Wie Software entscheidet, wann Strom, Speicher und Verbraucher wirtschaftlich reagieren und wie digitale Plattformen für Lastverschiebung, Speichersteuerung und Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften genutzt werden.
Die Großhandelspreise für Strom am österreichischen Day-Ahead-Markt schwanken stündlich, abhängig von Angebot und Nachfrage. In Stunden mit viel Wind-oder Solarstrom und gleichzeitig niedriger Nachfrage sinken sie deutlich, während sie bei hoher Nachfrage und geringer Erzeugung aus Erneuerbaren stark ansteigen. Auch innerhalb kurzer Zeiträume können die Unterschiede erheblich sein, wie ein beispielhafter Blick auf das von Austrian Power Grid (APG) veröffentlichte Day-Ahead-Preise-Dashboard vom 5. Juni 2026 verdeutlicht. Lag der Referenzpreis (mengengewichteter Durchschnittspreis) für Österreich um 14 Uhr bei 40 Euro pro Megawattstunde, so betrug er am selben Tag um 22 Uhr rund 180 Euro.
INTELLIGENTES LASTENMANAGEMENT. „Für energieintensive Unternehmen sind Stromkosten ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Hier setzt intelligentes Lastmanagement an. Dabei wird der Stromverbrauch gezielt gesteuert, um Kosten zu senken und das Energiesystem zu entlasten. Eine elementare Maßnahme dabei ist die Lastenverschiebung, also die Verlagerung von Energieverbrauch in Zeiten niedriger Preise und hoher Verfügbarkeit erneuerbarer Energien“, sagt Johanna Roniger vom Kontext-Institut. „Mit automatisierten Steuerungssystemen und zeitvariablen Tarifen lassen sich Kosten senken und Emissionen reduzieren, denn günstige Zeitfenster am Strommarkt fallen häufig mit hoher Einspeisung erneuerbarer Energien zusammen“, so die Autorin des Papers „Chancen der Digitalisierung in der Energiewende“.
Großes, bereits heute realisierbares Potenzial für Einsparungen liegt laut Roniger vor allem im industriellen Bereich: „In der energieintensiven Industrie ermöglicht intelligentes Lastmanagement die vorausschauende Steuerung von Maschinen, Speichern oder Prozessen, abhängig von Börsenstrompreisen und Netzzustand. Besonders in Branchen wie Stahl, Chemie oder Papier gibt es durch hohe Lasten auch großes Potenzial für gezieltes Management.“ So lassen sich in Verbindung mit datengestützten Prognosen zu Strompreisen, Verbrauch und Erneuerbaren-Anteilen Lastverschiebungen automatisiert und wirtschaftlich optimiert durchführen, was zu einem messbaren Beitrag zur Emissions- und Kostenreduktion im Energiesystem führt.
„In Kombination mit Speicheranlagen eröffnen sich zusätzliche Potenziale: Strom kann dann gespeichert werden, wenn er günstig verfügbar ist -bei hoher Eigenerzeugung oder niedrigen Marktpreisen -und dann entweder selbst genutzt oder bei hoher Nachfrage oder Netzbelastung wieder eingespeist werden“, erklärt Roniger, die in Sachen gezielter und effizienter Lastenverschiebung auf die wachsende Bedeutung von künstlicher Intelligenz verweist: „Vor allem bei kurzfristigen und stark schwankenden Bedingungen ermöglichen KI-basierte Prognosen zu Strompreisen, Wetter oder Netzbelastung, energieintensive Prozesse automatisch in jene Zeitfenster zu verschieben, in denen der Strom besonders günstig oder das Netz wenig belastet ist.“ Im Vergleich zu klassischen Verfahren erfassen KI-Modelle komplexe Zusammenhänge potenziell besser und können sich an verändertes Verhalten oder Marktbedingungen anpassen. Beispielsweise können künstliche neuronale Netze die Stromnachfrage mit hoher Genauigkeit vorhersagen oder die ideale Steuerung von Speichern und Lasten im Netz ermitteln, um Engpässe zu vermeiden und Lastspitzen zu glätten. „Der größte Hebel liegt jedoch im digitalen Lastmanagement insgesamt; ob mit oder ohne KI, macht dabei oft weniger Unterschied als die grundsätzliche Nutzung digitaler Systeme für Lastmanagement“, so Roniger.
VERNETZTE ENERGIEWELT. Was Digitalisierung als Hebel für die Energiewende leisten kann, wenn es darum geht das große Potenzial dezentraler Flexibilität zu nutzen, zeigt ein 2025 gestartetes deutsches Forschungsprojekt. Im Rahmen des EU-geförderten DataFlex arbeiten acht Partner aus Energiewirtschaft, Mobilität, IT und Forschung an der Entwicklung neuer Marktmodelle für eine vernetzte Energiewelt. Im Mittelpunkt stehen die Einbindung von Millionen dezentraler Verbraucher und Speicher – etwa Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und Heimspeicher – in das Energiesystem, samt sektorenübergreifendem Datenaustausch.
