„Der Umbau des Energiesystems kann nur gemeinsam gelingen“

28. September 2026, Wien

Transformation des Energiesystems: Wie gelingt dies unter den Bedingungen von Geopolitik, Klimawandel und technologischem Fortschritt? Antworten auf diese Frage brachte der Oesterreichs Energie Kongress 2026.


Der Stromverbrauch wächst. Experten gehen davon aus, dass er sich in Österreich bis 2040 nahezu verdoppeln könnte. Für die heimische Energiewirtschaft bedeutet das einen tiefgreifenden Umbau: Neue erneuerbare Erzeugungskapazitäten müssen geschaffen, Netze massiv ausgebaut und modernisiert sowie zusätzliche Speicher errichtet werden. Denn Wind- und Solarenergie stehen nicht kontinuierlich zur Verfügung und erfordern daher mehr Flexibilität im Energiesystem. Zugleich machen dezentrale Erzeugungsstrukturen intelligentere Netze notwendig. Digitalisierung und insbesondere künstliche Intelligenz sind dabei Hoffnungsträger – eröffnen jedoch auch neue Angriffsflächen für Cyberattacken. Das Energiesystem der Zukunft muss daher nicht nur erneuerbar – sondern auch weiterhin sicher und leistbar sein.


Wachstum und Wohlstand


„Ich stelle mir gerne eine Zukunft vor, in der wir Europäer unseren eigenen sauberen Strom produzieren, die Industrie dekarbonisieren und uns energietechnisch auf eigene Beine stellen“, griff Bundespräsident Alexander Van der Bellen das Stichwort Unabhängigkeit in seiner Grußbotschaft an die Teilnehmer des Oesterreichs Energie Kongress 2026 auf. Unter dem Motto „Zukunft unter Strom“ fanden sich Mitte September mehr als 800 Teilnehmende in der Hofburg in Wien ein, um die enormen nationalen und globalen Herausforderungen – und die Chancen, die sich daraus ergeben –gemeinsam zu diskutieren.
Was die Wirtschaft sich von dieser Transformation erwartet und was die Politik dazu beitragen kann, stellte Wolfgang Hattmannsdorfer, Bundesminister für Wirtschaft, Energie und Tourismus, in den Fokus seiner einleitenden Keynote: „Energie ist der Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit. Wer Energie kontrolliert, kontrolliert auch Wirtschaft, Wachstum und Wohlstand.“ Das Energiethema stehe demnach ganz oben auf der Prioritätenliste der Politik, die mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) und dem Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz (EABG) seit dem Vorjahr zwei große Gesetzespakete auf den Weg gebracht hat.


Wasserkraft als Rückgrat


„Mit dem EABG machen wir Schluss mit der Warteschleife bei der Energiewende. Die Technologie ist da, die Investitionsbereitschaft ist da, die Projekte sind da. Jetzt sorgen wir dafür, dass aus guten Plänen schneller konkrete Anlagen werden. Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft, Geothermie, Netze und Speicher brauchen nicht noch mehr Ankündigungen, sondern Tempo, klare Regeln und Planungssicherheit. Genau das liefert dieses Gesetz“, erklärt Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner.


„Nur mit Ausbau kann es gelingen, einerseits mehr Unabhängigkeit zu erringen und andererseits die Preise zu senken“, stößt Hattmannsdorfer ins gleiche Horn und fordert in diesem Zusammenhang die Beschleunigung von Prozessen der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) sowie die Errichtung neuer Wasser- und Pumpspeicherkraftwerke. „Wasserkraft wird das Rückgrat der Stromversorgung in Österreich bleiben“, so der Minister, der den Aspekten der Versorgungssicherheit und der leistbaren Energie in der aktuellen Situation Vorrang einräumen will.


Teamplay & Optimismus


Die Vertreter der österreichischen E-Wirtschaft begrüßten diese Ankündigung. Zugleich appelliert Oesterreichs-Energie-Präsident Michael Baminger an alle Stakeholder der Branche, die Transformation als „Teamplay“ zu verstehen. Die Transformation des Sektors solle als gemeinschaftliches Projekt und mit positiver Energie angegangen werden, so seine Botschaft.


