„Alarmismus ist bei Strompreisen für Haushalte verfehlt“

3. November 2026

Die Energiepreise steigen, die Netze müssen ausgebaut werden: Salzburg-AG-Chef MICHAEL BAMINGER ist seit Juni auch Präsident der Interessenvertretung Oesterreichs Energie. Er erklärt, warum der Winter nicht so teuer wird, wie manche fürchten, und wie er in Salzburg die ersten Windräder bauen will.

Es wird kälter, die Heizsaison beginnt, und die Strom- und Gaspreise steigen. Derzeit liegt der Gaspreis im Großhandel bei fast 100 Euro. Wie teuer wird der Winter Ihrer Einschätzung nach?

Baminger: Wir müssen immer zwischen den Großhandelspreisen und dem unterscheiden, was am Ende tatsächlich bei den Haushalten ankommt. Bei Strom, der ja maßgeblich durch den Gaspreis bestimmt wird, gehe ich jedenfalls nicht davon aus, dass wir in den nächsten Monaten großflächige Preiserhöhungen sehen. Die Entwicklung beim Gas zeigt aber auch, wie wichtig es ist, erneuerbare Energien, Netze und Speicher rasch weiter auszubauen, damit Gaskraftwerke in weniger Stunden den Strompreis bestimmen.


Ein erstes Vorzeichen gab es schon. Der Österreich-Tarif vom Verbund wurde bereits angehoben. Glauben Sie, dass es dabei bleibt?
Baminger: Soweit ich das verstehe, wurde dieser Österreich-Tarif lediglich für Neukunden angehoben. Bestandskunden haben ihre Preise behalten. Das ist typisch für Unternehmen, die langfristig einkaufen. Sie glätten damit die Kurve, spüren diese Preissprünge noch nicht voll und geben sie daher auch noch nicht an ihre Kunden weiter. Das wirkt stabilisierend.


Sie wirken sehr entspannt. Die Regierung hat bereits einen möglichen Krisenmechanismus geplant und einen Industriestrompreis geschaffen. Ist das notwendig?
Baminger: Beim Krisenmechanismus bin ich der Überzeugung, dass es grundsätzlich gescheit ist, über eine Krise nachzudenken, bevor sie da ist. Und genau das hat die Regierung gemacht. Ich bin kein großer Freund von Marktinterventionen. Aber die kurzfristigen Instrumente, mit denen wir auf den Rohstoffmärkten gegensteuern können, liegen nun einmal in der Hand des Bundes. Solche Maßnahmen können tatsächlich dem Wirtschaftsstandort helfen. Aber Alarmismus ist bei Strompreisen für Haushalte verfehlt. Es ist nicht der Zeitpunkt, den Menschen Angst vor stark steigenden Strompreisen zu machen.


Die Ökonomin Isabella Weber sagte kürzlich im profil-Interview, sie rechne diesen Winter auch in Österreich und Deutschland mit größeren Eingriffen bei Energiepreisen. Sehen Sie das anders?
Baminger: Wir sind in einer anderen Situation als 2022. Was wir aber sehen, ist, dass der Angriff auf den Iran offenbar in der Annahme erfolgt ist, dass das eine rasche Geschichte wird. Je länger sich dieser Konflikt hinzieht und je weiter mögliche Lösungen in die Ferne rücken, desto deutlicher sehen wir, dass die Märkte darauf reagieren. So zu tun, als würde das nicht passieren, wäre unseriös. Gleichzeitig ist es auch nicht hilfreich, wie Kassandra überall den Untergang vorherzusagen – jedenfalls nicht bei Strom. Er ist nicht der treibende Faktor der Inflation. Eine Frage, die ich oft bekomme, ist: Was hat die Wasserkraft mit Geopolitik zu tun? Und genau darin liegt die Antwort.


Inwiefern?
Baminger: Wenn wir hierzulande unsere eigenen Ressourcen nutzen, also etwa Wasserkraft, Sonne und Wind, macht das unsere Energieversorgung souveräner und widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen Krisen. Daher brauchen wir den raschen Ausbau erneuerbarer Energieformen in Österreich.

