Warum Österreich ein teurer Winter bevorsteht

15. September 2026

Der Diesel ist knapp, das Erdgas ist auf einem Dreijahreshoch, und der Ölpreis steht bei über 100 US-Dollar. Jetzt droht wegen der drohenden Energieknappheit ein Winter der hohen Energiepreise.

Die Straße von Hormus ist erneut das Epizentrum der globalen Energieunsicherheit. Nicht nur ist der Ölpreis mit über 100 US-Dollar pro Fass stark angestiegen, auch Erdgas zieht wieder an. Der Gaspreis liegt derzeit mit 80 Euro pro Megawattstunde nur knapp unter einem Dreijahreshoch. Aufgrund des erneut aufflammenden Konflikts zwischen den USA und dem iranischen Regime kommt neben Rohöl auch weniger Flüssiggas aus Saudi-Arabien durch die wichtige Meerenge, was klarerweise auch in Europa zu höheren Preisen führt. Umwege um den Krisenherd sind für die Lieferanten teuer und damit keine kostenneutrale Alternative.


Österreich steht deshalb ein teurer Winter bevor. Das hat zwei Gründe. Der wichtigste ist geopolitischer Natur: Durch die Blockade der Straße von Hormus ist der Weltmarkt nicht so gut versorgt wie sonst. „De facto fehlen 20 Prozent des Flüssiggas-Angebots“, sagt der Energieexperte Alfred Schuch. Österreich versorgt sich teilweise auch mit Flüssiggas. Seit dem Lieferstopp von russischem Gas kommt es nun vor allem via Pipeline aus Deutschland und teilweise aus Italien. Woher das Gas tatsächlich stammt, lässt sich physisch nicht nachvollziehen, sagt Schuch.


Weiteres Handels-Nadelöhr


Die Sorge vor einem weiteren Anstieg der Energiepreise wächst jedenfalls. Denn neben der Straße von Hormus ist inzwischen auch ein zweites Nadelöhr der globalen Schifffahrtswege von einem militärischen Konflikt bedroht: die Straße von Bab al-Mandab. Sie liegt zwischen Jemen auf der arabischen Halbinsel und Dschibuti sowie Eritrea an der afrikanischen Küste und verbindet den Indischen Ozean mit dem Roten Meer und dem Suezkanal. Auf dieser Route werden nicht nur Rohöl und Treibstoffe aus der Golfregion Richtung Mittelmeer und Asien transportiert, sondern zehn bis 15 Prozent des globalen Handels. Die Meerenge wurde seit der Blockade der Straße von Hormus auch zur Ausweichroute von Ölexporten.


Blockade mit Folgen


Laut aktuellen Berichten hat die von Iran unterstützte jemenitische Huthi-Miliz strategisch wichtige Orte an der Meerenge eingenommen. Zwar erklärte ein Huthi-Sprecher auf X, die Schifffahrt und der internationale Handel im Roten Meer und in der Meerenge seien weiterhin sicher. Doch es ist fraglich, wie lange diese Zusicherung hält. Eine Blockade hätte weitreichende Konsequenzen für die Weltwirtschaft und die Energiepreise. „Würde die Meerenge blockiert werden, müssen Flüssiggas- und Öltanker um das Kap der Guten Hoffnung herumfahren. Der Transportweg wird länger und teurer“, sagt Energieexperte Schuch.


Dennoch befürchtet der Energieexperte Walter Boltz in der ZiB 2 keine materielle Versorgungsknappheit für Österreich in diesem Winter. Die Speicher könnten auch einem kalten Winter standhalten. Das bestätigt auch die E-Control. Der Stand ist etwas niedriger als letztes Jahr, aber auch nicht vollkommen „aus dem Ruder geraten“, erklärt die E-Control auf Anfrage. Eine Wiederholung von 2022 und dem Gaspreisschock aufgrund des Ukraine-Kriegs befürchte man nicht. Die Gasversorgung ist mittlerweile diversifizierter und nicht in vergleichbarer Art und Weise von einem einzelnen Gaslieferanten abhängig.
Daneben haben viele Erdgas-Händler auf ein Ende des Konflikts und damit günstigere Preise spekuliert.

