Die hohen Preise infolge des Irankriegs zeigen: Viele Milliarden Euro fließen durch Importe von Öl und Gas aus Österreich ab, und das seit Jahrzehnten. Ist das wirklich noch nötig?
Bei einem Ölpreis über 100 Dollar pro Fass und fast zwei Euro pro Liter für Treibstoffe an der Zapfsäule gehen in der Bevölkerung und der Politik die Wogen hoch. Forderungen nach Preiseingriffen werden laut und Ölreserven angezapft, um den Preisauftrieb zu drosseln. Die Bundesregierung will an den Tankstellen die Möglichkeiten für Preiserhöhungen einschränken, weitere Maßnahmen stehen im Raum. Ökonomen malen düstere Bilder von den Folgen. Das wahrscheinlichste Szenario gemäß Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher: Einen Viertelprozentpunkt Wachstum werden die hohen Preise Österreich heuer kosten und die Inflation um einen halben Prozentpunkt anheizen. Dazu müsste sich allerdings die Lage am Ölmarkt bis Jahresende wieder beruhigen, sonst wird es schlimmer.
Kaum thematisiert wird das eigentliche, zugrundeliegende Problem: Wieso ist Österreich, unter dessen Erde es kaum Rohöl oder Erdgas gibt, seit vielen Jahrzehnten so abhängig von fossilen Energieträgern? Damit ist das Land nicht nur deren Preisschwankungen ausgesetzt, sondern verliert durch fossile Importe auch Jahr für Jahr Kapital in Milliardenhöhe. Was bedeutet das für die Wirtschaft, zumal es an Alternativen nicht mangelt? „Es ist tragisch zu sehen, wie viel Geld dadurch in undemokratische Staaten fließt“, sagt Ökonom Christian Kimmich vom Institut für Höhere Studien (IHS). Zur Verdeutlichung: Im vergangenen Jahr hat Österreich netto, also abzüglich der Weiterexporte, fossile Brennstoffe im Gesamtwert von 7,9 Milliarden Euro eingeführt. Langfristig sind es im Schnitt sogar zehn Milliarden Euro.
Enormer Aufstieg am Golf
Szenenwechsel an die erdölreichen Länder am Persischen Golf, deren Infrastruktur nun der Iran ins Visier seiner Angriffe genommen hat, um die Preise zu treiben. Diese Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Aufstieg erlebt. Mitte des 20. Jahrhunderts waren sie kaum entwickelt, heute stehen in der Region die größten Hochhäuser der Welt, künstliche Inseln werden aufgeschüttet und Skihallen in der Wüste errichtet. Zur Verdeutlichung anhand Saudi-Arabiens: Seit 1960 ist die Bevölkerung von vier auf mehr als 37 Millionen Menschen angewachsen, die Wirtschaftsleistung explodierte im selben Zeitraum geradezu, von 1,75 Milliarden auf nunmehr 1,1 Billionen US-Dollar. „Das macht sichtbar, wie viel Geld abgeflossen ist“, erklärt IHS-Ökonom Kimmich. „Einen Großteil der Entwicklung von Dubai und Co haben wir Europäer finanziert.“
Vorteil für Österreich
Sein Haus hat die Auswirkungen von fossilen und erneuerbaren Energien auf Österreichs Wirtschaft gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass Geld, das in Photovoltaik, Wind- oder Wasserkraft gesteckt wird, hierzulande mehr Wertschöpfung und Beschäftigung erzeugt als bei Öl oder Gas. Weniger bei der Installation der Anlagen, sondern vor allem im laufenden Betrieb. Dabei verbleiben bei erneuerbaren Energien von jedem ausgegebenen Euro im Mittel 96 Cent in Österreich, während es bei fossilen bloß 55 Cent sind. „Es bleibt nur halb so viel von der Wertschöpfung in Österreich wie bei allen erneuerbaren Energien“, sagt Kimmich.
Letztlich handelt es sich um Kapital, das österreichischen Unternehmen und Haushalten für Investitionen und Ausgaben zur Verfügung stehen sollte, statt ins Ausland abzufließen. Und bei einer Gesamtsumme von mehr als 90 Milliarden Euro, die Österreich seit 2017 für Nettoimporte von Öl, Gas und Kohle aufgewendet hat, geht es um einen enormen Batzen Geld. Wäre das wirklich notwendig gewesen, hätte Österreich bei der Energie- und Mobilitätswende früher und konsequenter auf den Ausbau erneuerbarer Energien gesetzt?
