Erste Unternehmen bestücken ihre Lastwagen mit robusten Solarmodulen. Von der fahrenden PV könnten nicht nur die Firmen profitieren, sondern die gesamte Volkswirtschaft, sagen Forschende.
Der Gedanke klingt verlockend: Wenn immer mehr Hausdächer mit Photovoltaik (PV) ausgestattet sind, könnten auch Solarzellen auf einem Elektroauto ein bisschen Strom erzeugen und einen weiter fahren lassen. Das Unternehmen Sono Motors mit Sitz in München wollte genau so ein E-Auto mit Solarzellen bauen – und ging im Sommer pleite. Auch die niederländische Firma Lightyear hat ihren Traum vom Solarauto aus eigener Produktion begraben und beschränkt sich nun auf das Zuliefern spezieller PV an Automobilhersteller.
Was beim Pkw noch keine Erfolgsgeschichte ist, scheint ausgerechnet bei schweren Nutzfahrzeugen wie Lastwagen gerade eine zu werden. Denn ein Lkw bietet auf seinem Dach viel Platz für Solarmodule. Und vor allem: Hier sind der Käuferschicht ästhetische Vorlieben und Emotionen, wie beim Pkw-Kauf üblich, eher fremd. Ein Lkw muss nicht schön sein, er muss fahren.
Unternehmen wie Opes Solar Mobility aus Deutschland und IM Efficiency aus den Niederlanden montieren bereits spezielle PV-Module auf die Dächer von Lkw und Anhängern, die man von oben ohnehin selten sieht. Denn Lkw brauchen viel Energie für Kühlung, Heizung und Hilfsaggregate.
Bei einem Elektro-Lkw reduziere die fahrzeugintegrierte Photovoltaik (VIPV) den Stromverbrauch aus der Ladesäule um bis zu 15 Prozent, errechnete das deutsche Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE) gemeinsam mit anderen Forschenden im Projekt SolarMoves. Das spare nicht nur den Transportunternehmen Geld, heißt es, sondern könne die Belastung der Stromnetze erheblich senken und somit der Wirtschaft insgesamt helfen.
Zur Einordnung: Derzeit fahren in Österreich erst 1000 schwere E-Lkw (ab 3,5 Tonnen). Solarzellen lohnen sich aber auch beim Diesel-Lkw, sagt der Forscher Martin Heinrich vom Fraunhofer ISE dem STANDARD. Beim Diesel-Lkw helfe PV vor allem, „die Fahrerkabine zu versorgen, etwa mit Strom für die Klimaanlage oder für Entertainment in den Pausen“, sagt Heinrich.
Nutzen auch bei Diesel-Lkw
Die Treibstoffersparnis beziffert Heinrich bei einem 40 Tonnen schweren Lkw mit fünf Prozent. „Das bedeutet auch fünf Prozent weniger Dieselimporte“, sagt der Wissenschafter mit Blick auf die geopolitische Situation und die hohen Dieselpreise. Ein typisches Einsatzgebiet seien Kühltransporte: Ist es sonnig, muss stärker gekühlt werden, zugleich fließt vom Dach mehr Solarstrom.
Robert Händel, Gründer und Geschäftsführer von Opes Solar Mobility, nennt im Gespräch mit dem STANDARD einen weiteren Vorteil von VIPV für Transportfirmen: „Ich kann die Lebensdauer der Batterie ums Zwei- bis Dreifache verlängern, weil mit den Solarzellen die Ladung der Batterien immer hochgehalten wird.“
Photovoltaik nach Maß
Händels Firma stellt in Zwenkau bei Leipzig spezielle Solarmodule her für Lkw, Busse und auch für Camperinnen und Camper, die immer schon autark unterwegs sein wollten. „Die eigentliche Stärke der Solarenergie übersehen viele: Man kann sie beliebig fragmentieren“, sagt Händel über seine fahrenden PV-Module. Der Deutsche denkt auch an maßgeschneiderte PV für Mietfahrräder, Straßenlampen und sogar Halsbänder für Kühe.
Solarzellen auf Fahrzeugen brauchen ein paar besondere Eigenschaften im Vergleich zu PV am Hausdach. Sie müssen leichter sein und robust gegen Vibrationen. Zudem verwenden die Hersteller an der Oberfläche nicht Glas, sondern dünne Folien. Besonders teuer ist eine mitfahrende PV-Anlage aber nicht, laut Händel kostet sie rund 2500 Euro pro Lkw. Bei den aktuellen Dieselpreisen habe ein Transportunternehmen die Kosten durch Treibstoffersparnis nach rund zwei Jahren wieder drinnen, sagt Forscher Heinrich.
Bus mit Plus
Auch Busflotten könne PV am Dach Kosten sparen, sagt Händel. Das Unternehmen Regionalbus Leipzig mit rund 80 Bussen setze zum Beispiel auf die Technologie. Auch hier gebe es sowohl Vorteile bei Elektro- als auch bei Diesel-Bussen, weil auch Letztere Strom brauchen, etwa für Klimaanlagen und Ticketautomaten.
Auch über den Solar-Pkw denken Automobilhersteller zumindest intensiv nach. Bis so ein Fahrzeug wieder in Serie geht, wird es laut Experten aber noch ein paar Jahre dauern.
Einen großen Markt für PV-Hersteller bieten hingegen schon jetzt kleine Lieferwagen, die zunehmend elektrisch fahren. Dort seien die Einsparungspotenziale sogar am größten, sagt Heinrich. „Ein Paketverteiler mit Solarmodulen kann in Deutschland oder Österreich 15 bis 20 Prozent des Stroms aus Ladestationen einsparen, in Südeuropa bis zu 30 Prozent“, rechnet er vor.
Das Start-up Bako Motors aus Tunesien etwa baut bereits einen Lieferwagen mit PV am Dach. Ein Vorteil für den tunesischen Hersteller: In seinem Land scheint das halbe Jahr über mindestens neun Stunden pro Tag die Sonne.
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