Wasser, Sonne, Wind: Strom von morgen

20. Mai 2026

Österreichs Energieversorger investieren massiv in erneuerbare Energien. Doch mit dem Ausbau von Wind-und Sonnenkraft verschieben sich die Herausforderungen. Netze, Speicher und Systemintegration werden zum Nadelöhr der Energiewende.

Kann Österreich seinen Strombedarf in Zukunft ohne Öl und Gas decken? Das Potenzial von Wasser, Wind und Sonne ist so groß, dass wir schon 2030 unser Land nur mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgen können. Das zeigt eine große Studie des Austrian Institutes of Technology, an der unter anderem auch das Umweltbundesamt und die TU Wien beteiligt waren. Im besten Fall könnte Österreich sogar deutlich mehr Strom produzieren, als hierzulande verbraucht wird -trotz steigender Nachfrage durch E-Mobilität, Industrie und Wärmepumpen. Bis 2040 lassen sich je nach Entwicklungspfad zwischen 98 und 149 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen. Doch entscheidend ist nicht das Potenzial, sondern dessen Umsetzung. Und da erweisen sich Netz infrastruktur, Speicher, Genehmigungsverfahren und gesellschaftliche Akzeptanz derzeit als zentrale Herausforderungen.
Das bestätigt auch der Rundruf bei den wichtigsten heimischen Energieversorgern. Während im Vorjahr vor allem neue Windparks, Photovoltaikanlagen und Wasserkraftwerke im Fokus standen, zeigt sich in diesem Jahr, dass zunehmend in Netze, Speicher und Systemstabilität investiert wird.


Schnellerer Netzausbau


Allen voran ist das Aufgabe von Austrian Power Grid (APG), die als Übertragungsnetzbetreiber die sichere Stromversorgung Österreichs verantwortet. Aktuell umfasst das APG-Netz rund 3.500 Kilometer Leitungen und 67 Umspannwerke. Österreich liegt mit einer Versorgungssicherheit von 99,99 Prozent im weltweiten Spitzenfeld. Damit das so bleibt, investiert die APG jedes Jahr Millionen in den Netzaus-und -umbau. Anfang April wurde der Netzentwicklungsplan bis 2035 präsentiert. Ihm zufolge sollen in den kommenden zehn Jahren rund neun Milliarden Euro in den Um-und Ausbau des Netzes investiert werden.
Der Handlungsdruck ist jedenfalls hoch: Derzeit liegen Netzzugangsanfragen von über 10.000 Megawatt (MW) aus Wind-und Photovoltaikprojekten vor, zusätzlich haben Rechenzentren einen Bedarf von rund 2.500 MW angemeldet, berichtet Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der APG: „Investitionen folgen der Infrastruktur. Der Netzausbau ist daher Voraussetzung für industrielle Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit.“


Als Schlüssel für einen schnelleren Ausbau gilt das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG). Es sieht vor, Genehmigungsverfahren zu bündeln, zu verkürzen und über ein zentrales One-Stop-Shop-Verfahren abzuwickeln. Dazu Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer: „Das EABG ist der Schlüssel, damit der Netzausbau in Österreich endlich Fahrt aufnimmt. Wenn wir wollen, dass Betriebe bei uns produzieren und investieren, müssen wir die Infrastruktur rechtzeitig bereitstellen -genau dafür braucht es jetzt rasch dieses Gesetz.“


EVN setzt auf Energieknoten


Entsprechend zeigt sich auch bei den Landesenergieversorgern eine Anpassung ihrer Strategie. So hält etwa die EVN in Niederösterreich an ihren Klimazielen fest, ändert aber den operativen Schwerpunkt, wie Unternehmenssprecher Stefan Zach bestätigt: „Selbstverständlich beschäftigen wir uns mit Speicherlösungen verschiedenster Art vom Betrieb von Großspeichern über Dienstleistungen zu Haushaltsbatteriespeichern bis hin zu unserer Tochter Cybergrid, die Softwarelösungen entwickelt, um Energieanlagen intelligent zu steuern und zu vernetzen.“


Ein Leuchtturmprojekt ist der Hybridspeicher Theiß bei Krems, der im Zusammenspiel mit dem Biomasseheizkraftwerk und der Photovoltaikanlage am Standort die Vorteile verschiedener Speicherarten miteinander kombiniert. Am „Energieknoten Theiß“ wird bereits das nächste Großprojekt umgesetzt: der Bau einer 70-MW-Großbatteriespeicheranlage. Insgesamt investiert die EVN jährlich rund eine Milliarde Euro in den Ausbau der Netzinfrastruktur, erneuerbarer Energien und im Trinkwasserbereich.


Verbund baut Kaprun weiter aus


Im Rahmen seiner Strategie „Mission V“ plant der Verbund, Österreichs größter Stromerzeuger, allein zwischen 2025 und 2027 rund 5,9 Milliarden Euro in den Ausbau von Erneuerbarer-Strom-Erzeugung, Netzinfrastruktur und Speicherlösungen zu investieren. Das Rückgrat bildet weiterhin die Wasserkraft mit „Kaprun 2029“ als zentralem Programm. Insgesamt sind Investitionen von rund einer Milliarde Euro vorgesehen, um die traditionsreiche Kraftwerksgruppe umfassend zu modernisieren und zu erweitern. Kern des Projekts ist der Neubau eines rund neun Kilometer langen Druckwasserstollens, parallel dazu soll mit dem Pumpspeicherkraftwerk Schaufelberg die Speicherkapazität erhöht werden.
Ein neues Pumpspeicherkraftwerk errichtet auch die Energie AG aus Oberösterreich bei Ebensee hoch über dem Traunsee. Mit 450 Millionen Euro ist es das größte Einzelinvestment in der Firmengeschichte und „die grüne Batterie Oberösterreichs“. Das Kraftwerk, das 2027 in Betrieb gehen soll, verfügt über eine Leistung von rund 170 MW.