Aber diesen Sommer war die erneuerbare Stromerzeugung schwächer als erhofft. Die Dürre traf die Wasserkraft, und es wurde viel Gas verstromt. Wie geht es weiter mit der Wasserkraft angesichts der Klimakrise?
Baminger: Das Jahr, das wir jetzt fast hinter uns haben, war in puncto Wasserkraft historisch schlecht. Aus einem einzelnen schlechten Jahr dürfen wir aber keine generelle Tendenz ableiten. Unsere Studien gehen davon aus, dass sich die Niederschlagsmenge langfristig nicht wesentlich verändern wird, wohl aber ihre Verteilung. Es wird erwartet, dass sich mehr Niederschlag in den Winter verschiebt. Für mich ist klar, dass die Wasserkraft das Rückgrat der österreichischen Stromerzeugung bleiben wird. Auch trockene Sommer und der Klimawandel werden daran nichts ändern.


Als Chef der Salzburg AG versuchen Sie, das erste Windrad des Bundeslands zu bauen. Geht sich das bis zu Ihrer Pension aus?
Baminger: Wir haben zwei konkrete Projekte. Eines befindet sich im UVP-Verfahren, das zweite wollen wir Anfang nächsten Jahres einreichen. Wir kommunizieren sehr offen über den Projektstand und sehen, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren positiv entwickelt hat. Es wird aber, so realistisch bin ich, wahrscheinlich nie einen hundertprozentigen Konsens geben. Wir brauchen vor allem die UVP-Beschleunigungsnovelle (diese kommt vermutlich 2027, Anm.), weil das jetzt das bürokratische Nadelöhr ist.


Warum sind Windräder so unbeliebt?
Baminger: Im Fall von Salzburg liegt es sehr stark an der Rolle als Tourismusland und am großen Wert, der dem Erhalt der Landschaft beigemessen wird. Windkraft wurde da als unvereinbar mit dem Landschaftsbild wahrgenommen. Aber in dieser hoch polarisierten Debatte werden Windräder zu etwas hochstilisiert, das sie nicht sein sollten. Auf der einen Seite heißt es, Windkraft kommt überhaupt nicht infrage, man verordnet uns Infrastruktur, die nichts bringt. Auf der anderen Seite heißt es, wenn es nicht in jedem Bundesland Windräder gibt, ist die Transformation des Energiesystems gescheitert. Beides ist falsch. Es ist unnötig, Windräder so ideologisch aufzuladen. Man muss das mit dem nötigen Pragmatismus angehen. Es muss wirtschaftlich funktionieren, möglichst gut mit der Bevölkerung vor Ort vereinbar sein und energiewirtschaftlich Sinn ergeben. Solche Projekte gibt es, und sie werden auch umgesetzt.


Wir sind mitten in der Energiewende und auf dem Weg in eine strombasierte Gesellschaft. Müssen Sie angesichts großer Rechenzentrumsprojekte und ähnlicher Entwicklungen die Stromverbrauchsprognosen nach oben korrigieren?
Baminger: Der reine Effekt der Rechenzentren ist in unseren Studien noch etwas unterbewertet. Ich glaube aber, dass die Prognose für die Diskussion, die wir derzeit führen, völlig ausreicht. Die Rechenzentren haben Auswirkungen auf den Strombedarf, aber die Akzeptanz vor Ort ist auch zentral.

Das erleben wir gerade in der oberösterreichischen Gemeinde Kronstorf. Bei vielen Rechenzentrumsprojekten wird wenig kommuniziert. Sollten die Betreiber ihre Kommunikation ändern?
Baminger: Ja, ganz eindeutig. Wir Stromerzeuger haben in den letzten 30 Jahren gelernt, dass über die Bevölkerung drüberfahren keine Option ist. Wir haben uns dafür entschieden, früh und sehr offen zu kommunizieren. Das bedeutet auch, dass wir manchmal noch keine Antworten haben, weil sich die Projekte erst entwickeln. Meine Erfahrung ist aber, dass die Menschen diese Offenheit schätzen.

