Viel Sonne, wenig Wasser, oft kein Wind: Österreichs Stromversorgung blieb bisher trotz des Ausnahmewetters stabil. Doch wie geht es weiter? Die SN haben sich bei Experten umgehört.
Die Hitzewelle hat das Land weiter fest im Griff. In Österreich ist der Pegelstand vieler Flüsse über den Sommer auf einem historischen Tiefststand, richtiger Regen ist nicht in Sicht. Das hat die Stromerzeugung aus Wasserkraft, traditionell die Basis der heimischen Versorgung, bereits um ein Drittel sinken lassen. Das System sei bisher trotzdem stabil, betonen Experten unermüdlich. Photovoltaik gleicht tagsüber viel aus, am Abend übernehmen Pumpspeicher die Stromproduktion und nachts wird kräftig importiert.
Doch waren die Rekordtemperaturen dieses Sommers erst der Anfang? Was passiert mit der Energieversorgung, wenn die Wasserführung in den Flüssen dauerhaft gering bleibt und zugleich der Stromverbrauch durch Wärmepumpen, E-Mobilität und Elektrifizierung der Industrie steigt?
„Der Glaube, die Wasserkraft wird uns immer stützen und retten, hält nicht mehr“, warnt Gerhard Christiner, Chef des heimischen Übertragungsnetzbetreibers APG. Die Verbund-Tochter ist hauptverantwortlich dafür, dass das Stromsystem trotz Wetterkapriolen Tag und Nacht verlässlich funktioniert. Die Lehren, die sich aus den Ausnahmesituationen der vergangenen Wochen ziehen lassen? „Aus meiner Sicht ist das Wichtigste Diversifizierung“, betont der Experte. Der Mix aus Wind- und vor allem Solarstrom habe über den Sommer extrem geholfen und müsse weiter wachsen. Notwendig seien auch mehr Speicher, sowohl Batterie- als auch Pumpspeicher, ohne die das Netz an die Grenzen käme. Die dritte Erkenntnis aus der Dürrephase, die weite Teile Europas betrifft, sei die Bedeutung einer guten Integration in den europäischen Markt für die Versorgungssicherheit.
Österreich ist mangels Wassers zurzeit quasi den ganzen Tag Nettoimporteur. Rund ein Fünftel des Strombedarfs werde aus den Nachbarländern gedeckt, so Christiner. Hauptexporteure sind Frankreich, Tschechien und die Schweiz, Länder mit Atomstrom, der auch nach Österreich kommt. Dazu kommt Strom aus deutschen Kohlekraftwerken. Die Voraussetzung sei ein entsprechend gut ausgebautes Netz. Österreich hätte sich Hunderte Millionen Euro erspart, wenn die Leitung nach Deutschland (sowie dahinter) bereits fertig wäre. „Fehlende Netzkapazitäten haben einen Rattenschwanz an Folgen, nicht nur in der Versorgung, sondern auch ökonomisch“, betont der Experte. Das zeige den volkswirtschaftlichen Mehrwert des Binnenmarktes.
Wie sehr ein Land von Importen abhängig sein oder selbst erzeugen wolle, sei „eine politische Entscheidung“, so der Chef der APG, die immer wieder in Langfristsimulationen die Stromversorgung prüft – auf Basis der vorgegebenen Ausbauziele und Marktmodelle. Der Ausbau von Wind- und Sonnenstrom sei „keine Hexerei, wenn die Flächen da sind“, die Herausforderung sei vielmehr die Komplexität eines Systems nur mit erneuerbarer Energie. „Das ist etwas völlig Neues. Ob das funktionieren wird, diesen Realitätscheck haben wir nie gemacht“, räumt er ein.
Was Christiner aktuell beschäftigt, sind weniger trockene Sommer als „der Blick in Richtung Winter“. Sollte es noch länger nicht regnen und im Winter, ähnlich wie im Vorjahr, viel Nebel und daher wenig Sonnenstrom geben, sei das „besorgniserregend“. Denn auch Gas sei infolge des Iran-Kriegs nicht im üblichen Umfang zu leistbaren Preisen verfügbar. Österreich sollte jedenfalls seine Gaskraftwerke mittelfristig am Leben erhalten.
