Extreme Strompreise wegen der Hitze zeigen die Schwächen des Systems auf

1. Juli 2026

Am Abend sehr teuer, zu Mittag billig – Kunden mit flexiblen Tarifen sind betroffen

Es ist eine außergewöhnliche Situation auf dem europäischen Strommarkt. Die Börsenpreise schwanken seit einigen Tagen massiv. Am Abend kostet Strom in Österreich teilweise zwischen 300 und 700 Euro pro Megawattstunde (MWh) – das sind umgerechnet 30 bis 70 Cent pro Kilowattstunde (KWh). Zum Vergleich: Private Kunden zahlen derzeit üblicherweise rund zehn bis 15 Cent brutto (Arbeitspreis).


Von den Preisspitzen betroffen sind jene, die im Großhandel tätig sind, also etwa Energieversorger. An der Börse kaufen sie kurz-, mittel- und langfristig Strommengen. Auf dem sogenannten „Day-Ahead-Markt“ melden Kraftwerksbetreiber stundenweise, welche Mengen sie zu welchem Preis anbieten.
Die Preise sind aber nicht nur extrem hoch, sondern teilweise auch extrem niedrig. In den Mittagsstunden kostet Strom oft deutlich unter 100 Euro pro MWh oder sogar fast null (man hat zuletzt auch schon klar negative Preise zu Mittag gesehen).


Windflaute und mehr Gas


Der wesentliche Grund für die extreme Entwicklung ist die Hitzewelle, die Europa erfasst hat.
Einerseits steigt der Strombedarf, weil Haushalte und Betriebe Klimaanlagen und Ventilatoren einschalten. Krankenhäuser, Rechenzentren oder Produktionen müssen sowieso gekühlt werden.
Andererseits sinkt das Stromangebot. Zwar erzeugen die Photovoltaikanlagen und -parks untertags viel günstigen Strom. Am Abend lassen sie aber nach. Dann laufen die Windräder üblicherweise stärker – aber: „Es herrscht derzeit auch eine Windflaute in Europa“, sagt Johannes Mayer, Chefvolkswirt der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control. Das ist auch auf die stabile Hochdrucklage zurückzuführen.


Die in Österreich wichtige Wasserkraft liefert wegen der Trockenheit und geringen Wasserführung ebenfalls weniger Strom. Und die europaweit bedeutenden Atomkraftwerke sind weniger effizient – weil Flusstemperaturen hoch sind und Kühlwasser fehlt. In Belgien sind die Kernkraftwerke derzeit überhaupt nicht am Netz, weil sie gewartet werden.


Die Stromlücke in Europa muss daher mit Gas- und Kohlekraftwerken geschlossen werden. Diese produzieren Strom zu höheren Kosten, auch wegen des Hoch- und Herunterfahrens.
Herausforderungen dieser Art hat es auch früher gegeben, sie zogen sich aber über längere Zeit. „Der höhere Anteil der Erneuerbaren und Hitzewellen führen dazu, dass es solche Preissprünge verstärkt während eines Tages gibt“, sagt Mayer. Was ist die Antwort darauf? Mayer: „Allen voran der Ausbau von Speichern.“


Michael Strugl, Chef des Energiekonzerns Verbund, sieht einen „Weckruf für das System“. „Mit Speichern könnte Sonnenstrom auch bei Mondschein genutzt werden.“ Es fehle die Koordination. „Wir müssen mehr Strom selbst erzeugen, ihn dann zur Verfügung stellen, wenn er gebraucht wird, und zwar dort, wo er benötigt wird“, so Strugl mit Verweis auf die notwendige Netzinfrastruktur.


Die Novelle des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes soll dabei, wie berichtet, helfen. Die entscheidende Frage ist die Umsetzung.
Was bedeuten die aktuellen Preissprünge für die Kunden wie private Haushalte? Jene, die einen Vertrag mit einem fixen Preis haben, sind nicht betroffen. Das sind mehr als 90 Prozent der Kunden. Dass die angebotenen Fixpreise bei Neuabschlüssen letztlich steigen werden, davon geht Mayer derzeit nicht aus. Generell gilt: Preise vergleichen, Wettbewerb nutzen.


Weniger als zehn Prozent haben flexible Tarife, die sich an den Großhandelspreisen orientieren und bis zu viertelstündlich angepasst werden. Sie nehmen die Entwicklung nach oben und unten voll mit und sollten daher ihren Stromverbrauch (Waschmaschine, E-Auto) in Zeiträume verlegen, in denen der Strom laut „Day-Ahead-Markt“ billig sein wird. Das ist für jene, die nur abends zuhause sind und keine intelligente Energiesteuerung haben, mitunter schwierig – ebenso für Betriebe mit Kühlräumen, die immer laufen müssen. Wenn man es gut steuern kann, steigt man laut Mayer mit flexiblen Tarifen im Durchschnitt aber immer noch leicht günstiger aus.

Oberösterreichische Nachrichten