„Wir müssen verstehen, was nach dem Kippen der Klimasysteme passiert“

29. Juli 2026

Die Erde steuert angesichts der Klimakrise auf einen „freien Fall“ zu, sagt der deutsche Physiker Anders Levermann. Noch sei unklar, welche Folgen die zu erwartende Instabilität haben wird.

Die zunehmende Unberechenbarkeit von Wetter und Klima ist eine Bedrohung für Gesellschaft und Wirtschaft, schreibt der Klimaforscher Anders Levermann in einem aktuellen Kommentar in der Fachzeitschrift Nature. Der Physiker vom deutschen Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) beschäftigt sich seit langem mit den Kipppunkten des Klimasystems, jenen kritischen Schwellenwerten, bei deren Überschreitung unumkehrbare Prozesse ausgelöst werden, die den Klimawandel verstärken. Im Interview spricht der Mitautor der Weltklimaberichte über ein System, das verrücktzuspielen beginnt, und über den nötigen Strukturwandel.


STANDARD: Europa erlebt eine beispiellose Serie von Hitzewellen und Temperaturrekorden. Ist das bereits ein Zeichen dafür, dass der Planet – wie Sie es formuliert haben – angesichts der Klimakrise auf einen „freien Fall“ zusteuert?


Levermann: Das ist tatsächlich noch nicht wirklich untersucht. Was wir beobachten, ist eine starke Zunahme von Wetterextremen und -schwankungen durch den Klimawandel. Kolleginnen und Kollegen aus London haben bereits gezeigt, dass die jüngste Hitzewelle ohne den menschengemachten Klimawandel extrem unwahrscheinlich gewesen wäre. Was wir aber bisher kaum untersucht haben, ist die Frage, ob solche Entwicklungen bereits mit Kippprozessen zusammenhängen.


STANDARD: Was meinen Sie mit „freiem Fall“?


Levermann: Wenn wir einen Kipppunkt überschreiten, geht das System in einen anderen Zustand über. Manch einer mag denken, dass das System dann sofort kippt. Das Kippen passiert aber über Jahrzehnte. Dieser freie Fall ist dann nicht umkehrbar und bestimmt die nächsten Dekaden.


STANDARD: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Kipppunkten im Klimasystem. Nun sagen Sie, dass die größte Gefahr dieser Entwicklungen bisher übersehen wurde. Was meinen Sie damit?


Levermann: Die Klimamodelle, die auch das Kippen beschreiben, müssen die Entwicklung des gesamten Planeten über sehr lange Zeiträume berechnen und gleichzeitig viele Szenarien durchspielen. Dadurch lag der Fokus vor allem auf langfristigen Entwicklungen – weniger auf kurzfristigeren Aussagen über das Wetter und seine Schwankungen. Während des Kippens beginnt das Klima zu taumeln und es gibt enorme Schwankungen. Bisher haben wir das als Frühwarnsystem betrachtet, aber kaum untersucht, welche Effekte das auf Wirtschaft und Gesellschaft haben wird. Wir müssen außerdem verstehen, was nach dem Kippen der Klimasysteme passiert. Die Zeit hinter den Kipppunkten ist unsere Zukunft.


STANDARD: Wo stehen wir derzeit?


Levermann: Manche Systeme befinden sich bereits jenseits ihrer kritischen Schwelle oder sehr nahe daran. In der Westantarktis und beim grönländischen Eisschild wurde die Temperaturschwelle schon überschritten. Andere Systeme, wie das Absterben des Amazonas-Regenwalds oder das Auftauen der Permafrostböden, könnten in den kommenden Jahrzehnten folgen.


STANDARD: Und was erwartet uns?


Levermann: Zwischen dem Überschreiten einer kritischen Temperaturschwelle und dem eigentlichen Kippen eines Systems können Jahrzehnte liegen. Aber sobald dieser Prozess begonnen hat, entwickelt er eine Eigendynamik. Das System beginnt, verrücktzuspielen. Genau über diese Übergangsphase wissen wir noch zu wenig. In dieser Zwischenphase werden wir uns für wenigstens drei Generationen befinden. Wir müssen verstehen, was in der Zeit mit dem Wetter passieren wird, während wir die Klippe hinunterfallen. Manche Prozesse werden sich über Jahrtausende erstrecken, aber die damit verbundenen unberechenbaren Wetterextreme und vor allem -schwankungen haben sofortige Effekte und können ein enormes Problem für die Wirtschaft sein.