Jede Erzeugungsform berge Risiken, stellt auch Johannes Mayer, Chefökonom der E-Control, fest: vom Mangel an Wasser, Gas oder Kohle über Kühlwasser bis zu Dunkel- oder Hitzeflauten. Die Frage sei, wie die Energieversorgung eines Wirtschaftsstandorts mit akzeptablem Risiko aussehen könne. Laut Simulationen auf 100 Jahre sind Engpässe auch in Europa nicht ausgeschlossen. Die Zauberformel für die Zukunft aus seiner Sicht: ein gutes Verhältnis zwischen den verschiedenen Technologien und zu den Nachbarländern, die gegebenenfalls einspringen können, weil sie einen anderen Mix, andere Technologien oder Wetterverhältnisse haben.
Klumpenrisiko Wasserkraft
Walter Boltz, Energieexperte beim Berater Baker McKenzie, geht noch einen Schritt weiter. Österreich sollte sich energiewirtschaftliche Kooperationen überlegen, sagt er, gerade die Balkanländer hätten Potenzial, oft seien aber die Netze zu schwach. „Wer auch Photovoltaik in Mazedonien oder Kroatien hat, ist resilienter, weil es selten überall gleich finster ist.“ Auch eine stärkere Integration mit Ländern außerhalb der EU, wie etwa der Türkei, sei eine sinnvolle Maßnahme, um Abhängigkeiten zu reduzieren. „Man muss die Stromlandschaft größer denken“, fordert der frühere E-Control-Chef. Zu den Ideen zähle etwa ein Gleichstromkabel von Marokko nach Italien. Auf diesem Weg könnte günstiger Windstrom aus Nordafrika nach Europa kommen.
Österreich solle seinen Erzeugungsmix rasch unabhängiger vom Klumpenrisiko Wasserkraft und von Klimakapriolen machen. In erster Linie durch jede Art von Speichern, mit denen sich die hohen Kosten bei Nichtverfügbarkeit reduzieren ließen, wie sich in Skandinavien oder Kalifornien zeige. Mit dem aktuellen Ansatz der Regulatoren für den Ausbau von Batteriespeichern „werden wir aber nicht hinkommen“, warnt er. Ein riesiges, ungehobenes Potenzial schlummert seiner Ansicht nach in Zukunft auch in den E-Autos. Deren Batterien könnten zum Teil als Speicher genutzt werden.
Ein massives politisches Versäumnis, auch der Grünen, ist laut Boltz die fehlende Anpassung an die immer deutlicheren Klimaveränderungen. Sogar wenn die EU alle Klimaziele erreiche, werde sich das steigende Temperaturniveau in Europa nicht rasch einbremsen lassen. Abgesehen von ersten Ansätzen in Land- und Forstwirtschaft sei das bisher völlig verschlafen worden, sagt er zu den SN. „Wie kann es sonst sein, dass vor vier, fünf Jahren ein Krankenhaus ohne Klimatisierung gebaut wurde?“
Er fordert eine Gesamtstrategie für Klimaanpassung – mit Finanzierung und Priorisierung. „Die Adaptierung muss genauso wichtig sein wie der Erneuerbaren-Ausbau und die Dekarbonisierung.“ Höhere Temperaturen seien „nicht das Ende der Welt“. Auch in Süditalien oder Südkalifornien sei es möglich, zu leben – und zu arbeiten. Ein Fernkühlsystem beim Ausbau der Fernwärme mitzubauen, sei nur „ein kleines Beispiel“ für Adaptierung. Es brauche Pläne für den Fremdenverkehr, das Gesundheitswesen, den Bildungsbereich und noch vieles mehr. „Ich bezweifle, dass das auch nur ansatzweise existiert“, weil die Problemlösungen hier 20 Jahre brauchten.
Monika Graf
Salzburger Nachrichten




