Ein riesiger Schatz unter der Erde

15. April 2026

Erdwärme kann viele Hunderttausend Haushalte in Österreich mit erneuerbarer Energie versorgen, allerdings sind die bürokratischen Hürden dafür derzeit noch hoch. Erstmals sollen Gesetzesreformen nun den Ausbau unterstützen.

Rund hundertmal tiefer als die tiefste U-Bahn Wiens reichen die Rohre der Geothermieanlage nahe der Seestadt Aspern in den Boden. Durch sie fließt heißes Wasser in die Höhe, das über das Fernwärmenetz bald viele Tausend Haushalte in Wien beheizen wird – und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ein Stück weit näher bringt.


Es ist eines der ersten großen Tiefengeothermieprojekte in Österreich. Viele weitere sollen folgen. In Wien planen die Wien Energie und die OMV zusammen bis zu sechs weitere Projekte, die insgesamt bis zu 200.000 Haushalte mit Energie versorgen sollen. In Niederösterreich ist der Ausbau geplant, ebenso in der Steiermark. In Oberösterreich werden bereits Fernwärmenetze geothermisch betrieben, das Potenzial für den weiteren Ausbau gilt als hoch. Rechnerisch könnten rund eine Million Haushalte in Österreich mit Tiefengeothermie erneuerbar heizen.


Doch Projektbetreiber erzählen von Hürden, die den Ausbau nach wie vor drastisch bremsen. Nach wie vor sei es rechtlich einfacher, Erdöl und Erdgas zu fördern, als die Wärme aus der Tiefe zu nutzen, kritisieren sie. Die Verfahren für Tiefengeothermieprojekte seien langwierig und kompliziert. Dazu kommen große finanzielle Risiken für den Projektstart – weil nie ganz klar ist, ob die aufwendigen Bohrungen tatsächlich erfolgreich sein werden.


Reform noch dieses Jahr


Nachdem die Tiefengeothermie lange Zeit kaum Aufmerksamkeit gefunden hatte, scheint nun Bewegung in die Reform des gesetzlichen Rahmens zu kommen. Alle fünf Parteien brachten vergangene Woche im Nationalrat einen gemeinsamen Antrag ein, in dem sie die Bundesregierung ersuchen, rechtliche Anpassungen für die Geothermie „zeitnah einer Begutachtung zuzuführen“. Ziel sei es, noch dieses Jahr eine Vereinfachung zu beschließen, um die „erheblichen Potenziale der tiefen Geothermie in Österreich“ besser zu nutzen, heißt es dort.


„Wir wollen Klarheit schaffen und der Geothermie in Österreich dadurch zum Durchbruch verhelfen“, erklärte SPÖ-Energiesprecher Alois Schroll nach der Abstimmung. „Tief unter unserer Erde liegt ein riesiger Schatz, der erneuerbare Energie für hunderttausende Haushalte in ganz Österreich bereitstellen kann.“ Bereits im Regierungsprogramm hat die schwarz-rot-pinke Koalition Reformen für die Geothermie angekündigt.


Der gemeinsame Antrag folgte einer Initiative der Grünen. Die rechtliche Schlechterstellung von Tiefengeothermie im Vergleich zu Öl- und Gasbohrungen sei im Jahr 2026 einfach nicht mehr tragbar, so der grüne Energiesprecher Lukas Hammer. „Ich kämpfe seit nunmehr sechs Jahren dafür, dass sich das ändert. Es freut mich natürlich, dass sich unsere Beharrlichkeit ausgezahlt hat.“ Jetzt liege der Ball bei der Regierung, die rasch einen Entwurf vorlegen müsse.


Eine Menge Hürden


Eine der Hürden, die nun abgebaut werden sollen, betrifft das Genehmigungsverfahren. Bohrungen für Tiefengeothermieanlagen laufen mehrere Kilometer schräg nach unten in den Boden und queren dabei mitunter viele Hundert Grundstücke, die in Österreich rechtlich nach unten hin nicht begrenzt sind. Für Projektentwickler bedeutet dies bislang Unsicherheit in der Projektplanung, denn alle Grundeigentümer können grundsätzlich Einspruch einlegen – anders als bei Erdöl und Erdgas, bei denen ohne Zustimmung gefördert werden darf. Das könnte sich mit dem neuen gemeinsamen Antrag ändern, das Mineralrohstoffgesetz und das Wasserrechtsgesetz sollen angepasst werden.


