Prognose: Gaspreis wird wohl um über 50 Prozent steigen

26. August 2026, New York/Rom/Wien

Gasmarkt. Um die Speicher füllen zu können, werde Europa mehr zahlen müssen, meint Goldman Sachs. Helfen kann nur das Wetter.


Der Gasmarkt ist angespannt. Und angesichts der weltweit großen Nachfrage wird die Situation gerade angesichts des bevorstehenden Winters nicht leichter. Nun lässt die US-Großbank Goldman Sachs mit einer Prognose aufhorchen. Ihr zufolge müssen die europäischen Gaspreise im Dezember wahrscheinlich auf über 100 Euro (117 US-Dollar) pro Megawattstunde (MWh) steigen, damit der Kontinent genügend Vorräte für den Winter aufbauen kann.


Denn selbst der jüngste Kursanstieg bei den niederländischen Frontmonats-Futures, Europas Gas-Benchmark, werde nicht ausreichen, um genügend verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Asien umzuleiten, falls sich die Versorgungsengpässe im Nahen Osten bis ins nächste Jahr hinziehen sollten, schrieben die Analystinnen Samantha Dart und Laura Cyr in einer Mitteilung. Die Futures waren vergangene Woche bereits auf ein Fünfmonatshoch von über 65 Euro je MWh geklettert. Bis zu einem Preis von mindestens 100 Euro wären es demnach noch knapp 54 Prozent Anstieg.


Verschärfter Wettbewerb


Da der Krieg zwischen den USA und dem Iran die Lieferungen durch die versorgungstechnisch extrem relevante Meerenge von Hormuz auf ein Rinnsal reduziert hat, hat der verschärfte Wettbewerb mit Asien um begrenzte LNG-Ladungen die europäischen Abnehmer vor Beschaffungsprobleme gestellt. Die Wiederauffüllung der Vorräte an diesem Brennstoff, der auf dem Kontinent in großem Umfang zur Stromerzeugung genutzt wird, erfolgt normalerweise in den Sommermonaten, ist in diesem Jahr jedoch ins Stocken geraten.


Bei den derzeitigen Raten werden die nordeuropäischen Gasspeicher diesen Monat zu 51 Prozent gefüllt sein, was 3,4 Prozentpunkte unter dem Basisszenario von Goldman liegt, so die Analystinnen in der Mitteilung vom Sonntag.
Der Konflikt im Nahen Osten hat die globalen Energieflüsse erheblich eingeschränkt – und das gerade jetzt, wo Europa unter Druck steht, seine Gasvorräte vor dem Winter, wenn die Nachfrage steigt, wieder aufzufüllen. Da eine Lösung kaum in Sicht ist, hat US-Präsident Donald Trump Pläne angekündigt, dem Iran einen, wie er es nannte, „wirtschaftlichen D-Day“ zuzufügen.


Bei den derzeitigen Preisniveaus „werden die Preise nicht ausreichen, damit Europa seine Speicher über den Winter hinweg aufrechterhalten kann“, schrieben die Analysten von Goldman Sachs. „In einem Szenario, in dem sich die Energieexporte aus dem Nahen Osten bis 2027 nur allmählich normalisieren, schätzen wir, dass der Preis im Dezember 2026 wahrscheinlich über 100 Euro je MWh steigen müsste“, prognostizierten sie. Das liege 110 Prozent über dem Basisszenario von Goldman von 50 Euro, fügten sie hinzu.


EZB-Direktor beruhigt


Ein Lichtblick für Europa könnte jedoch in der Wettervorhersage liegen. Während der jüngste Ausblick von Goldman von durchschnittlichen Wintertemperaturen ausgeht, heißt es in einem in diesem Monat veröffentlichten Bericht des norwegischen Energieforschungsunternehmens Rystad Energy, dass bei einem „Super“-El-Niño-Wetterphänomen, das den historischen Durchschnitt um mindestens zwei Grad Celsius erhöht, die Gasnachfrage sinken könnte. Dies würde dann die niedrigen Lagerbestände ausgleichen.


Derweil beruhigt der Direktor der Europäischen Zentralbank (EZB), Piero Cipollone, was die Auswirkungen der Lieferengpässe durch die Straße von Hormuz auf die Wirtschaft betrifft. Er gehe nicht davon aus, dass Europas Wirtschaft wegen dieser Versorgungskrise in eine Flaute gepaart mit hoher Inflation gerate, sagte der Italiener dem italienischen Portal ilsussidiario.net in einem am Montag veröffentlichten Interview. „Wir werden die Veränderungen des makroökonomischen Umfelds natürlich beobachten müssen, doch derzeit gibt es keine Anzeichen, die auf ein Stagflationsszenario hindeuten“.


Es gebe Anzeichen dafür, dass die Krise bald beigelegt werden könnte, und selbst der Ölpreis scheine dies widerzuspiegeln, sagte Cipollone. Die jüngsten verfügbaren Daten deuteten zwar darauf hin, dass die europäische Wirtschaft an Schwung verliere. Trotz der konjunkturellen Abkühlung erweise sie sich jedoch als überraschend widerstandsfähig.
Gleichzeitig – so Cipollone – bewege sich die Inflation im Rahmen des Basisszenarios der jüngsten, im vergangenen Juni veröffentlichten Prognosen der EZB.

(Bloomberg/APA/red.)

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