Energie. OMV-Chef Stern will mehr Gas – und Wärme – aus Europas Boden holen.
Zwei Monate vor dem geplanten Ende seiner Ära als OMV-Generaldirektor nimmt sich Alfred Stern kein Blatt mehr vor den Mund: „Europa wurde in den vergangenen fünf Jahren geschwächt“, sagt er. Überbordende Regulierung, Übergewinnsteuern, Spritpreisbremsen hätten den Investitionsstandort „unsicherer gemacht“. Die Folgen würden die Europäer schon in diesem Winter zu spüren bekommen.
Ab Anfang 2027 zwingt die EU-Methanverordnung alle europäischen Gasimporteure nachzuweisen, dass alles eingeführte Gas nach europäischen Berichtspflichten erzeugt wurde. In der Praxis sei das jedoch praktisch unmöglich, heißt es von den Unternehmen. „Es ist Dauerthema bei jeder einzelnen Verhandlung“, bestätigt auch Stern. Wenn Europa schrittweise die Gasgeschäfte mit allen Ländern erschwere, „bleiben uns am Ende keine Lieferanten übrig“. Auch die beiden größten Flüssiggashersteller USA und Katar warnten zuletzt vor möglichen Lieferproblemen in Richtung EU.
OMV will Gasfelder kaufen
Europa werde bis mindestens 2050 Erdgas brauchen und einen immer größeren Teil davon von Drittstaaten zukaufen müssen. „Wir sind in keiner Position, irgend jemanden auszuschließen“, betont der OMV-Chef. Die einzige Antwort auf das Problem könne nur die Stärkung der eigenen europäischen Produktion sein.
Das Unternehmen selbst hat dafür eine kleine Kurskorrektur vorgenommen. Statt die fossile Produktion, wie ursprünglich geplant, immer weiter zu senken, soll die Gaserzeugung bis 2030 von heute 300.000 auf 400.000 Fass am Tag steigen.
Einen großen Brocken davon steuert das rumänische Schwarzmeer-Projekt Neptun Deep der OMV bei. Ab 2027 soll dort so viel Gas fließen, dass damit drei Prozent des europäischen Bedarfs gedeckt werden könnten. Auch im österreichischen Wittau hat die OMV erst kürzlich eine neue große Gasproduktion gestartet.
Neptun Deep reicht nicht
Da bisherige Gasfelder aber immer weniger liefern, bleibt eine Lücke von 70.000 Fass auf das 2030er-Ziel, die auch nicht durch eigene Exploration gestopft werden kann. „Es werden Akquisitionen notwendig sein, um diese Lücke zu schließen“, so Stern. Im Auge hat er dabei vor allem das Schwarze Meer und den Mittelmeerraum. Die finale Entscheidung treffen und mögliche Zukäufe umsetzen, wird aber wohl ohnehin erst seine Nachfolgerin Emma Delaney.
Mittelfristig müsse Europa aber weiterdenken. „Mit Gas zu heizen, ist Verschwendung“, sagt Stern. Der Rohstoff sei zu kostbar und für industrielle Prozesse unabdingbar. Als Alternative für die Raumwärme treibt die OMV die Tiefengeothermie voran. Das Projekt mit der Wien Energie im Norden der Bundeshauptstadt hat alle Erwartungen übertroffen. Nach längerem Stillstand könnte es nun auch in Graz weitergehen.
Die seismische Messkampagne ist erfolgreich abgeschlossen. Gemeinsam mit der Energie Steiermark will die OMV nun Erkundungsbohrungen für das Projekt „Tiefenkraft“ starten, das die Hälfte des Großraums Graz mit Erdwärme versorgen soll. Ende 2026 starten die Bohrungen, ab 2030 könnte erste Wärme geliefert werden.
Von Matthias Auer
Die Presse




