Algerien und Tunesien sollen Europa klimaschonende Alternativen zu Erdgas liefern. Weil das dauern kann, werden jetzt neue Projekte diskutiert.
Ende September, Anfang Oktober wird Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer mit einer Wirtschaftsdelegation nach Algerien und Tunesien reisen. Der Hauptgrund, warum der Kontakt mit den beiden nordafrikanischen Ländern intensiviert wird, ist der Plan, von dort in großem Stil „grünen“ Wasserstoff über Italien nach Österreich und Deutschland zu importieren. Hergestellt aus Wind- oder Solarkraft, soll er als klimafreundlicher Ersatz für Erdgas durch den 3300 Kilometer langen, sogenannten Südkorridor fließen. In zwei Wochen steht davor ein Treffen in Rom an, bei dem alle Beteiligten den Fortschritt des europäischen Megaprojekts diskutieren werden.
Der ist aber mit freiem Auge kaum sichtbar. Es fehlt größtenteils der regulatorische Rahmen für den Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur. Auch in Österreich steht eine Gesetzesnovelle noch aus. Der Zeitplan ist diskret gestreckt worden: War ursprünglich von der Inbetriebnahme 2030 die Rede, geht es jetzt um Leitungswidmungen bis dahin. Laut Hattmannsdorfer wird ab 2035 über diesen Weg Wasserstoff in industriellem Maßstab nach Österreich fließen.
Kein Projekt bisher in Algerien
Aus Sicht von Experten ist auch das ambitioniert. Bis dato gibt es kein einziges Projekt für Wasserstofferzeugung aus erneuerbarer Energie in Algerien. Fraglich ist auch, ob das Stromnetz für die dafür notwendigen riesigen Wind- oder Photovoltaik-Parks ausgelegt ist. Algerien hat als einer der großen Erdgaslieferanten der EU durchaus zwiespältige Interessen. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul hat vorige Woche in Algier erklärt, das Land könnte langfristig dabei helfen, die Gasspeicher in Deutschland zu füllen – bevor seine Bedeutung als künftiger Lieferant mit riesigem Potenzial für grünen Wasserstoff noch zunehmen werde.
In Tunesien finden sich auf dem H2 -Tracker der Internationalen Energieagentur (IEA) drei Vorhaben. Nur eines davon, H2 Notos, mit Beteiligung des Stromkonzerns Verbund und der französischen Total Energies, ist mittlerweile bis zum Stadium einer Machbarkeitsstudie vorangekommen. Zudem sind die beiden Nachbarländer nicht immer handelseins. „Es geht in sehr kleinen Schritten weiter“, sagt Carola Millgramm, Leiterin der Gasabteilung in der E-Control. Die Regulierungsbehörde ist Teil der Arbeitsgruppe, die sich, wie demnächst in Rom, regelmäßig trifft.
Warten auf das neue Gesetz
In Österreich war eigentlich bis Jahresmitte das neue Gas- und Wasserstoffwirtschaftsgesetz in Aussicht gestellt worden. Nun soll es zumindest noch vor Jahresende in die interne Abstimmung in der Regierung gebracht und im Frühjahr 2027 beschlossen werden. Im Wirtschaftsministerium ist derzeit auch eine „Wasserstoffimport-Strategie“ in Ausarbeitung.
Die länderübergreifende Dimension mache die Sache sehr komplex, heißt es aus dem Ministerium. Es werden auch Alternativen zu den Lieferungen aus dem Süden geprüft, konkret ein „Ostkorridor“ aus der Westukraine. Gasleitungen, durch die früher russisches Erdgas zum Knoten Baumgarten bei Wien kam, gibt es ausreichend.
„Das ist der Charme und die Nähe zu Österreich und zur EU“, sagt Wolfgang Anzengruber, Österreichs Sonderbeauftragter für den Ukraine-Wiederaufbau und Vorsitzender des Wasserstoffbeirats, „der Nachteil: Es ist Krieg.“ Konkret werde an einer Plattform für Wasserstoffproduktion und -export in großem Stil in der Westukraine gearbeitet, die sich um entsprechende Projekte und Finanzierung bemühen soll. Die Raiffeisen Bank International prüft das Vorhaben.
Allein will das Investitionsrisiko niemand tragen. Es geht um Milliarden, um das Pipelinenetz für Wasserstoff um- und aufzurüsten. Doch die Investitionen in das Netz sind nicht wirtschaftlich, solange unklar ist, wie viel Wasserstoff benötigt wird. Die Bedarfsprognosen sind in Österreich zuletzt reduziert worden. „Wenn es um konkrete Zusagen geht, werden die Unternehmen vorsichtiger“, weiß Anzengruber.
Hoffen auf EU-Garantien
Hattmannsdorfer will Österreich an sich als „europäische Drehscheibe für Wasserstoff“ etablieren. Mit dem Aufbau der „Energieinfrastruktur für morgen“ werde Planungssicherheit geschaffen, der Standort gestärkt und der erste Schritt in Richtung Wasserstoffwirtschaft gesetzt.
Es gibt verhältnismäßig hohe Fördersummen etwa für den Groß-Elektrolyseur der OMV oder den deutlich kleineren der Energie Steiermark. Für die erste Phase des Startnetzes hat der Wirtschaftsminister eine Anschubfinanzierung in Aussicht gestellt. Die Investitionen ließen sich zu Beginn nicht nur über Transportgebühren finanzieren, daher werde sich der Bund beteiligen. Im langfristigen Finanzrahmen sei für 2029 erstmals Geld für das österreichische Wasserstoff-Startnetz im Budget vorgesehen – wenn auch zunächst kleine Summen. Aus EU-Kreisen verlautete im Sommer, dass sich Österreich eine EU-Garantie wünsche, um Risiken bei der anfänglichen Finanzierung des Wasserstoff-Südkorridors abzudecken.
Monika Graf
Salzburger Nachrichten



