Energie. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres haben EU-Staaten 92 Prozent der gesamten russischen Flüssiggasexporte gekauft. Eine Schlüsselrolle dabei spielt ein politisch einflussreicher griechischer Reeder.
Eine neue Datenanalyse der deutschen Klimaschutzorganisation Urgewald legt die Doppelzüngigkeit der Haltung der EU gegenüber dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine offen. Während die Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, davon spricht, im Herbst die härtesten Sanktionen gegen Russland seit dessen Überfall auf die Ukraine vor viereinhalb Jahren zu präsentieren, kaufte eine Handvoll Mitgliedstaaten heuer fast die gesamte Flüssiggasproduktion Russlands auf.
Mit Bezug auf Daten der Rohstoffanalysefirma Kpler hält Urgewald fest, dass heuer bis einschließlich Juli 149 der 162 Ladungen von Flüssiggas, die das arktische Jamal verließen, an Häfen in der EU geliefert wurden. 10,89 Millionen der insgesamt in Jamal auf spezielle Tankschiffe verladenen 11,83 Millionen Tonnen an verflüssigtem Erdgas kamen so in die EU. Sie hatten einen Gesamtwert von 6,64 Milliarden Euro, die abzüglich der Transportkosten in den russischen Staatshaushalt flossen.
EU importiert heuer mehr
Zugespitzt kann man also sagen, dass die EU als größter und neben der Volksrepublik China und Taiwan derzeit einziger Käufer russischen Flüssiggases den Vernichtungskrieg des Kremls gegen das ukrainische Volk milliardenschwer mitfinanziert.
Bemerkenswert ist auch, dass der Import russischen Flüssiggases heuer im Vergleich zum Jahr 2025 bisher um 13,9 Prozent gestiegen ist. Das lässt sich nur auf den ersten Blick mit dem Ausfall nahöstlicher Lieferanten in Folge des US-israelischen Kriegs gegen den Iran und die daraus erfolgende Sperre der Meerenge von Hormus erklären. Denn die russischen Exporte nach Asien fielen im selben Zeitraum um 58,2 Prozent, und auch die asiatischen Staaten sind stark von der Einfuhr nahöstlichen Flüssiggases abhängig.
Eine Schlüsselrolle beim Export aus der Arktis und damit bei der Beschaffung von Einnahmen für die russische Kriegsführung spielt der milliardenschwere griechische Reeder George Prokopiou. 57 der 149 Lieferungen von Jamal in die EU wurden von seinen speziell für arktische Wetterverhältnisse gewappneten Tankern in die EU gebracht.
Dynagas spielt auch in der Ausfuhr von Jamal-Flüssiggas an Drittstaaten eine wichtige Rolle. Diese Tätigkeit wollte die EU im Rahmen des 21. Sanktionenpaketes unterbinden. Griechenland widersetzte sich dem allerdings erfolgreich mit dem Argument, die Schiffe von Prokopious Unternehmen Dynagas würden diesfalls von seinen chinesischen Kreditgebern übernommen und unter eigener Flagge für den Transport russischen Flüssiggases eingesetzt. Insofern beschloss die EU, dass der Weitertransport an Drittstaaten auch weiterhin erlaubt sein soll, allerdings nur auf Grundlage von Lieferverträgen, die vor dem 24. Februar 2022 geschlossen wurden. Der Import von Flüssiggas aus Russland in die EU hingegen ist ab 1. Jänner nächsten Jahres EU-weit verboten.
Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM
Die Presse