Erleichterungen finden sich auch in der Regierungsvorlage für das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), das derzeit im Nationalrat verhandelt wird. Zum ersten Mal finden sich in diesem Gesetz Ziele für die Geothermie. Das Potenzial für die Wärmeerzeugung aus geothermischer Energie soll demnach über alle Bundesländer hinweg um eine Terawattstunde steigen. Das ist ein Anfang, allerdings sei das Ziel sehr niedrig angesetzt, erklären Fachleute. Zum Vergleich: Allein für die Fernwärme in Wien wird der langfristige Bedarf auf mehr als zwei Terawattstunden geschätzt.


„Es gibt noch Luft nach oben, aber es ist ein großer Schritt, dass das Thema endlich in der gesetzlichen Regulierung auftaucht“, sagt Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur. „Die Risiken, die Unternehmen mit Geothermieprojekten eingehen, sind hoch. Jede Barriere, die man für Projekte abbauen kann, ist förderlich.“


Einiges an Fahrtwind dürften Erneuerbaren-Projekte bekommen, weil das EABG ihnen „übergeordnetes öffentliches Interesse“ einräumt. Dadurch erhalten sie in Verfahren Vorrang. Außerdem verschlankt das Gesetz die Verfahren. Sie sollen nun konzentriert bei einer einzelnen Behörde gebündelt werden. Von „einer Behörde, einem Verfahren und einem Bescheid“ sprach Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) bei der Präsentation des Vorhabens.


„Hier finden wirklich wichtige Weichenstellungen statt. Endlich sollen die Zuständigkeiten klar und einfach geregelt werden. Die komplizierten Verfahren und vielen Ansprechpersonen haben Projekte bislang erschwert“, erklärt Stefan Zach vom niederösterreichischen Energieversorger EVN, der ebenfalls in die Tiefengeothermie einsteigt. Eine erste Anlage im südlichen Wiener Becken soll 2030 ihren Pilotbetrieb aufnehmen, die zweite bis 2035. Derzeit erforscht die EVN zusammen mit der Universität Wien das geothermische Potenzial der Region.


Doch der Start neuer Bohrungen berge große finanzielle Risiken für das Unternehmen, sagt Zach. Denn zum Projektstart seien Erfolge bei weitem nicht vorprogrammiert. „Die Unterstützung der öffentlichen Hand wäre bei der Erkundung enorm hilfreich.“


Eine solche Förderung für die Anschubfinanzierung hatte die ehemalige Energie- und Klimaministerin Leonore Gewessler (Grüne) eingerichtet. Unter anderem das erste Tiefengeothermieprojekt von Wien Energie und OMV nahe der Seestadt Aspern hatte diese Startförderung des Klima- und Energiefonds erhalten. Doch die schwarz-rot-pinke Regierung strich das Programm im Zuge der Budgetsanierung zusammen mit vielen weiteren Ausgaben im Klima- und Energiebereich.


Einigung bis Mai?


Eine Neuauflage der Förderung ist derzeit nicht in Sicht, stattdessen soll es der gesetzliche Rahmen richten. Wie genau nun das Mineralrohstoffgesetz und das Wasserrechtsgesetz reformiert werden sollen, ist allerdings noch offen. Deutlich handfester sind die Vereinfachungen, die mit dem EABG verhandelt werden. Da die FPÖ dem Gesetz nicht zustimmen will, braucht der Vorschlag als Zweidrittelmaterie die Unterstützung der Grünen. Diese fordern mehr Ambition, in den kommenden Wochen soll verhandelt werden. Im Mai soll das endgültige Gesetz laut Zeitplan der Regierung dann in der Plenarsitzung im Parlament behandelt werden.

Der Standard