenn man sich das – etwa auf dem Tarifkalkulator der E-Control – einmal anschaut.
Zuständig für niedrige Preise ist also vor allem die Politik?
Nein. Das ist kurzfristige Krisenbekämpfung, die auslaufen muss, weil man nicht zu lange in die Märkte eingreifen sollte. Entscheidend für niedrigere Preise ist auch, dass wir als E-Control das neue Betriebssystem für den Strommarkt (Elektrizitätswirtschaftsgesetz, Anm.) zum Laufen bringen. Dazu gehören die ganzen Verordnungen, etwa zur Systemnutzung, zu dynamischen Tarifen, zur Spitzenkappung und vieles andere mehr.
Die E-Control klagte zuletzt immer wieder, dass der Wettbewerb strukturell behindert werde, weil am österreichischen Strommarkt jeder an jedem beteiligt ist. Sehen Sie das auch so?
Ein funktionierender Wettbewerb ist einer der wichtigsten Preisfaktoren. Aber die Kreuzbeteiligungen sind jetzt kein Thema der E-Control, das ist eine Eigentümerfrage.
Die Frage, ob dadurch Wettbewerb verhindert wird, ist kein Thema für den Regulator?
Nein, das sage ich nicht. Aber ich möchte mich darauf konzentrieren, dass man den Strom dort billiger macht, wo man ihn billiger machen kann und wo die Instrumente der E-Control liegen. Ich bin kein Freund davon, über große Strukturen zu reden, die dem konkreten Kunden nichts helfen. Für uns ist wichtig, dass viele Anbieter am Markt sind, dass wir das transparent machen, dass der Lieferantenwechsel unkompliziert möglich ist, dass man auf der Rechnung den Strompreis gleich findet. Das sind die Hebel, die die E-Control ansetzt.
Michael Baminger, der Chef der Salzburg AG, sieht die detaillierten Vorgaben der E-Control etwa zur Gestaltung der Stromrechnung als Grund dafür, warum die Unternehmen die Preise kurzfristig nur schwer senken können.
Es gibt viele gesetzliche Vorschriften, auf deren Umsetzung auch die E-Control pochen muss. Aber wenn sich Michael Baminger eine einfachere und transparentere Stromrechnung wünscht, dann hat er in mir einen großen Verbündeten.
Apropos Verbündete: Sie sind direkt aus der Chefetage der Wien Energie an die Spitze der E-Control gewechselt. Wäre da eine Cooling-Off-Periode nicht etwas eleganter gewesen?
Ich glaube, dass es ein großer Vorteil ist, dass ich vorher in der Energiebranche war. Ich war selbst Dutzende Male bei der E-Control und weiß deshalb, wie stark Lobbying in Richtung des Regulators werden kann. Deshalb werde ich mir sicher kein X für ein U vormachen lassen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass die E-Control praxistaugliche Vorschriften und Verordnungen macht.
War das bisher nicht so?
Darüber will ich hier nicht öffentlich urteilen. Fakt ist, dass wir Regeln brauchen, die alle verstehen und den Kunden etwas bringen.
Wie könnte das etwa im Bereich der Netzkosten aussehen?
Das Wichtigste ist die Kostenkontrolle – ein strategisch geplanter Ausbau, damit nicht mehr überall alles entsteht. Der Fehler der energiepolitischen Diskussion der letzten Jahre war auch, dass man zuerst immer nur über Erzeugung geredet und alles andere links liegen gelassen hat. Fakt ist: Wir müssen unser Netz für die Energiewende umbauen. Es geht nicht mehr darum, Strom von ein paar großen Kraftwerken zu den Kunden zu bringen. Wir müssen das Netz ausbauen, um die erneuerbare Energie unterzubringen. Eine große Chance ist es jetzt, mit dem ÖNIP (Österreichischer Netzinfrastrukturplan, Anm.) eine integrierte Infrastrukturplanung zu machen. Dadurch werden die Kosten natürlich auch billiger – zugegebenermaßen nicht heute und nicht morgen, aber mit der Zeit.
Dieser Umbau soll auch gesetzlich beschleunigt werden. Im Vorfeld gab es viel Diskussion darüber, wie hoch die Erneuerbaren-Ziele für die Bundesländer sein müssen. Ist das spielentscheidend?
Der erneuerbare Ausbau ist extrem wichtig, weil er heute schon preisdämpfend wirkt. Zur Frage der Ziele: Ganz ehrlich, Österreich hat kein Zieleproblem, Österreich hat ein Umsetzungsproblem. Deshalb begrüße ich dieses Gesetz sehr, weil ich überzeugt bin, dass nun vieles in die Gänge kommen wird.
Die Auswüchse einer Energiewende wie bisher sehen wir im Sommer besonders stark: Es gibt zu viel Solarstrom, negative Preise, trotzdem zahlt der Staat brav weiter Subventionen dafür. Ist es Zeit, die Ökostromförderungen zu überdenken?
Wir sehen tatsächlich große Volatilität. Am 26. April hatten wir etwa Preise von fast 500 Euro für die Megawattstunde. Gleichzeitig gibt es Tage wie den 1. Mai, an denen wir durchgängig negative Strompreise hatten. Was zeigt uns das? Dass wir zu viel Strom im Netz und einen Mangel an Flexibilität haben. Dieses Preissignal muss man ernst nehmen. Für mich ist es schwer zu erklären, warum wir Förderungen für Strom zahlen, der am Markt nichts wert ist. Damit sollten wir aufhören.
Batteriespeicher können die Volatilität dämpfen, weshalb viele Länder sie von den Netzgebühren befreien. Die E-Control steht da auf der Bremse. Würgt der Regulator einen Boom ab?
Bei den Speichern haben wir noch die Chance, einen Wildwuchs wie bei der PV zu verhindern. Wir wollen keinem Speicherbetreiber, der ein gutes Geschäftsmodell hat, dieses Geschäftsmodell wegnehmen. Es geht nur darum, wann man systemnutzungsentgeltbefreit ist. Diese Befreiung ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Speicher systemdienlich ist – so steht es im Gesetz. Nicht jeder Speicher ist systemdienlich, nur weil es ihn gibt.
Angesichts der vielen staatlichen Eingriffe fordern manche Versorger, der Staat könnte auch gleich zu einer echten Preisregulierung zurückgehen. Das wäre ehrlicher. Ist das ein gangbarer Weg für Sie?
Diese Dinge höre ich auch oft, und ich bin jedes Mal wirklich überrascht. Ich bin ein Kind der Liberalisierung. Im Jahr 2000 hat die Regulierung geendet, ich habe den letzten Zipfel der regulierten Welt noch erlebt – und dahin möchte ich nie wieder zurück. Bei aller Kritik, die man üben kann: Die Liberalisierung hat für den Kunden enorm viel bewirkt. Dass das Pendel durch Energiekrise und Co. jetzt wieder ein wenig in die andere Richtung geht, ist für mich normal. Aber zu einer völlig regulierten Welt zurück – das möchte ich nicht.
Zur Person: Michael Strebl (*1964) führt die Regulierungsbehörde E-Control seit Ende März gemeinsam mit Alfons Haber. Davor stand der gebürtige Salzburger Strebl von 2016 bis Anfang 2026 an der Spitze des stadteigenen Versorgers Wien Energie.
Von Matthias Auer
Die Presse




