Ungarns AKW Paks entgeht knapp dem Stillstand

6. August 2026, Budapest

Man sei „wenige Millimeter von der vollständigen Abschaltung“ entfernt gewesen, sagt Regierungschef Magyar. Die Situation bleibt aber nach wie vor kritisch. Ein Drittel des ungarischen Stroms kommt aus dem Kraftwerk.

Der Anblick am Budapester Donauufer ist ungewohnt. „So niedrig stand der Strom noch nie“, sagt Gyuri, der Taxifahrer. Während sein E-Auto den Budaer Donaukai entlanggleitet, zeigt sich nahe der Freiheitsbrücke der Hungerfelsen (ungarisch: Ínség szikla) – nicht als Stein, der bei niedrigen Wasserständen aus der Donau ragt, sondern als richtiggehende Halbinsel. Darauf krabbeln Touristen herum, als wär’s eine neue Must-see-Attraktion der ungarischen Hauptstadt.


Seinen Namen hat das Naturphänomen aus alten Zeiten, als an der Budapester Donau Mühlen das Mehl für das Brot der Stadt mahlten. Wenn sich der Hungerfelsen zeigte, war der Wasserstand so niedrig, dass die Mühlen nicht mehr mahlen konnten. Und kein Mehl für das Brot bedeutete damals Hunger und Not.
100 Kilometer südlich von Budapest hat eine versorgungstechnisch wichtige Anlage anderer Art ihre Schwierigkeiten. Das Atomkraftwerk Paks kühlt sich mit dem Wasser der Donau. Seit zwei Tagen läuft es nur noch mit einer einzigen Turbine. Der totale Shutdown drohte. Doch Dienstagfrüh gab Ministerpräsident Péter Magyar Entwarnung. „Morgens gegen halb zwei waren wir nur wenige Millimeter von der vollständigen Abschaltung entfernt“, schrieb er auf seiner Facebook-Seite. „Doch dann fand das Absinken des Wasserstands (der Donau) ein Ende, und am Morgen stieg er um 1,5 Zentimeter.“


Das AKW Paks produziert rund ein Drittel des ungarischen Strombedarfs. Es verfügt über vier Druckwasserreaktoren vom sowjetischen Typ WWER-440/213. Der erste von ihnen ging Ende 1982 ans Netz. Die Tagesleistung von Paks wird mit 2000 Megawatt angegeben. Die letzte Turbine, die derzeit noch läuft, erzeugt gerade mal 240 Megawatt.


Lücke in Versorgung


Die Stromlage in Ungarn ist also diese Tage angespannt. Die fehlenden Kapazitäten aus Paks reißen erhebliche Lücken in die Versorgung. Zum Teil werden sie durch Stromimporte gefüllt. Gebannt ruhen die Blicke auf den Wasserständen der Donau. Mit neun Zentimetern erreichte der Strom am Sonntagabend in Budapest einen historischen Tiefststand. Am Dienstagmittag hielt er bei 15 Zentimetern. Im Vorjahr schwankten die Pegelstände in Budapest zwischen 64 und 259 Zentimetern.


Der letzte Trend legt ein geringfügiges, aber stetiges Steigen der Wasserstände an der ungarischen Donau nahe. Die Hoffnung ist real, dass sich die Komplett-Abstellung von Paks diesmal noch vermeiden lässt. Es wäre die allererste überhaupt. Früher wurden bestenfalls einzelne Reaktorblöcke aus Wartungsgründen runtergefahren. Oder einmal, im Jahr 2003, der Block 2 wegen eines Brandes, der als der schwerste Zwischenfall in der Geschichte des AKW gilt.


Umstritten war Paks in Österreichs östlichem Nachbarland eigentlich nie. Die hohe Abhängigkeit der Stromversorgung von dieser Anlage war nie wirklich ein Thema. Der Brand im Jahr 2003, eigentlich ein ernster Störfall, der bei der Reinigung abgebrannter Brennstäbe eintrat, führte zum Austritt von Radioaktivität in die Umwelt, wobei deren Ausmaß aber unter den zulässigen Emissionswerten gelegen haben soll. Die abgebrannten Brennstäbe übernahm Russland nur bis 1998. Seitdem werden sie in einem Zwischenlager bei Paks gelagert. Die Endlagerung ist ungelöst, wie in vielen anderen Ländern auch, die Atomkraft nutzen.


