„Wir brauchen die Windkraft“

30. Juni 2026, Wien

Salzburg-AG-Chef Michael Baminger setzt als neuer Sprecher der E-Wirtschaft auf einen Temposchub beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Und er hofft, dass die Politik den Unternehmen das Geld für die nötigen Investitionen lässt.


Baminger sieht Österreich gegen Stromausfälle gewappnet, setzt auf den Dialog mit der Bevölkerung und erklärt, warum man das bestehende System zur Strompreisbildung in Europa beibehalten sollte.


Die Hitzewelle rollt, der Strombedarf steigt, das belastet die Netze. Wie groß ist die Gefahr von Blackouts in diesem Sommer?

Michael Baminger: Ich sehe keine Gefahr für einen unmittelbar bevorstehenden Blackout. Aus technischer Sicht haben wir die Lage im Griff. Nach meinem Verständnis und auf Basis vieler Gespräche mit Experten gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich ein Vorfall wie in Spanien bei uns ereignet. Aber in der aktuellen geopolitischen Lage muss man auch Themen diskutieren, die wir vorher nicht im Fokus hatten, wie Sabotage. Am Ende geht es darum, das System im Gleichgewicht zu entwickeln und zu halten. Wir brauchen Erzeugung, Netze für den Transport und Speicher. Wenn wir auf einer Seite hochfahren, müssen wir auch die andere berücksichtigen.

Die Netzkapazitäten sind also ausreichend?

Ja, das ist meine Einschätzung für den Status quo.

Dann kommen wir zur Zukunft. Die Ausbauziele wurden mit dem EABG noch einmal erhöht – auf 30 Terawattstunden zusätzliche Kapazität bis 2030 und 40 TWh bis 2035. Ist das zu schaffen?

Wir waren als Branche immer der Meinung, dass die Ziele zu schaffen sind. Meiner Meinung nach haben wir die Zielbilder ausreichend diskutiert. Jetzt geht es darum, bei der Umsetzung einen Zahn zuzulegen. Würden wir allein mit Zielen die Energietransformation schaffen, wären wir fertig. Ein wesentlicher Bestandteil im EABG ist für mich das überragende öffentliche Interesse für die erneuerbare Energieerzeugung und damit zusammenhängende Projekte. Wenn wir das jetzt umsetzen und wenn die kommende UVP-Gesetzesnovelle die Verfahren für große Projekte weiter vereinfacht, bin ich zuversichtlich, dass man diese Ziele schaffen kann. Die Unternehmen stecken mittendrin, sie projektieren, sie finanzieren, sie gehen in die Genehmigungsverfahren und sind darauf vorbereitet, diese großen Projekte zu stemmen. Aber die Branche allein kann das nicht bewältigen – dafür braucht es auch die Politik, den Gesetzgeber, die Behörden. Die Transformation funktioniert nur gemeinsam.

Landeshauptmann Wallner sagt, der Bund agiere beim EABG engstirnig. Das bezog sich auf die Vorgabe, dass alle Bundesländer verpflichtet sind, auch Windkraft zu installieren. Was sagen Sie dazu?

Wenn wir das Stromsystem dekarbonisieren, indem wir Mobilität, Raumwärme und industrielle Wärme zunehmend elektrifizieren, wird der Strombedarf deutlich steigen. In der Branche rechnen wir damit, dass er sich bis 2040 fast verdoppelt. Wenn wir diesen Bedarf decken wollen, brauchen wir einen ausgewogenen Technologiemix. Die Frage also, ob wir Windkraft in Österreich brauchen, ist ganz klar mit Ja zu beantworten. Demgegenüber stehen regionale Interessen und der Ausgleich dieser Interessen ist auch künftig in den Verfahren vorgesehen. Das EABG hilft uns mit dem überragenden öffentlichen Interesse, beseitigt aber den Interessenausgleich nicht. Die Windenergie bringt signifikante Erzeugungsmengen und in einer Zeit, in der wir sie dringend brauchen und andere Technologien nicht liefern, etwa im Winter oder am Abend. Das würde auch die Strompreise im Tagesverlauf glätten.

Es wird auch in Salzburg Windkraftanlagen geben?

Die Salzburg AG ist ganz konkret bei zwei Projekten schon relativ weit. Eines befindet sich im Genehmigungsverfahren, eines bereiten wir gerade vor. Wenn wir die Genehmigung haben, werden wir diese Projekte auch umsetzen.

In einer Umfrage Ihres Verbands sprechen sich zwei Drittel für mehr Strom aus Österreich aus. Beim Ausbau sieht es dann oft anders aus. Wie löst man diesen Konflikt?

