
Anlässlich der Debatte über Treibstoffengpässe rückt die OMV-Raffinerie in Schwechat in den Fokus. Wie der Konzern auf globale Marktverwerfungen reagieren kann, hängt von der Herkunft des Rohöls, den Ölsorten, der technischen Ausstattung der Raffinerie und chemischen sowie physikalischen Grenzen ab – der Spielraum für die Anpassung der Ausbeute von Diesel hin zum lukrativeren Kerosin ist dabei sehr begrenzt und liegt im einstelligen Prozentbereich.
Ein Standard-Barrel Rohöl entspricht 159 Litern. Durch Destillation und weitere Verarbeitung entsteht daraus ein Spektrum unterschiedlicher Produkte, wobei das Gesamtvolumen der Endprodukte durch Dichteunterschiede auch leicht über dem eingesetzten Rohölvolumen liegen kann. Die Ausbeute an Ottokraftstoff (klassisches Benzin für Pkw), Diesel und leichtem Heizöl sowie Kerosin (der primär in der Luftfahrt eingesetzte Flugturbinenkraftstoff) hängt von der Rohölqualität, Raffineriekonfiguration und Fahrweise der Raffinerie ab.
Nur geringe Verschiebung der Produktion möglich
Ein kurzfristiger Komplettumstieg oder eine starke Verlagerung auf die Produktion von Kerosin ist physikalisch und verfahrenstechnisch nicht möglich. Allerdings haben moderne Raffinerien die Möglichkeit, die Ausbeute in begrenztem Umfang zu verschieben („Yield Shifting“). Durch die Anpassung von Destillations-Schnittpunkten (also der exakten Temperaturbereiche, basierend auf den Siedepunkten, bei denen bestimmte Stoffe in der Anlage verdampfen und abgezapft werden) oder im Hydrocracker (einer speziellen Anlage, die schwere Öle unter hohem Druck und Zugabe von Wasserstoff in leichtere Produkte aufspaltet) lässt sich der Anteil einzelner Endprodukte innerhalb begrenzter Korridore verschieben. Der konkrete Spielraum hängt dabei stark vom Rohölmix, der Anlagenkonfiguration, den Produktspezifikationen, aber auch der Marktlage ab.
Bei dieser Ausbeuteverschiebung sind die chemischen Eigenschaften und die physikalische Nachbarschaft der Stoffe entscheidend. Kerosin liegt bei der Destillation von seinem Siedebereich her zwischen dem leichteren Rohbenzin (Naphtha) und dem schwereren Gasöl (Diesel). Will eine Raffinerie mehr Kerosin produzieren, kann sie Teile der schwereren Naphtha-Fraktionen sowie der leichteren Diesel-Fraktionen in den Kerosinstrom umleiten. Verfahrenstechnisch handelt es sich dabei im Wesentlichen um einen Trade-off: Jeder zusätzlich erzeugte Liter Kerosin fehlt zumindest tendenziell im Diesel- oder Naphthapool.
Mehr Kerosin bedeutet weniger Diesel
Dass diese Verschiebung zu Kerosin in der Praxis besonders stark in Konkurrenz zu Diesel steht, hat auch sicherheitstechnische Gründe: Flugtreibstoff muss aus Sicherheitsgründen einen definierten Flammpunkt haben. Benzin ist hochentzündlich. Würde die Raffinerie zu viele leichte Naphtha- beziehungsweise Benzin-Anteile in das Kerosin mischen, würde dessen Flammpunkt sinken und der Treibstoff wäre für den Flugbetrieb ungeeignet. Auf der anderen Seite darf auch nicht beliebig viel Diesel beziehungsweise schwereres Gasöl beigemischt werden, da sonst die Tieftemperatur-Eigenschaften leiden und der Gefrierpunkt steigt.
Shell und ExxonMobil nennen für den weltweit üblichen Flugturbinenkraftstoff Jet A-1 einen Mindest-Flammpunkt von 38 Grad Celsius und einen maximalen Gefrierpunkt von −47 Grad. Der niedrige Gefrierpunkt ist wichtig, weil Flugzeuge in großer Höhe sehr kalten Temperaturen ausgesetzt sind. Der Mindest-Flammpunkt ist wichtig, damit der Kraftstoff am Boden und beim Handling nicht zu leicht entzündlich ist.
Betriebs- und Wettbewerbsgeheimnis
In der OMV-Raffinerie Schwechat wurden im Jahr 2024 konkret 37 Prozent Dieselkraftstoffe, 22 Prozent Benzin und 11 Prozent Flugturbinenkraftstoff (Kerosin) aus dem verarbeiteten Öl erzeugt.
Ob und wie genau sich diese Produktion im Zuge der jüngsten Krisen verschoben hat, legt die OMV jedoch nicht offen. Das genaue Ausmaß der Flexibilität bei der Ausbeute gilt als Betriebs- und Wettbewerbsgeheimnis. Würde der Konzern exakte, krisenbezogene Produktionszahlen und Fahrweisen einzelner Anlagen nennen, könnten Konkurrenten und Abnehmer Rückschlüsse auf Kostenstrukturen, Optimierungsspielräume und Verhandlungspositionen ziehen.