Debatte über Russland-Deal


Für Debatten sorgte allerdings, dass der im April abgewählte Ministerpräsident Viktor Orbán mit dem Kremlherrn Wladimir Putin ein Abkommen schloss, das den Bau zweier neuer Reaktorblöcke in Paks durch die russische Rosatom vorsieht. Sie sollen die beiden ältesten Blöcke 1 und 2 ersetzen. Die russische Atomfirma soll die Reaktoren und die Brennstäbe liefern. Moskau stellte außerdem einen Kredit in Höhe von zehn Milliarden Euro bereit, der mehr als 80 Prozent der Kosten abdeckt.


Der Deal, der ohne Ausschreibung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgte, war Teil der einseitigen Ausrichtung an Russland, die der Rechtspopulist Orbán vorantrieb – und mit der er sein Land in der Europäischen Union (EU) zunehmend isolierte. Die Ausbaupläne für Paks stellte Orbán auch dann nicht infrage, als Putin im Februar 2022 zur Vollinvasion in der Ukraine schritt. Der Ungar erwies sich vielmehr als Verbündeter der russischen Aggression, indem er etwa in der EU mit seinen Vetos Sanktionen gegen Moskau verwässerte oder Hilfen für die Ukraine blockierte.


Nachfolger Magyar ging das Thema Paks auch schon vor der gegenwärtigen Hitze- und Donauwasser-Krise vorsichtig an. Die Abhängigkeit ist ein rohes Faktum, welches politischer Wille allein nicht aus dem Weg räumen kann. Im Wahlkampf hatte er angekündigt, dass er, sobald er an der Regierung sei, sich die Verträge mit den Russen erst mal ansehen müsse. Tatsächlich ist der Orbán-Putin-Deal von höchster Intransparenz umweht.


Seitdem die Hitzewelle auch Ungarn erfasst hat und die Totalabschaltung von Paks drohte, ist Magyar in die Rolle des obersten Krisenmanagers des Landes geschlüpft. Trotz des massiv fehlenden Atomstroms gab es bis Dienstag keine Stromabschaltungen oder von oben verordneten Drosselungen. Der Regierungschef, der mit seiner Bevölkerung auch sonst stakkatohaft über Facebook kommuniziert, meldet sich mal aus der Schaltzentrale des Übertragungsnetzbetreibers Mavir, mal aus dem AKW Paks, mal aus seinem Arbeitszimmer im Ministerpräsidentenamt.


Magyars Schlüsselrolle


Mit großem Nachdruck appelliert Magyar immer wieder an die Bürger und Unternehmen des Landes, in diesen schwierigen Tagen von sich aus den Stromverbrauch zu reduzieren. „Aufeinander gestützt können wir den begonnenen Weg weitergehen“, meinte er am Dienstag, als sich bei geringfügig steigenden Wasserständen der Donau für ihn so etwas wie „ein Licht am Ende des Tunnels“ abzeichnete. Er erwarte aber weiterhin, dass die industriellen Großverbraucher ihr freiwilliges Maßhalten beibehalten und die Bevölkerung in den abendlichen Spitzenzeiten auf die Nutzung energieintensiver Geräte möglichst verzichte.


Magyars Beliebtheit stieg nach der gewonnenen Wahl noch weiter an, Meinungsforscher ermittelten für seine bürgerliche Tisza-Partei zuletzt Zustimmungswerte von fast 80 Prozent. Auch deshalb scheinen seine Appelle ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Zahllose Unternehmen und Institutionen schränkten von sich aus den Energieverbrauch ein, riefen Werksferien aus, verschoben stromintensive Projekte, sparen bei Klimaanlagen und Festbeleuchtungen. Nach Magyars Angaben hat Ungarn in den letzten Tagen jeweils 600 bis 700 Megawatt weniger Strom verbraucht, als es dies unter normalen Umständen an einem Sommertag getan hätte.

Der Standard