„Die Situation ist herausfordernd, keine Frage. Aber was ich bei all den Diskussionen rund um die Transformation vermisse, ist ein gerütteltes Maß an Optimismus, in Form eines konstruktiven Zutrauens in die eigene Stärke und in die Kraft, etwas zu bewegen“, so Baminger. Gerade in Krisenzeiten gelte es, nicht die Probleme, sondern die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. „Lassen wir die Krise, die sich in unseren Köpfen eingenistet hat, die unser Denken bestimmt hat, gedanklich hinter uns. Nur so bekommen wir den Kopf frei für die kreativen und innovativen Lösungen, die wir jetzt in dieser Situation brauchen.“


Das gemeinsame Ziel dahinter formulierte Oesterreichs-Energie-Generalsekretärin Barbara Schmidt: „Was uns alle eint, egal aus welchen Bereichen der Energiewirtschaft wir kommen, ist der Erfolg einer sicheren, sauberen und leistbaren Energiezukunft. Gerade wenn die Branche wächst und neue Akteure hinzukommen, sind Austausch, gegenseitiges Verständnis und ein gemeinsames Ziel von essenzieller Bedeutung.“


Zukunft denken & handeln


Wie sich Versorgungssicherheit, Klimaziele und bezahlbare Strompreise miteinander verbinden lassen, stand im Mittelpunkt des Panels „Preis und Wert von Strom“. Studienautorin Tara Esterl vom Austrian Institute of Technology, stellte dabei Berechnungen vor, die zeigen: Je mehr erneuerbarer Strom in den Netzen, desto niedriger sind die durchschnittlichen Strompreise. Michael Strebl, Vorstand der E-Control, wies auf die Unterschiede zwischen Winter und Sommer sowie im Tagesverlauf hin. Sein Fazit: „Es wird immer wichtiger sein, wann und wo der Kunde seinen Strom bezieht.“ E-Control-Vorstandskollege Alfons Haber betonte, dass gerade die letzten Monate gezeigt hätten, wie eng internationale Entwicklungen mit der heimischen Energieversorgung verknüpft sind: „Unser Auftrag ist es, Versorgungssicherheit und funktionierende Märkte auch in herausfordernden Zeiten sicherzustellen, Verbesserungen für die Konsumenten auf den Weg zu bringen und gleichzeitig die Energiewende aktiv zu begleiten.“ Auch bei den Unternehmen der E-Wirtschaft haben leistbare Preise und ein gutes Kundenservice derzeit oberste Priorität.


Neben vielen weiteren Diskussionen rund um das Thema Energie wurden im Rahmen des Kongresses auch Blicke über den Tellerrand der Energiewirtschaft geworfen. Unter dem Titel „Zukunft verstehen, Wandel gestalten: Strategisches Denken in einer unsicheren Welt“ sprach Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College in Rom, darüber, wie strategische Vorausschau genutzt werden kann, um vorhandenes Wissen mit Ungewissheit zu verbinden und mögliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Ihre Conclusio: „Ungewissheit darf nicht lähmen. Unsere Denkweise ist in Krisenzeiten oft zu defensiv und negativ. Am wichtigsten ist es, klar zu definieren, wohin der Weg führen soll, und dieser Vision mit aller Entschlossenheit Taten folgen zu lassen.“


Auch Oesterreichs-Energie-Präsident Michael Baminger verwies in seinen Schlussworten auf Gaub: „Wir Menschen sind die einzige Spezies, die Zukunft denken kann – und dies einzig mit dem Grund, daraus Handlungen abzuleiten. Bei uns in der E-Wirtschaft sehe ich diese Erkenntnis als Auftrag: Gemeinsam ins Handeln kommen, für eine Zukunft unter Strom.“


http://www.oesterreichsenergie.at

Christian Lenoble

Die Presse