Vor einem Jahr wurde diskutiert, warum es in Österreich 115 Stromnetzbetreiber gibt. Diese Debatte ist inzwischen verschwunden, die Zahl der Netzbetreiber ist aber gleich geblieben. Soll das aus Ihrer Sicht so bleiben?
Baminger: Die Debatte kam auf, weil die Netzkosten steigen. Der mit Abstand größte Kostentreiber ist allerdings der Netzausbau. Ich will nicht behaupten, dass etwaige Zusammenlegungen keine Effizienzgewinne bringen können. Aber ich bin ein großer Fan davon, zuerst dort anzusetzen, wo man den größten Hebel hat. Strukturbereinigungen würden die Milliardeninvestitionen nicht einmal annähernd kompensieren, aber viel Aufmerksamkeit binden. Viel relevanter ist deshalb, Photovoltaik-Spitzen kappen zu können oder künftig jene zu entlasten, die Strom zu Zeiten nutzen, in denen das Netz weniger ausgelastet ist – wie es etwa im Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) auch geregelt wurde.

Wie kommt der Netzausbau voran?
Baminger: Der Status quo ist aus meiner Sicht sehr gut. Wir werden den notwendigen Ausbau auch schaffen. Die große Frage ist aber, wie er kosteneffizient wird. Dafür brauchen wir einen gewissen Paradigmenwechsel. Bisher muss grundsätzlich alles angeschlossen werden, was die Kunden wünschen. Jede Solaranlage, jeder Batteriespeicher etwa. Wir sollten hier stärker auf effizienten Netzausbau achten und Anreize setzen, Strom so zu nutzen, dass Infrastruktur möglichst optimal genutzt wird. Ich bin überzeugt, dass die Menschen solche Anreize annehmen und ihr Verhalten anpassen. Dieser Weg wird mit dem neuen, leistungsorientierten System für die Netztarife gegangen.


Österreich steckt in einem Defizitverfahren. Das Land könnte aber ein Sondervermögen für Energiesicherheit aufnehmen, etwa für Wärmedämmung und Energieinfrastruktur. Halten Sie das in der jetzigen Situation für sinnvoll?
Baminger: Ich sehe dafür in Österreich ehrlich gesagt keinen konkreten Anwendungsfall. In Österreich sind die Unternehmen durchaus in der Lage, diese Investitionen selbst zu stemmen. Ein Problem ist, wenn man den Unternehmen weiterhin die Innenfinanzierungskraft nimmt.


Sie meinen damit den Energiekrisenbeitrag?
Baminger: Es gibt mehrere Abgaben, die uns treffen: Abschöpfungen, die Finanzierung des Sozialtarifs – das halte ich persönlich für am wenigsten kritisch – oder ganz klassische Steuern wie die Körperschaftsteuer. Die Politik hat das Recht und die Verantwortung, diese Gewichte zu verteilen und Entscheidungen zu treffen. Aber die ehrliche Konsequenz ist, dass wir weniger investieren können.


Der größte Streitpunkt beim Klimagesetz war die Frage, ob Klimaneutralität bis 2040 das Ziel bleiben soll. Die Energiewirtschaft spielt dabei eine große Rolle. Wie realistisch ist dieses Ziel aus Ihrer Sicht?
Baminger: Ehrlicherweise bekommen Sie von mir zu diesen Zielsetzungen keine Antwort mehr. Ich bin der Meinung, wir können noch so viele Ziele für unterschiedliche Jahre definieren und darüber diskutieren, welche Sanktionen es braucht, wenn wir sie verfehlen. Die Richtung ist klar, jetzt heißt es umsetzen und alles dafür tun, dass es funktioniert. Wir brauchen mehr erneuerbare Stromerzeugung, einen ausgewogenen Netzausbau und ausreichend Flexibilität, damit das auch funktioniert.


Das heißt, Sie stören sich nicht am Ziel, sondern an der Diskussion darüber?
Baminger: Es ist unnötig, ständig die Ziele infrage zu stellen. Würden wir in Unternehmen die Strategie alle sechs Monate ändern, würde sich niemand mehr auskennen. Es ist Teamarbeit und nicht „Schwarzer Peter“. Jeder muss seinen Beitrag leisten.

Zur Person
Michael Baminger, 43, ist ein österreichischer Energiemanager. Er ist seit bald vier Jahren CEO und Vorstandssprecher der Salzburg AG. Davor arbeitete er bei der oberösterreichischen Energie AG. Im Juni 2026 wurde er Präsident der Interessenvertretung Oesterreichs Energie.

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