Zweite Welle des KI-Rauschs: Jetzt sind die Versorger dran

2. Juli 2026, Wien

Strom. Der KI-Boom braucht „Schaufelhersteller“ – und Strom. Der Sektor erlebt gerade eine Übernahmewelle. Die Aktionäre spüren aber noch nicht viel davon.

Die KI-Rallye benötigt, so wie seinerzeit der Goldrausch, „Schaufelhersteller“, die sie ermöglichen. Im Fall der Künstlichen Intelligenz sind das Halbleiter, Rechenzentren, Infrastruktur – und Strom. Doch im Gegensatz zu Halbleiteraktien zählen die Papiere von Stromversorgern nicht zu den heißesten Börsenthemen. Solche Aktien hält man wegen der Dividenden und der stabilen Entwicklung, aber nicht wegen der Aussicht auf übersprudelnde Kursanstiege. Doch das ändert sich gerade. Eine gigantische Übernahmewelle hat den Sektor erfasst, wie die „Financial Times“ berichtet. Das dürfte Aufmerksamkeit erzeugen und die Karten neu mischen. Doch warum findet das in den Aktienkursen noch keinen Niederschlag?


Strom muss konstant fließen


Wenn die geplante 67-Milliarden-Dollar-Fusion von NextEra, dem weltgrößten Erzeuger von Wind- und Solarenergie, und Dominion, einem Spezialisten für Kernkraft und Netzinfrastruktur, vollzogen ist, hat NextEra Zugang zur Stromversorgung im nördlichen Virginia, der Region mit der größten Dichte an Rechenzentren. 600 Anlagen von Amazon, Google, Microsoft und Co. befinden sich dort und werden von Dominion mit Strom versorgt. Bis 2035 sollen Rechenzentren mehr als die Hälfte des Stromabsatzes von Dominion ausmachen. Zusammen steigen die beiden Unternehmen zum weltgrößten regulierten Stromerzeuger auf. Der neue Megakonzern vereint dann 110 Gigawatt Erzeugungskapazität, betreibt das größte gasbasierte Stromnetz und den zweitgrößten Nuklearbetrieb in den USA.


Der Hintergrund: Die Tech-Konzerne wollen für ihre KI-Server CO2-freien Strom, NextEra kann aber nicht rund um die Uhr eine konstante Menge an Sonnen- und Windstrom liefern. Doch künftig kann Dominion sein Atomkraft- und Erdgasnetz beisteuern, das die Grundlast absichert. Noch etwas heizt das Übernahmefieber an: Die Modernisierung und der Ausbau von Stromnetzen werden hunderte Milliarden an Kapital erfordern, was Versorger mit der nötigen Größe viel leichter stemmen können.


Finanzinvestoren steigen ein


Kleine und mittelgroße Stromfirmen werden häufig von Private-Equity-Unternehmen und anderen Finanzinvestoren übernommen. So ist ein Konsortium um Blackrock und EQT gerade dabei, den Stromversorger AES von der Börse zu nehmen. Das Unternehmen hatte gigantische Verträge mit Techkonzernen an Land gezogen, war aber dann schlicht zu klein, um die nötigen Milliardeninvestitionen zu finanzieren. Die Finanzinvestoren sichern sich durch die Übernahme stabile Renditen über Jahre und Jahrzehnte.


Bereits im Vorjahr hat Constellation Energy, der größte Betreiber von Atomkraftwerken in den USA, das Energieunternehmen Calpine um 26,6 Milliarden Dollar geschluckt, um an hocheffiziente Gaskraftwerke und Geothermie-Anlagen zu gelangen. Vor der Übernahme war Constellation vor allem im Nordosten und Mittleren Westen der USA stark. Calpine hingegen hält große Marktanteile in Texas und Kalifornien. Genau das sind die Regionen, in denen viele neue Rechenzentren für Künstliche Intelligenz entstehen.
Vor zwei Jahren hatte die Aktie von Constellation Energy zu einem Höhenflug angesetzt, als bekannt wurde, dass das Unternehmen mit Microsoft einen Deal geschlossen hat, um das stillgelegte Kernkraftwerk Three Mile Island (Pennsylvania) wieder hochzufahren. Constellation sollte das Werk reaktivieren und Microsoft mindestens 20 Jahre lang mit Energie versorgen. Die Aktie von Constellation schoss hoch.


Hürden auf dem Weg


Doch dann durchkreuzte der Netzbetreiber PJM Interconnection die Pläne. Weil andere Netzausbauprojekte in der Region jahrelang verschleppt worden waren, dürfe der Reaktor frühestens 2031 ans Netz gehen, hieß es plötzlich, da das Stromnetz ohne Modernisierung die enorme Last nicht tragen könne. Vor kurzem hat die US-Energieprüfungsbehörde FERC eingelenkt und einen Sonderantrag von Constellation genehmigt. Das Unternehmen darf nun ungenutzte Netzkapazitäten eines seiner stillzulegenden Gaskraftwerke direkt auf das Kernkraftwerk übertragen. Das Problem: Obwohl Constellation das Gaskraftwerk Eddystone am liebsten sofort schließen würde, muss die Anlage weiter im Notbetrieb laufen, da die US-Regierung die Schließung durch Notverordnungen immer wieder künstlich verschoben hat. Sie fürchtet, dass das regionale Stromnetz ohne diese Reserve bei Hitzewellen oder Winterstürmen kollabieren könnte. Und so muss Three Mile Island warten.


Bei den Aktionären von Constellation hat sich inzwischen Ernüchterung breitgemacht. Mit einem Minus von 27 Prozent ist das Papier heuer das schwächste im ganzen US-Utilities-Sektor. Auch die Vistra-Aktie ist heuer leicht ins Minus gerutscht. In den vergangenen Jahren zählte das Papier zeitweise zu den stärksten im S&P 500, nachdem sich das Unternehmen große Abnahmeverträge mit Amazon und Meta für mehrere Jahre gesichert hatte. Doch die hohe Bewertung ließ keine Fehler mehr zu. Als der Börsenliebling im Vorjahr einen Gewinnrückgang wegen eines buchhalterischen Faktors (Bewertung von Stromderivaten) erlitt, begann das Papier abzurutschen. Die Luft war draußen.


Welche Aktien steigen


Mit einem Plus von sieben Prozent liegt der Utilities-Sektor heuer bestenfalls im Mittelfeld. Mit dem IT-Sektor (in dem die stark steigenden Halbleiterwerte enthalten sind), dem Industries-Bereich (der von Schwergewichten wie Caterpillar, GE Aerospace und GE Vernova in die Höhe gezogen wird) und dem Energiesektor mit seinen starken Ölwerten können die Versorger nicht mithalten. Die beiden größten Positionen, NextEra und Southern Company, konnten seit Jahresbeginn immerhin niedrig zweistellige Kursanstiege verbuchen.


Besser schlugen sich Evergy (das Unternehmen versorgt Regionen in Kansas und Missouri mit Strom, wo Google und Meta Rechenzentren ausbauen), Entergy (der Konzern beliefert Meta mit Solarenergie), DTE und Edison. Die Rechenzentren zwingen die Versorger zu enormen Investitionsprogrammen, die die Gewinnaussichten zumindest langfristig beflügeln sollten.

von Beate Lammer

Die Presse