Dieser Fall ist nicht eingetreten. Jetzt möchten alle Länder Gas einkaufen, um ihre Speicher für die Wintersaison zu befüllen – jedoch zu einem deutlich höheren Preis. Das ist auch einer der Gründe, warum die deutschen Gasspeicher derzeit erst zu rund 53 Prozent gefüllt sind. Bis 1. November muss Deutschland laut gesetzlicher Vorgabe einen Füllstand von 70 Prozent erreichen.


Teureres Heizen


Heizen wird also teurer im heurigen Winter. Wie teuer, lässt sich jetzt bisher nicht seriös sagen. Selbst wenn morgen die Blockade der Straße von Hormus aufgehoben würde, blieben die Energiepreise hoch. Denn Katar braucht rund vier bis sechs Wochen, bis es seine LNG-Anlagen wieder voll anfahren kann. „Bis das Gas in Europa ist, dauert es noch einmal vier Wochen. Dann ist Mitte November, bis das Gas bei uns verfügbar ist“, gibt der Energieexperte zu bedenken.


Die deutschen Gasspeicher sind derzeit nur zur Hälfte ihrer maximalen Kapazität gefüllt. Auch das sei aus Versorgungsperspektive kein Grund zur Sorge, weil Deutschland als eine der wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt auch zu höheren Preisen einkaufen könne. Gas fließt schließlich immer noch, nur eben aufgrund des im Iran blockierten LNGs zum höheren Tarif. Aus Sicht der Verbraucher ist das wahrscheinlich wenig tröstend, sind sie es doch, die den höheren Preis stemmen müssen. Öffentliche Bezuschussungen etwa in Form einer Energiepreisbremse wären möglich, doch für den historisch unbeliebten Kanzler Friedrich Merz kaum zu verkaufen.


Verträge für den Ernstfall


Was aber, wenn die Versorgung eines europäischen Staates tatsächlich unsicher würde? In der EU-Verordnung 2017/1938 ist dieser Fall geregelt. Sie sieht vor, dass die Mitgliedstaaten miteinander bilaterale Verträge für den Fall einer Gasknappheit abschließen und so die Versorgung aller Mitgliedstaaten auch in Krisenzeiten sichergestellt ist. Private Gashändler müssen einander schließlich im Einklang mit der Verordnung zur Seite stehen. Österreich unterzeichnete ein solches Abkommen mit Deutschland bereits im Dezember 2021, also schon vor dem Ukrainekrieg.


Das Abkommen würde nur greifen, wenn Deutschland nicht mehr genügend Gas über den Markt für seine Haushaltskunden beschaffen könnte, erklärt Daniel Hantigk von der E-Control. Zuvor müsste Deutschland schon seine Industrie heruntergefahren haben etc. Ein solches Szenario sei selbst mit den etwas niedrigeren Speicherständen in Deutschland nicht absehbar.


Diesel weltweit knapp


Walter Boltz hält im Interview mit Armin Wolf in der ZiB 2 auch einen Dieselpreis von 2,50 Euro für möglich. Diesel befindet sich schon seit Längerem merklich über dem Preis für Benzin. Das wird wohl auch über den Winter so bleiben. Vor allem die geringen Raffineriekapazitäten in Russland und dem Nahen Osten, sowie Exportbeschränkungen Russlands treiben die Preise für Europa und die USA. Auch die Rohöleinschnitte machen sich bemerkbar. Täglich fehlen etwa zwei Millionen Fässer aus Russland und noch einmal fast zwei Millionen aus dem Nahen Osten, erklärt Vitol CEO Russell Hardy der Appec-Konferenz am Dienstag.


Der Rohöl-Lieferketten konnten sich noch nicht vollständig an die neuen Gegebenheiten anpassen. Zwar verlagern die Exporteure im Nahen Osten immer mehr auf die Pipelines, aber eine vollständige Ersetzung der nach wie vor wichtigen Verschiffung ist nicht in Sicht. Dafür dauert der Pipeline-Ausbau bis zur Kapazität der Schifffahrt einfach zu lange. Der Cocktail aus schwacher LNG-Versorgung für Europa, gepaart mit einem erneut hohen Rohölpreis und schlechtem Diesel-Angebot könnte zum maßgeblichen Preistreiber in Österreich werden.

Der Standard