Volle Ladung

27. April 2026

Sie werden immer billiger, tragen die Sonnenenergie in den Abend, schonen die Netze und das Klima: Wie Batterien gerade das Energiesystem der Welt umkrempeln.

Am 29. März 2026 wurde in Kalifornien Geschichte geschrieben. Über die Mittagszeit war die überschüssige Sonnenenergie in Batterien geflossen. Am späten Nachmittag – kurz nach 17 Uhr – ließen sie die gespeicherte Energie wieder frei. Nur eine Stunde später speisten sie bereits so viel ein wie die Photovoltaik (PV) selbst, also über ein Viertel des Strombedarfs. Als die Sonne immer mehr an Kraft verlor, legten die Batterien stetig zu. Um 19 Uhr lieferten sie schließlich eine Leistung von 12,29 Gigawatt und deckten damit 42,8 Prozent des Strombedarfs. Sie waren zu dieser Zeit die mit Abstand wichtigste Energiequelle im Netz.


Diese Leistung entsprach jener von rund 20 Gas- und Dampfturbinenkraftwerken, rechnete der Datenanalyst Nicolas Fulghum vom Energiethinktank Ember vor. „Und es handelt sich nicht mehr nur um einen kurzen Spitzenwert“, legte Fulghum nach. „Die Batterien deckten von 17.50 Uhr bis 21.35 Uhr – also fast vier Stunden lang – mehr als 20 Prozent der Netzversorgung ab.“


Phänomen Kalifornien


In den kalifornischen Abendstunden sind die Batterien im heurigen Frühling regelmäßig zur wichtigsten Stromquelle geworden. Das ist ein neues Phänomen, das sich Kalifornien hart erarbeitete. Laut dem Thinktank Ember hatte der sonnige US-Bundesstaat im Jahr 2021 Großspeicher mit einer Leistung von etwa zwei Gigawatt installiert. Vier Jahre später lag die Batterieleistung bereits bei 13 Gigawatt – also mehr als sechs Mal so hoch.


Nun zehrt Kalifornien vom großen Vorteil der Batterien: Weil die PV-Anlagen in den Sonnenstunden viel mehr Strom erzeugen können, als benötigt wird, verschwindet dieses Potenzial nicht mehr im Nirgendwo, sondern lässt sich in die Abendstunden ziehen. Auf der ganzen Welt hätten sich im Vorjahr rechnerisch bereits 14 Prozent des Stroms speichern lassen, der von den neu zugebauten PV-Anlagen erzeugt wird. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil erst bei einem Prozent.


„Batterien sind bereit, einen Paradigmenwechsel herbeizuführen und die zweite Phase des globalen Solarwachstums einzuleiten“, heißt es im neuen „Global Electricity Review 2026“, den der Thinktank Ember am Dienstag veröffentlicht hat. Im vergangenen Herbst – also ein halbes Jahr vor dem Beginn der Energiekrise – sei es zu einer Trendwende gekommen. Regelbare Solarstromanlagen mit Batterien lassen sich laut der Analyse von Ember seit damals billiger und schneller bauen als ein neues Gaskraftwerk. Davon können vor allem jene Länder profitieren, die auf teure Flüssiggas-Importe angewiesen sind.
Während der Irankrieg die Preise fossiler Energie in lichte Höhen treibt, ist die Nachricht von billigen Energiespeichern eine umso hoffnungsvollere. Der Batterieboom verspricht aber weit mehr als günstigen Strom: Er entlastet auch die Netze, die seit dem schnellen Ausbau der Photovolatik der vergangenen Jahre besonders unter Spannung stehen. Und er hilft dem Klimaschutz. Denn jede Kilowattstunde, die sauber erzeugt wird und fossile Energieträger aus dem Markt drängt, vermeidet Treibhausgase.


Nicht nur in Kalifornien lässt sich beobachten, wie die Batterien das Erdgas am Abend Kilowattstunde für Kilowattstunde aus dem Markt drängen. In der Kombination Solarstrom und Batterien haben sich Chile und Australien zu den internationalen Champions gemausert. Sie können mittlerweile 76 bzw. 53 Prozent des PV-Stroms aus den Anlagen, die sie im Vorjahr neu zugebaut haben, in die Abendstunden verschieben.


Und auch Europa hat das Potenzial erkannt. Zu den führenden Ländern in der EU zählt Italien. Rund ein Fünftel der Batteriekapazität steckt im Stiefel der EU, mit 1,9 Gigawatt hat Italien derzeit etwa so viel Kapazität wie Kalifornien im Jahr 2021 installiert. Und der Zubau in Europa schreitet rasant voran. Etwa in Deutschland, dem Wirtschaftsmotor in der EU. Die „Energy-Charts“ des Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme zeigen, dass dort allein diesen März neue Batteriespeicher mit einer Kapazität von einem Gigawatt installiert wurden. Das ist so viel wie nie zuvor – und rund neun Mal mehr als in einem durchschnittlichen Monat im Jahr 2021.


Wie konnte es zu diesem Aufschwung kommen? „Die sinkenden Preise haben maßgeblich zu dieser Expansion beigetragen“, erklärt die Internationale Energieagentur (IEA) in einer Analyse im Februar – kurz vor dem Beginn der Energiekrise. Eine Analyse der Datenplattform „Our World in Data“ dokumentiert, dass die Kosten von Lithium-Ionen-Batterien zwischen dem Jahr 1991 und 2024 um 99 Prozent herunterrasselten. Der Preissturz geht munter weiter. „Im Jahr 2025 sanken die durchschnittlichen Batteriepreise um acht Prozent, was auf Fortschritte in der Fertigung, Verbesserungen bei den Batteriechemien und den sich verschärfenden globalen Wettbewerb zurückzuführen war“, heißt es von der IEA.


Treiber E-Mobilität


Zugleich wuchs der weltweite Markt für Lithium-Ionen-Batterien 2025 im Vergleich zu 2024 um mehr als ein Fünftel und war mehr als 150 Milliarden US-Dollar schwer. Laut der IEA hat sich der weltweite Zubau von Lithium-Ionen-Batterien von 2015 bis 2025 bereits verzwanzigfacht, von 79 auf 1600 Gigawattstunden. Treiber dieser Entwicklung ist die Elektromobilität. Mehr als 70 Prozent des globalen Zuwachses von Lithium-Ionen-Batterien stammten im Vorjahr aus E-Fahrzeugen.


„Seine wirtschaftliche und strategische Bedeutung reicht jedoch weit über die Marktgröße hinaus“, heißt es in der IEA-Analyse. „Batterien entwickeln sich zu einem Eckpfeiler der Automobilbranche, zu einer entscheidenden Quelle für die Flexibilität von Energiesystemen und zu einer zunehmend wichtigen Quelle für Notstromversorgung in der digitalen Infrastruktur, einschließlich Rechenzentren und künstlicher Intelligenz.“ Ihre strategische Bedeutung werde weiter wachsen.

Der Standard