Seit zehn Jahren schlägt in Simmering das technische Herz der Wiener Netze. Von hier aus wird eine Infrastruktur fit gemacht, ohne die Wien stillstünde.
Wer morgens das Licht aufdreht, denkt nicht an Simmering. Wer sein Handy lädt, die Wohnung heizt oder an einem heißen Sommertag Kühlung braucht, ebenso wenig. Und genau darin liegt eine der größten Leistungen der Wiener Netze: Im Alltag bemerkt man sie vor allem dann nicht, wenn alles funktioniert.
Seit zehn Jahren laufen am Campus Wiener Netze in Simmering die Fäden zusammen. 2016 wurden Mitarbeiter aus den Bereichen Strom, Gas und Fernwärme, die zuvor auf verschiedene Standorte verteilt waren, hier gebündelt. Werkstätten, Lager und Büros rückten zusammen. Aus einem Betriebsstandort wurde eine Kommandozentrale für die Lebensadern einer Millionenstadt. Das Jubiläum fällt nun in eine Zeit, in der diese Lebensadern kräftiger werden müssen. Denn Wien wächst, die Energiewende schreitet voran – und das Stromnetz bekommt immer mehr zu tun.
Die Dimensionen erschließen sich erst mit Zahlen. Rund 30.000 Kilometer Strom-, Gas-, Fernwärme- und Telekommunikationsnetz halten die Wiener Netze in Wien und Umgebung am Laufen. Das entspricht ungefähr der Strecke Wien–Sydney–Wien. Mehr als zwei Millionen Menschen in Wien sowie Teilen Niederösterreichs und des Burgenlands werden versorgt. 2500 Mitarbeiter arbeiten daran, 160 davon befinden sich in Ausbildung.
Allein das Stromnetz misst 21.100 Kilometer. Dazu kommen 4600 Kilometer Gasleitungen, 1300 Kilometer Fernwärme sowie 3000 Kilometer Glasfaser. Im Stromnetz stehen 48 Umspannwerke und 11.000 Trafostationen; 1,6 Millionen Stromzähler gehören ebenfalls zum System. Beim Gas sind es 560.000 Zähler.
Das klingt nach technischem Zahlengewitter. Im Alltag bedeutet es etwas sehr Einfaches: Energie soll dort ankommen, wo sie gebraucht wird – rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Die Zuverlässigkeit liegt laut Wiener Netze bei 99,99 Prozent. Ein Wert, hinter dem Planung, Wartung, Bereitschaftsdienste und zunehmend auch digitale Steuerung stecken.
Der Strom fließt nicht mehr nur in eine Richtung
Die Herausforderung hat sich allerdings verändert. Früher war das Prinzip vergleichsweise übersichtlich: Energie wurde erzeugt und über die Netze zu den Verbrauchern transportiert. Heute speisen Photovoltaikanlagen und Windkraft Strom ein, während zugleich Wärmepumpen, E-Autos, Batteriespeicher und Rechenzentren neue Anforderungen stellen. Das Netz muss mehr können – und flexibler werden.
„Das Motto kann nur sein: keine Chance dem Blackout!“, so Stadträtin Ulli Sima. Der Ausbau sei notwendig, weil sowohl der Energiebedarf als auch Wien selbst wachse. Die Wiener Netze wollen deshalb kräftig investieren: Von 2026 bis 2030 sind 2,4 Milliarden Euro für Infrastruktur vorgesehen. Geschäftsführer Gerhard Fida formuliert das Ziel klar: „Wir investieren bis 2030 2,4 Milliarden Euro in den Ausbau, die Instandhaltung und die Digitalisierung unserer Netze – vor allem unseres Stromnetzes – mit einem Ziel, die Versorgungssicherheit von aktuell 99,99 Prozent auch in Zukunft zu garantieren.“ Messdaten sollen dabei helfen, vorhandene Leitungen möglichst gut auszulasten, ohne sie zu überfordern.
Ein gewaltiger Umbau
Was das praktisch heißt, zeigt die Ausbauplanung. Bis 2040 sollen 4000 Kilometer neue Stromleitungen entstehen. Geplant sind außerdem 13 neue Umspannwerke und dreimal mehr intelligente Trafos. Das Glasfasernetz soll um weitere 600 Kilometer wachsen, das Fernwärmenetz um 400 Kilometer. Gleichzeitig verändert die Energiewende eine andere Infrastruktur grundlegend: Rund 3400 Kilometer Gasleitungen sollen bis 2040 stillgelegt werden.
Es geht also nicht bloß darum, immer mehr Leitungen in den Boden zu legen. Wien baut sein Versorgungssystem um. Während Strom, Fernwärme und Daten an Bedeutung gewinnen, wird das Gasnetz schrittweise kleiner. Zwei Millionen Euro pro Jahr fließen laut Wiener Netze zudem in Forschung und Innovation – unter anderem in Pilotprojekte für Wasserstofftechnologien, -freie Baustellen und Digitalisierung.
Simmering Basis für nächste Etappe
Dass dieser Umbau von Simmering aus organisiert wird, ist kein Zufall. Der gemeinsame Standort soll Abstimmungen erleichtern, Arbeitswege verkürzen und Projekte über mehrere Sparten hinweg einfacher machen. Auch Ausschreibungen und Beschaffungen lassen sich zentral organisieren. Genau darin lag vor zehn Jahren die Idee des Campus.
Was sich seither getan hat, lässt sich ebenfalls in Kilometern messen: Seit der Eröffnung 2016 wuchs das Stromnetz um rund 1000 Kilometer. Beim Fernwärmenetz kamen etwa 100 Kilometer hinzu, bei den Glasfaserkabeln ebenfalls rund 1000 Kilometer. „Gemeinsam schaffen wir die Energiewende – da gehen wir verlässlich voran, darauf kann Wien setzen!“, so Fida. Hinter diesem Satz steckt eine Aufgabe, die weit über ein Firmenjubiläum hinausreicht. Denn Stromnetze lassen sich nicht erst dann bauen, wenn sie dringend gebraucht werden. Leitungen, Trafos und Umspannwerke müssen dem Bedarf voraus sein.
Für Simmering bedeutet das: Der Campus, der vor zehn Jahren Kräfte bündeln sollte, wird zur Basis für die nächste große Ausbauphase. Und für die Wiener bedeutet es im besten Fall weiterhin genau das, was sie von ihren Netzen erwarten: Sie sollen funktionieren, ohne dass man über sie nachdenken muss.
Kronen Zeitung