Wir sehen, dass in Summe der Zuspruch zu Energieprojekten steigt. Aber natürlich ist es ein Unterschied, ob es eine abstrakte Frage ist oder ein konkretes Projekt in der Region. Doch es gibt einen Stimmungswandel, das sehen wir auch in Salzburg. Man muss mit den Menschen reden, erklären, was und wie es gemacht wird. Das heißt nicht, dass jede Interessenkollision auflösbar ist, da muss man Realist sein. Dieser Dialog wird weiterhin wichtig sein, auch wenn uns das EABG hier hilft, weil früher klar ist, welches Interesse überwiegt.

Und wie viel schneller wird es denn gehen?

Wenn wir uns bei rund fünf Jahren für große Projekte einpendeln, wäre das ein Fortschritt. Sie kennen vielleicht das Kraftwerk Stegenwald, dort haben wir mehr als zehn Jahre gebraucht. Wenn es nach mir geht, je schneller, desto besser, aber mit Rechtssicherheit. Nur Tempo hilft uns bei der Akzeptanz auch nicht.Trotz der jüngsten Energiekrisen wird als gegeben angenommen, dass jederzeit ausreichend Strom vorhanden ist.

Interessiert die Kunden nur der Preis?

Das ist aus meiner Sicht ein klassisches Präventionsparadoxon. Wir haben Gott sei Dank sehr wenige Stromausfälle in Österreich. Die Netzbetreiber leisten hier sehr gute Arbeit und die Menschen verlassen sich darauf. Das ist auch gut so. Der Strompreis war für die Menschen immer schon wichtig, auch wenn er im Warenkorb einen sehr kleinen Anteil hat. Für uns stehen beide Themen auf der Agenda ganz oben.

Billiger wird es angesichts der hohen Investitionen für den Ausbau nicht werden?

Wenn wir uns die letzten drei Jahre anschauen, dann sind die Preise seither deutlich gesunken, sowohl im Großhandel als auch für Haushaltskunden. Wir haben als Salzburg AG seit 2023 sieben Mal die Preise gesenkt, und das war auch in absoluten Zahlen signifikant.

In der Energiekrise gab es Kritik am Merit-Order-Prinzip, das europaweit den Strompreis bestimmt. Geändert hat sich daran bis heute nichts. Warum eigentlich? Die Merit-Order-Kurve war bis 2021 ein Randgruppenthema, das selbst innerhalb der Branche nicht allen geläufig war. Jetzt wird viel darüber diskutiert, aber im Wesentlichen geht es um Angebot und Nachfrage. Wenn der Preis steigt, sollten wir daraus ableiten, dass es eine Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage gibt. Seit der Krise wird versucht, das wegzuregulieren. Während einer Krise kann das sinnvoll sein, aber es darf kein Dauerzustand werden. Die Abschaffung der Merit Order würde das Gesamtsystem einer marktwirtschaftlich organisierten Energieversorgung in Europa komplett infrage stellen. Daher lehnt die EU-Kommission bisher alle Vorschläge dazu ab. Die Kernfrage ist: Will man Marktwirtschaft oder ein komplett reguliertes System? Wenn Strom über Grenzen gehandelt wird – und das ist in Österreich oft der Fall –, brauchen wir ein internationales System der Preisfindung. Zu wenig eigenes Angebot lässt sich nicht wegregulieren – dafür müssen wir investieren und mehr Kraftwerke bauen. Versorgungssicherheit ist kein Naturgesetz. Wenn wir diese weiter zu günstigen Preisen haben wollen, müssen wir unsere Erneuerbaren ausbauen.

Leonhard Schitter von der Energie AG hat letztens kritisiert, dass durch diverse politische Beschlüsse – Industriestrompreis, Sozialtarif, der Energiekrisenbeitrag zum Budget – die Branche in den nächsten fünf Jahren mit 2,2 Milliarden Euro belastet wird. Wird man Projekte verschieben müssen, wenn das so weitergeht?

Wenn ich mir die österreichische Industrie und die gesamte Wirtschaft anschaue, dann sind derzeit alle gefordert, effizienter zu werden. Das gilt auch für die Energiewirtschaft. Davon können wir uns nicht ausnehmen, unabhängig davon, ob uns der Gesetzgeber zusätzliche Verpflichtungen auferlegt. Klar ist aber auch, dass jeder Euro, den man zusätzlich aus dem System nimmt, nicht investiert werden kann. Wenn wir die Transformation beschleunigen wollen, dann ist es besser, mehr als weniger zu investieren. Wenn man uns das Geld lässt, geht es schneller.

Sie sind dennoch optimistisch, dass Österreich die Energiewende im geplanten Zeitraum schafft. Selbstverständlich. Und es ist unsere Aufgabe, dass wir das möglich machen.

Richard Wiens

Salzburger Nachrichten