Milliarden für Tiroler Wasserkraft


Weiter westlich investiert die Salzburg AG bis 2030 rund 1,3 Milliarden Euro, davon jährlich 121 Millionen in die Netzinfrastruktur. Gleichzeitig laufen zahlreiche Projekte in der Erzeugung. Dazu zählen insbesondere die Wasserkraftwerke Sulzau, das im Sommer 2026 in Betrieb gehen soll, das Salzachkraftwerk Golling, das gemeinsam mit Verbund umgesetzt wird, und das Windparkprojekt Windsfeld, das gemeinsam mit Wien Energie verfolgt wird. Im Oktober 2025 wurde außerdem am Salzburgring eine weitere Agri-PV-Anlage in Betrieb genommen. Auf einer Fläche von rund 2,1 Hektar weiden 30 Schafe, während gleichzeitig 2,25 Gigawattstunden Sonnenstrom erzeugt werden. Die Kosten dafür beliefen sich auf 1,6 Millionen Euro.


Das Land Tirol will mit dem Programm „Tirol 2050 energieautonom“ bis 2050 eine Reduktion des Energieverbrauchs um 37 Prozent und einen Ausbau der erneuerbaren Energien um 54 Prozent schaffen. Eine wesentliche Rolle kommt dabei der Tiwag zu. Das derzeit größte Projekt ist die Erweiterung Kühtai für rund eine Milliarde Euro. Mit etwa 190 MW Leistung und einem Speichersee mit 31 Millionen Kubikmetern Volumen ist das Pumpspeicherkraftwerk eines der größten Energieprojekte Österreichs. Insgesamt investiert die Tiwag bis 2030 rund 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau der Wasserkraft und 720 Millionen Euro in die Netzinfrastruktur.


Auf der anderen Seite des Arlbergs planen die Illwerke Vkw sogar Investitionen von bis zu neun Milliarden Euro bis 2040. Ziel ist es, alle Endkunden mit erneuerbarer Energie aus eigener Erzeugung zu versorgen. Neben dem Zukauf von Windparks in Deutschland ist das Lünerseewerk II ein Leuchtturmprojekt. Es wird laut Auskunft der Illwerke Vkw mit einer flexibel einsetzbaren Leistung von 1.100 MW im Turbinen-und im Pumpbetrieb das größte Pumpspeicherkraftwerk im deutschsprachigen Raum sein. Im Sommer 2026 sollen die Unterlagen für das UVP-Verfahren bei der Behörde eingereicht werden.


Größter Windpark im Burgenland


Im Süden Österreichs wird ebenfalls massiv investiert. Mit rund 470 Millionen Euro hat die Kelag im Jahr 2025 das größte Programm ihrer über 100-jährigen Unternehmensgeschichte umgesetzt. Für 2026 ist ein weiteres Rekordinvestitions-und instandhaltungsprogramm von rund 550 Millionen Euro geplant. Insgesamt sollen so bis 2034 rund vier Milliarden Euro zusammenkommen. Zu den Vorzeigeprojekten zählt die neue Elektrolyseanlage in Arnoldstein, die mit einer Leistung von bis zu drei MW emissionsfreien Wasserstoff erzeugt. Auch die Energie Steiermark hat 2025 mit über 350 Millionen Euro das bislang umfangreichste Investitionsprogramm in der Geschichte des Unternehmens umgesetzt. Aktuell wird vor allem der Ausbau der Windenergie vorangetrieben. Seit März 2026 liegt zudem die UVP-Genehmigung für die Errichtung des Murkraftwerks Leoben-Ost vor, das gemeinsam mit Verbund umgesetzt wird. Im Bereich Sonnenkraft plant die Energie Steiermark im Rahmen ihrer „Sonnenstrom-Offensive“, in den kommenden Jahren 300 MW Leistung zu installieren.


Das aktuell größte Windprojekt Österreichs befindet sich jedoch im Burgenland. In Weiden bei Neusiedl produzieren 23 Windräder mit rund 122 MW Leistung rund 251 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Interessant dabei ist, dass dafür 44 alte Windräder abgebaut wurden. Stephan Sharma, CEO Burgenland Energie, sagt dazu: „Die Anzahl der Windräder wurde halbiert und gleichzeitig die Stromproduktion verdoppelt.“ Möglich machen das die Dimensionen der neuen Windräder: Sie haben eine Gesamthöhe von 244 Metern, ihre Rotorblätter sind 230 Tonnen schwer und 75 Meter lang -das entspricht der Größe eines Airbus A380.


Wien: Energie aus Abwärme


In der Bundeshauptstadt treibt Wien Energie mit einem Investitionsprogramm von rund drei Milliarden Euro die Transformation voran. Durch den Erwerb des Wind-und Solarunternehmens Imwind im Herbst 2026 wurde das Ökostromportfolio schlagartig um 52 Windkraftanlagen und vier Photovoltaik-Großanlagen erweitert. Gemeinsam kommt man bereits auf rund 900 MW Leistung. Bis 2030 will Wien Energie die Leistung aus erneuerbaren Energien mit Imwind auf bis zu 1.800 MW mehr als verdoppeln.
Parallel dazu gewinnt die Wärmewende an Bedeutung: Großwärmepumpen, etwa in der Spittelau, nutzen
Abwärme aus der Müllverbrennung, während gemeinsam mit der OMV an der Nutzung von Tiefengeothermie gearbeitet wird.

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