„Die Energiewelt von morgen braucht eine intelligente, digitale Verbindung -zwischen Strom, Wärme und Mobilität. Ein zentraler Bestandteil von DataFleX ist die Entwicklung von Marktmechanismen, um dezentrale Energieflexibilitäten wirtschaftlich nutzbar zu machen“, erklärt Kathrin Günther, Chief Transformation Officer bei TenneT Germany, dem Übertragungsnetzbetreiber, der die Leitung des Konsortiums innehat. Um die digitale Kopplung der Sektoren technisch und wirtschaftlich zu ermöglichen, werden bestehende Datenökosysteme miteinander verknüpft sowie neue Anreizmodelle zur Bereitstellung von Flexibilitäten entwickelt und erprobt -begleitet von einem Monitoring, das Fehlanreize erkennt und den volkswirtschaftlichen Mehrwert sichert. „Ein klimafreundliches und bezahlbares Energiesystem ist nur durch die digitale Vernetzung der Sektoren Strom, Wärme, Verkehr und Industrie möglich. Der sektorübergreifende Datenaustausch hilft, Netzengpässe gezielt zu managen, Redispatch-Aufwendungen zu senken und den Netzausbau effizienter zu gestalten“, so Günther. Die dadurch erzielten Kosteneinsparungen wirken sich wiederum perspektivisch kostensenkend auf die Netzentgelte und damit die Stromkosten aus. Darüber hinaus können kleinteilige dezentrale Flexibilitäten wesentlich zur Stabilität des Energiesystems beitragen. Ihr Nutzen liegt insbesondere in der Bereitstellung zusätzlichen Hochfahrpotenzials, das durch die zeitliche Verschiebung von Lasten ermöglicht wird -was einen wichtigen Beitrag in der Systemführung leistet, um den Wegfall konventioneller Kraftwerkskapazitäten auszugleichen.
ENERGIEGEMEINSCHAFTEN. Einen zentralen Beitrag zur digital gestützten Energiewende erwarten sich Experten auch von den sogenannten Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG). EEG ermöglichen es, den von Unternehmen und privaten Haushalten erzeugten Strom regional bzw. für mehrere Verbraucher zu verwenden und bieten so die Chance, in der Region gemeinsam unabhängiger von Energieimporten und den internationalen Energiemärkten zu werden. Das Konzept: Mehrere Akteure schließen sich über Grundstücksgrenzen hinweg zusammen, um erneuerbare Energie zu produzieren und zu verbrauchen. Jüngste rechtliche Grundlage dafür ist das Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) vom Dezember 2025, das künftig mehr Möglichkeiten wie den gemeinsamen Betrieb von Speichern sowie neue Formate des Stromaustausches und Stromdirektvertriebs bietet.
Wenn es darum geht, lokal erzeugten, umweltfreundlichen Strom gemeinsam zu nutzen und transparent aufzuteilen, spielt dafür spezialisierte Software eine tragende Rolle – am Beispiel des von der Salzburg AG verwendeten Tools enox.share. „Wenn Haushalte, Unternehmen und Vereine in Sachen Energie enger zusammenrücken, sollten die Zahlen und Daten stimmen. Doch gerade beim Gegenrechnen von verbrauchten und produzierten Kilowattstunden bedeutet diese klare Rechnung einen enormen Aufwand“, erklärt Miriam Fuchsberger-Begg, die bei der Salzburg AG für Energiegemeinschaften zuständig ist. Mit enox.share kommt hier eine Softwarelösung für das effiziente Management ins Spiel, in der alle relevanten Prozesse des energiewirtschaftlichen Datenaustauschs (EDA) vollständig integriert sind. Die Plattform ermöglicht eine ganzheitliche Verwaltung, inklusive Abrechnungsunterstützung für jeden einzelnen Zählpunkt – mit individueller Adresse, Steuersatz und Tarif. Auch die zentrale Verwaltung mehrerer Energiegemeinschaften über einen einzigen Zugang ist möglich; gedacht etwa für Anwender, die EG-übergreifend arbeiten. Das stetige Wachstum der Zahl der Erneuerbaren-Energie-Gemeinschaften könnte in Österreich nun mit einer neuen Plattform weiter befeuert werden. Auf Initiative der Arbeitsplattform Energiegemeinschaften und mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus (BMWET) und den Klima-und Energiefonds wurde Anfang des Jahres die kostenlose Onlineplattform „Strom verbindet“ geschaffen, die eine einfache Suche einer passenden regionalen Energiegemeinschaft ermöglicht. „Mit ‚Strom verbindet‘ setzen wir bewusst auf lokale und regionale Energiegemeinschaften. Sie entlasten die höheren Netzebenen, stärken die regionale Wertschöpfung und binden die Menschen aktiv vor Ort ein. So können Bevölkerung, Gemeinden und Unternehmen direkt an der Energiewende teilhaben“, sagt Bernd Vogl, Geschäftsführer des Klima-und Energiefonds.