STANDARD: Müssen wir angesichts dieser Volatilität einfach lernen, mit Unsicherheit zu leben?


Levermann: Einerseits ja. Andererseits müssen wir verhindern, dass es nicht noch schlimmer wird. Wenn wir heute fossile Brennstoffe verbrennen, bringen wir Kohlenstoff in die Atmosphäre, der über Millionen Jahre gebunden war, das muss uns klar sein. Wir haben bereits 1,5 Grad Erderwärmung verursacht. Die Temperatur steigt so lange an, wie wir Kohle, Öl und Gas verbrennen. Wir müssen also die CO₂-Emissionen auf null bringen. Das bedeutet, wir brauchen einen Strukturwandel.


STANDARD: Sie sind in der Politikberatung tätig und waren Mitautor der Weltklimaberichte. Wird der Klimawandel politisch noch unterschätzt?


Levermann: Im Moment erleben wir eine Phase, in der die Klimapolitik an vielen Stellen wieder zurückgedrängt wird. Das sehen wir in Europa und besonders in den USA. Gleichzeitig werden die Risiken aber immer größer. Ich glaube, viele Menschen sehen Klimaschutz immer noch als eine Art idealistisches Umweltprojekt. Dabei zeigen sich jetzt die Abhängigkeiten bei der Energieversorgung – wenn die Straße von Hormus geschlossen wird, wenn man mit Russland in Konflikt ist. Wir wissen auch, dass Kernkraft sehr unsicher ist, wenn etwa in Frankreich jeden Sommer Atomkraftwerke abgeschaltet werden müssen, weil die Flüsse nicht mehr zur Kühlung ausreichen. Andererseits sind wir schon weit gekommen: Vor wenigen Jahren waren erneuerbare Energien noch teurer als fossile Energieträger. Das hat sich vor drei Jahren gedreht. Inzwischen geht es auch um Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Unabhängigkeit.


STANDARD: In Ihrem Buch „Die Faltung der Welt“ beschreiben Sie einen Weg, Wohlstand und die Einhaltung der planetaren Grenzen zu verbinden. Wie funktioniert dieser Ansatz?


Levermann: Wenn man einem System, das vorankommen möchte – wie unsere Gesellschaft oder die Wirtschaft – eine harte Grenze setzt, zum Beispiel kein CO₂ mehr zu emittieren, dann findet es neue Lösungen, um voranzuschreiten. Dabei darf der Staat nicht jeden Schritt vorschreiben, denn das würde die Innovationskraft bremsen. Es geht also um die Verbindung von Freiheit und hart gesetzten Grenzen. So funktioniert Demokratie: Wir begrenzen Dinge, die wir nicht wollen. Innerhalb dieser Grenzen herrscht große Freiheit für Innovationen und Kreativität.


STANDARD: Zuletzt wurde bekannt, dass die EU den CO₂-Abbau deutlich verlangsamen will. Wie stark bremst das den fossilen Ausstieg?


Levermann: Es ist gut, dass der Emissionshandel im Kern erhalten bleibt, gleichzeitig wird er aber verlangsamt. Es ist wichtig, zu verstehen, dass er eine Hilfe für die Wirtschaft ist, einen Strukturwandel hin zu einer zukunftsfähigen Produktionsweise zu vollziehen. Es macht rein wirtschaftlich wenig Sinn, diesen Prozess zu verlangsamen. Wir kommen einfach langsamer in der Zukunft an. Wollen wir das wirklich?


STANDARD: Selbst wenn Europa seine Ziele erreicht – viele Kippprozesse laufen über Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Kann man ihre Folgen überhaupt noch begrenzen?


Levermann: Wenn wir erfolgreich sind, können wir die globale Erwärmung auf unter zwei Grad begrenzen. Das ist im Grunde alternativlos. Natürlich hätten wir früher handeln müssen. Aber daraus folgt nicht, dass wir jetzt eh nichts mehr machen können. Jedes Zehntelgrad weniger bedeutet weniger Risiken.


Anders Levermann, geb. 1973 in Bremerhaven, leitet den Bereich Komplexitätsforschung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er trägt seit 2004 zu den Berichten des Weltklimarats bei. Neben über 150 wissenschaftlichen Publikationen ist er Autor des Buches „Die Faltung der Welt“ (2023).

Der Standard