Bodenständig: Die Energie aus der Tiefe

21. September 2026

Erdwärme. Im Neubau schon weit verbreitet, setzt sich der Umstieg von fossilem Brennstoff auf diese erneuerbare Energie auch im Bestand zunehmend durch. In der dicht bebauten Stadt finden sich ebenso neue Lösungen.


Die natürliche Wärme aus dem Erdinneren steht kostenlos, immer und überall zur Verfügung. Damit kann die Geothermie einen wesentlichen Beitrag nicht nur zur Dekarbonisierung, sondern auch zur Reduktion von Abhängigkeiten in der Energieversorgung leisten.


Das System: Wie und wo Erdwärme funktioniert


Erdwärmeheizungen, die meist bei Ein- und Mehrfamilienhäusern zum Einsatz kommen, bestehen zum einen aus einer geothermischen Anlage, zum anderen aus einer Wärmepumpe. Im städtischen Bereich handelt es sich dabei meist um Erdsonden, die üblicherweise in eine Tiefe von bis zu 200 Meter, unter Umständen bis zu 400 Meter, verbaut werden. „Ist das Grundstück sehr groß, können statt Sonden unterhalb der Bodenfrostgrenze horizontale Kollektoren wie Flächenkollektoren oder Erdwärmekörbe verlegt werden“, sagt Franziska Zimmer, Senior Expert bei der Österreichischen Energieagentur. Das durch die Sonden beziehungsweise Kollektoren fließende Wasser wird durch die Wärme der Erde erwärmt, diese Wärme wird an die Wärmepumpe übertragen. „Durch Verdichtung des Kältemittels wird die Temperatur des Wassers von zirka zehn Grad auf 50 oder 60 Grad erhöht“, beschreibt Anita Angerer, Leiterin der Geothermieabteilung der Porr.


Die Anlage: Wie man heizt, kühlt und umstellt


„Man kann mit Erdwärme heizen und kühlen“, sagt Zimmer. Und das durchaus kostengünstig: Bei durchschnittlicher Effizienz der Anlage können mit einer Kilowattstunde Strom fünf Kilowattstunden Heizenergie gewonnen werden. Wird mit der Anlage im Sommer nur passiv gekühlt, kann die Wärmepumpe Pause machen. Dem Prinzip des Temperaturgefälles, wonach thermische Energie immer vom wärmeren ins kältere System fließt, gelangt die Wärme aus den Räumen automatisch ins Erdreich und wird dort abgekühlt. „Dabei wird dieses regeneriert und verhindert, dass die Erde im Laufe der Zeit zu stark auskühlt“, erklärt Zimmer. Für die aktive Kühlung hingegen ist der Einsatz der Wärmepumpe erforderlich: „Doch auch da kann man mit einer Kilowattstunde Strom immerhin vier Kilowattstunden Kühlenergie erzeugen“, so Angerer.


Erdwärme stellt nicht nur für Neubauten, sondern auch für Bestandsgebäude eine sinnvolle Variante für die Dekarbonisierung dar. „Gerade für die Umstellung von Heizsystemen im Altbau ist Erdwärme eine Zukunftstechnologie“, ist Zimmer überzeugt. Das auch, da für die Erdwärmeleitungen im Haus der Schacht der ehemaligen Gasleitung, die zuvor entfernt werden muss, genutzt werden könne. Wird mit Erdwärme nur geheizt, können die alten Heizkörper bleiben. Wer damit aber auch kühlen will, muss sie allerdings durch eine Flächenheizung ersetzen. „Geht man im Sommer mit der Wassertemperatur im Inneren der alten Heizkörper zu weit nach unten, beginnen die Heizkörper zu schwitzen. Gleichzeitig ist der Kühleffekt geringer“, erklärt Zimmer.


Die Bohrung: Eigengrund muss nicht sein


Ein großes Problem sind häufig die Platzverhältnisse. „Oft sind die Höfe so klein, dass man nicht einmal ein Mini-Bohrgerät aufstellen kann. Oder man hat zwar im Hof genug Platz, aber kommt damit nicht durch die Tür, da die zu niedrig ist“, erzählt Angerer. Auch für die Sonden ist ausreichend Platz erforderlich, sollte der Abstand zwischen den Sonden doch mindestens fünf Meter betragen. Ist der Eigengrund zu klein, muss das aber zumindest in Wien kein Hindernis mehr für die Nutzung von Erdwärme sein. Denn seit 2023 können hier Sonden auch entlang der eigenen Fassade auf öffentlichem Gut gesetzt werden – vorausgesetzt, ein Abstand von 2,50 Metern zu den Nachbargrundstücken wird eingehalten. Das hat die Umsetzung von Erdwärmeprojekten erleichtert.


Von Ursula Rischanek

Die Presse