Regulator bremst Stromspeicher-Boom aus

17. September 2026

Energie. Für niedrige Strompreise braucht das Land mehr Speicher, fordern Experten und Politiker. Private Investoren wollen fünf Milliarden Euro investieren. Doch die E-Control zögert.

Unternehmerin Cornelia Daniel hat eine Nase für gutes Timing. Als sie vor zwölf Jahren ihre Solar-Initiative „Tausendundein Dach“ gegründet hat, war vom großen Photovoltaik-Boom in Österreich noch keine Rede. Heute geht die Energieexpertin mit „Tausendundein Speicher“ in die nächste Runde. Nach dem Ausbau der Erneuerbaren brauche das Land dringend Stromspeicher, ist sie überzeugt. Hunderte Investoren sehen das genauso und bringen sich mit Millionenprojekten in Stellung. Aber damit ihre Rechnung aufgeht, braucht es noch Bewegung im Land.


Im Prinzip ist die Sache simpel: Seit Strom nicht mehr von wenigen Großkraftwerken, sondern von tausenden Wind- und Solaranlagen geliefert wird, ist gehörig Unruhe ins System gekommen. Je nach Wetterlage erzeugt Europa heute in manchen Stunden viel zu viel und in anderen viel zu wenig Elektrizität. Die Folge sind extreme Preisschwankungen und hohe Kosten für den Leitungsbau. Eine Antwort auf das Dilemma könnten Großbatterien sein. Sie sind schnell gebaut, vergleichsweise billig und können überschüssigen Strom aus der Mittagszeit für jene Stunden am Tag konservieren, an denen zu wenig da ist.


Speicher bezahlen doppelt


Mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) ebnete die heimische Regierung dem Boom industrieller Großbatterien den Weg. Fünf Gigawatt an Speichern sollen in den kommenden Jahren entstehen, so das Ziel. Dafür müssten aber erst einige Doppelbelastungen fallen, fordern die Betreiber. Derzeit bezahlen Batteriespeicher nämlich einmal Netzgebühren, wenn sie Strom aus dem Netz ziehen, und einmal beim Entladen der Batterien.


Damit die Projekte aber rentabel werden, brauche es eine Befreiung von Netzentgelten, wie in Deutschland und anderen EU-Ländern üblich (und im ElWG auch vorgesehen), so die Forderung. Der Regulator aber bremst. In einer Verordnung, die schon am heutigen Donnerstag beschlossen werden könnte, ist die angekündigte Befreiung von den Netzentgelten an kaum erreichbare Kriterien geknüpft. Grund für das vorsichtige Vorgehen der E-Control ist die Sorge vor zu hohen Kosten für Endkunden. Verabschieden sich die Speicherbetreiber zwanzig Jahre lang von der Finanzierung der Netze, müssten die Konsumenten mehr bezahlen, so die Argumentation des Regulators.


„Alles Unsinn“, sagt Urban Windelen, Präsident des deutschen Bundesverbandes Energiespeicher Systeme, zur „Presse“. „Der Zubau von Speichern ist schlechtestenfalls kostenneutral.“ In den allermeisten Fällen verringere er die Ausgaben für Netzausbau, Redispatch (Entlastung der Netze, Anm.) und Stromerzeugung. Die deutschen Speicher würden dem Land schon heute vier bis fünf Milliarden Euro im Jahr ersparen. Und selbst wenn sie etwas kosten würden, verzichten könne man auf die Batterien in einer dezentralen und erneuerbaren Stromwelt ohnedies nicht: „Speicher sind Erste Hilfe fürs System.“


4,1 Milliarden weniger Kosten


Eine noch unveröffentlichte Studie des Austrian Institutes for Technology (AIT) zieht für Österreich ganz ähnliche Schlüsse: Der Ausbau von Stromspeichern würde die Netz- und Stromkosten nach unten bringen, heißt es da. Nach einer Schätzung des Bundesverbandes Energiespeicher Österreich wären es rund 2,6 bis 4,1 Milliarden Euro weniger Kosten, wenn die Batteriespeicher wie angekündigt ausgebaut würden, sagt Geschäftsführer Christoph Schmidt.


Er wendet sich nun mit einem Kompromissvorschlag nach deutschem Vorbild an den Regulator: Statt die Speicher pauschal für zwanzig Jahre von den Netzentgelten zu befreien, sollten die Gebühren nur für zwölf Jahre fallen. Und das auch nur, wenn sich die Speicherbetreiber ihren Netzanschluss etwa mit einer Windkraftanlage teilen und die Batterien nach dem Wunsch der Netzbetreiber ein- und ausschalten lassen. Aus der Sicht der Branche wäre diese Regelung nicht nur vorteilhaft für die Projektwerber, sondern für das ganze Land. „Wir sind das EU-Mitglied, das noch immer nicht wächst, und diskutieren seit neun Monaten darüber, ob ein Investor in Österreich auch Geld verdienen darf, wenn er etwas macht, was sogar noch die Wettbewerbsfähigkeit steigert“, ärgert sich Schmidt. Es gehe immerhin um fünf Milliarden Euro an privatem Kapital, die entweder in Österreich investiert werden – oder eben in den Nachbarländern. „Wir stehen uns dauernd selbst im Weg.“


Optimierung nur im Kleinen?


„In Österreich liegen Milliarden an Investitionen brach“, sagt auch Cornelia Daniel. Bei „Tausendundein Dach“ gehe die Rechnung schneller auf als bei den containergroßen Batterien auf der grünen Wiese, sagt sie. Im Fokus der Initiative stehen Gewerbebetriebe, die bereits Solaranlagen haben. Ergänzen die Unternehmen das System um einen Batteriespeicher, seien die Netzkosten kein großes Thema, da vorwiegend eigener Strom gespeichert wird. Auch diese Lösungen würden helfen, sagt Schmidt, „allerdings optimiert sich hier immer nur der Einzelne. Das Energiesystem als Ganzes kommt ohne Großspeicher nicht aus.“


Auf einen Blick: Große Batteriespeicher sollen helfen, den Strom der Erneuerbaren besser zu speichern und so einen Teil der Kosten für den teuren Leitungsbau zu sparen. In vielen Ländern Europas ist das bereits ein Riesengeschäft. Möglich wurde das durch den Verfall der Batteriepreise und die Bevorzugung von Speicherprojekten durch die Regulatoren.

Von Matthias Auer

Die Presse