Tatsächlich könnte Österreich sehr viel weiter sein. Die Technologien sind verfügbar – und mit dem Ausbau der Erneuerbaren und des Stromnetzes würde die Wertschöpfung großteils in Österreich, zumindest aber in Europa bleiben. Windräder und die zugehörige Technologie werden innerhalb Europas produziert. Solaranlagen stammen zwar aus China. Doch sind die Paneele erst einmal da, liefern sie über lange Zeit Strom.
Eigentlich hatte Österreich mit seiner Wasserkraft gute Karten, sich sehr viel stärker erneuerbar selbst zu versorgen. Schon zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren baute Österreich die Wasserkraft massiv aus. In dieser Zeit etablierte sie sich schnell als Rückgrat der österreichischen Stromversorgung.
Solar- und Windkraft waren damals noch nicht marktreif, mittlerweile handelt es sich um weit entwickelte Standardtechnologien. Dennoch boomt die Solarkraft in Österreich erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und der folgenden Energiekrise – dafür übertrifft der Ausbau seither die Erwartungen. Bei Windkraft scheitert dies hingegen oft an der Akzeptanz der Bevölkerung und den langen Verfahren. Übers Jahr gerechnet, ist der Anteil der Erneuerbaren am Strommix hoch – doch betrachtet man die einzelnen Stunden eines Jahres, könne nur etwa jede fünfte Stunde komplett erneuerbar gedeckt werden, erklärt Christian Zwittnig vom Verband Österreichs Energie. Nach wie vor spielt Erdgas eine wichtige Rolle.
Dennoch sei man auf einem guten Weg, zumindest die Ausbauziele für 2030 zu erreichen, meint Zwittnig weiter. Noch bis vor kurzem seien viele in der Energiebranche skeptisch gewesen, dass bis 2030 die bilanzielle Deckung des gesamten Stromverbrauchs durch Erneuerbare gelingen könne. „Bei Wasserkraft und Sonnenstrom sind wir auf dem richtigen Weg. Entscheidend ist aber, dass wir jetzt bei der Windkraft rasch weiterkommen.“
Fossiler Ausstieg bis 2040
Im gesamten Energieverbrauch spielen fossile Importe weiterhin die Hauptrolle – vor allem im Verkehr, bei der Raumwärme und in der Industrie. Während neben China auch die skandinavischen Staaten vormachen, dass die Elektrifizierung schon viel weiter sein könnte, hat die E-Mobilität in Österreich erst einen Anteil von knapp fünf Prozent. Über eine Million Haushalte heizen noch mit Erdgas.
Bis 2040 will Österreich keine fossilen Brennstoffe mehr importieren. Kann das gelingen? Ja, meint Zwittnig, innerhalb der nächsten 15 Jahre sei es möglich umzustellen. Zwar werde es auch dann noch Gaskraftwerke brauchen, um einige Stunden zu überbrücken, in denen es dunkel ist und kein Wind weht – doch sollen die Backup-Turbinen mit Biogas oder grünem Wasserstoff angetrieben werden. Der schnelle Umstieg sei nicht nur mit Blick auf den Klimaschutz, sondern auch für Österreichs Wirtschaft sowie die Versorgungssicherheit das Gebot der Stunde. Das müsse endlich auch in der politischen Debatte ankommen.
Zumal Verwerfungen am Erdölmarkt wie derzeit wegen des Irankriegs wiederkehrende Phänomene sind, da ein Epizentrum der Branche im geopolitischen Krisengebiet Naher Osten liegt. Das zeigen die zwei Ölpreisschocks der 1970er-Jahre, die Kriege gegen den Irak oder die Preisschübe wegen des russischen Einfalls in der Ukraine im Jahr 2022. Mehr erneuerbare Energien machen davon weniger abhängig und halten mehr Wertschöpfung im Land. „Vor allem bei Öl wäre es gut, wenn wir die Mobilitätswende beschleunigen würden, aber auch die Wärmewende bei Gasthermen“, sagt IHS-Ökonom Kimmich. Je weniger Öl und Gas in Österreich verbrannt werden, desto besser ist es für die Wirtschaft.
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