DOPPELT INTELLIGENT. Wie digitale Intelligenz im Zusammenspiel mit Energiegemeinschaften einen Mehrwert erzielen kann, zeigt in Österreich der Erfolg der mehr als 170 Energiegemeinschaften (Stand Ende 2025) im sogenannten Neoom-Kluub. Dahinter steht das heimische Cleantech-Unternehmen Neoom, das die Energiewende dezentral, digital und wirtschaftlich gestaltet. Neoom entwickelt ein Peer2peer-Ökosystem aus Hard-und Softwarelösungen für die Erzeugung, Speicherung, Nutzung und Vermarktung erneuerbarer Energie. Dazu zählen PV-Systeme, Stromspeicher, Wärmepumpen und E-Ladestationen, verbunden über die Energiemanagement- und Software-Plattform Connect AI zur digitalen und autonomen Steuerung und Monetarisierung. Das Ziel: Gewerbliche, kommunale und private Kunden sowie Energieversorger sollen befähigt werden, Teil der Energiewende zu werden. Die Vision „Infinite Power for All of Us“ bedeutet dabei laut Unternehmensangabe eine „sichere und demokratisierte Energieinfrastruktur“.
Im Zentrum von Neoom steht eine digitale Plattform, die alle Energieflüsse in Echtzeit sichtbar macht und steuert. Kunden können damit Eigenverbrauch optimieren sowie über dynamische Tarife, Prognosemodelle und automatische Steuerung aktiv von Preisschwankungen am Strommarkt profitieren. Zudem wird ein Zusammenschluss mehrerer Anlagenbetreiber zu lokalen Energiegemeinschaften (Stichwort Neoom-Kluub) ermöglicht -ein europaweit immer stärker nachgefragter Ansatz.
„Unser lokaler Energiemanager BEAAM und das KI-gestützte Energiemanagementsystem Connect AI schaffen ein System, das PV-Anlage, Speicher und Verbraucher zu einer ganzheitlichen Lösung vernetzt, die nicht nur Verbrauchsverhalten und Wetterprognosen berücksichtigt, sondern auch auf Marktpreise, Netzbelastung und Einspeisetarife reagiert“, erklärt man bei Neoom. Das Ergebnis sei eine vollautomatisierte Anlage, die selbst entscheidet, wann Strom gespeichert, genutzt oder eingespeist wird -immer mit dem Ziel, den Eigenverbrauch zu maximieren, Einspeiseerträge zu steigern und Stromkosten zu senken. Als echten Meilenstein betrachten die Neoom-Verantwortlichen den Launch (2024) der Funktion „Intelligentes dynamisches Einspeisen“: „Hier zeigt sich, was doppelte Intelligenz leisten kann. Connect AI erkennt nicht nur, wann Strom benötigt wird, sondern auch, wann er am Markt am meisten wert ist -und speist nur dann ins Netz ein. Bei niedrigen oder negativen Preisen wird der Strom gespeichert oder direkt genutzt.“
RESILIENTES SYSTEM. „Die Kombination aus lokalem Hardware-Know-how, cloudbasierter Steuerung und datenbasierten Geschäftsmodellen zeigt, wie österreichische Anbieter mit digitalen Energielösungen die Energiewende vorantreiben und zugleich wirtschaftlich profitieren können“, bemerkt dazu Johanna Roniger vom Kontext-Institut. Ihr Fazit zu den Chancen der Digitalisierung in der Energiewende: „Die zentralen digitalen Lösungen für eine effiziente Energiewende sind längst vorhanden. Entscheidend ist nun, diese Technologien unter den richtigen Rahmenbedingungen verfügbar zu machen, systematisch zu nutzen und intelligent zu verknüpfen.“ Dafür brauche es klare Gesetzgebungen und gezielte Förderungen der Politik, mutige Umsetzung und Innovation in der Wirtschaft und aktive Mitgestaltung seitens der Zivilgesellschaft. Roniger: „Gelingt das Zusammenspiel, kann die Digitalisierung zu einem wirkungsvollen Hebel für ein leistbares, effizientes und resilientes Energiesystem werden.“
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