Weil möglicherweise gedrosselte Dieselmengen in Krisenzeiten auch politischen Zündstoff bergen, wehrt sich die OMV dagegen, jüngste Aussagen von OMV-Chef Alfred Stern dahingehend zu interpretieren, dass sie die Produktion von Diesel hin zu Kerosin verschoben habe. Lieber spricht man unkonkret von „Anpassungen“, wobei man die Produktion von Diesel und Kerosin „maximiert“ habe.
„Vorteilhafterer Produktionsmix“
Unbestritten ist, dass eine Mehrproduktion von Kerosin für die OMV wirtschaftlich attraktiver wurde: Infolge des Iran-Krieges stiegen die Kerosinpreise auf dem Weltmarkt deutlich. Gleichzeitig griff die Bundesregierung in Österreich mit der „Spritpreisbremse“ regulatorisch in die Preis- beziehungsweise Margenbildung bei Diesel und Benzin ein. Weil diese Maßnahme nur Diesel und Benzin betraf, wurde es für das Unternehmen relativ lukrativer, den Kerosin-Anteil innerhalb der relativ engen technischen und physikalischen Grenzen stärker auszuschöpfen.
Laut ihrem am Donnerstag veröffentlichten „Trading Update“ für das zweite Quartal geht die OMV von einer deutlichen Ergebnisverbesserung im Geschäftsbereich Fuels aus. Die Raffinerie-Referenzmarge in Europa sprang von 13,88 auf 20,33 Dollar je Barrel, die Auslastung stieg von 87 auf 90 Prozent. Als Gründe für das bessere Ergebnis werden unter anderem ein „vorteilhafterer Produktionsmix“ und die höhere Auslastung genannt.
Öl ist nicht gleich Öl
Rohöl ist kein homogener Stoff und variiert je nach Lagerstätte erheblich. In der Industrie wird es primär nach seinem Schwefelgehalt klassifiziert und nach seiner Dichte, gemessen als API-Schwere (das internationale Maß für die Dichte von Rohöl, wobei ein höherer Wert ein leichteres, dünnflüssigeres Öl anzeigt).
So besitzt etwa Venezuela zwar (noch vor Saudi-Arabien) die nominell größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt, doch der Löwenanteil davon besteht aus extra-schwerem Rohöl (Extra Heavy Crude) mit hohem Schwefelgehalt. Dieses Öl unterscheidet sich massiv von dem leicht fließenden, „süßen“ Öl im Nahen Osten.
Leichtes Rohöl (Light Crude) ist dünnflüssig und liefert mit relativ geringem thermischen Aufwand hochwertige, leichte Kraftstoffe wie Benzin. Mittelschweres und vor allem schweres Rohöl (Heavy Crude) ist hingegen hochviskos (zähflüssig) und erfordert aufwändige und teure Spaltverfahren („Cracken“). Dabei werden lange, schwere Kohlenwasserstoffketten unter Hitze in kurze, leichte Moleküle wie Benzin oder Diesel „zerbrochen“, um nutzbare Endprodukte zu gewinnen. Die Raffinerie Schwechat ist verfahrenstechnisch auf einen ausgewogenen Mix aus leichten, schwefelarmen und mittelschweren Ölsorten angewiesen, weil ein ausschließlicher Betrieb mit schweren Sorten an Kapazitätsgrenzen der Konversionsanlagen stoßen würde.
Kasachstan ist Haupt-Öllieferant
Um den Bedarf zu decken, importiert Österreich rund 94 Prozent seines verarbeiteten Rohöls, während die inländische Produktion 2024 lediglich rund 0,48 Millionen Tonnen betrug. Insgesamt beliefen sich die Rohölimporte im Jahr 2024 auf 7,67 Millionen Tonnen. Hauptlieferant ist Kasachstan mit einem Anteil von knapp 56 Prozent (4,28 Millionen Tonnen). Mit großem Abstand folgen Libyen (13,8 Prozent) und Saudi-Arabien (12,1 Prozent). Das importierte Öl wird auf dem Seeweg in den italienischen Hafen Triest geliefert. Von dort wird es über die Transalpine Ölleitung (TAL) und schließlich über die Adria-Wien-Pipeline (AWP) direkt in die Raffinerie nach Schwechat gepumpt.
Die Raffinerie Schwechat hat eine maximale Verarbeitungskapazität von rund 9,6 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Im Jahr 2024 verarbeitete die OMV dort 8,1 Millionen Tonnen Rohöl und stellte daraus 6,9 Millionen Tonnen Mineralölprodukte für den Inlandsmarkt und für den Export her. Mineralölprodukte aus heimischer Raffinerieproduktion deckten 2024 mehr als 55 Prozent des österreichischen Bedarfs, der Rest wurde durch Importe ergänzt.
Die Raffinerie versorgt nicht nur den Flughafen Wien über eine direkte Pipeline mit Kerosin, sondern erzeugt auch petrochemische Grundstoffe wie Ethylen, Propylen und Butadien, die in der Anlage unter anderem aus der Naphtha-Fraktion gewonnen werden. Im Jahr 2024 entfielen 15 Prozent der Produktion in Schwechat auf solche Grundstoffe. Die Raffinerie ist eng mit der angrenzenden Kunststoffproduktion verbunden – ehemals Borealis, die durch eine strategische Neuaufstellung 2026 gemeinsam mit Borouge und Nova Chemicals in das neue internationale Unternehmen Borouge International eingebracht wurde.
APA




