US-Präsident Donald Trump bekämpft erneuerbare Energien – dennoch erlebt Ökostrom in den USA einen starken Aufschwung. Auch deutsche Konzerne wie RWE und SMA verdienen kräftig mit. Doch der Rekord trägt ein Verfallsdatum.
Noch läuft in Woodruff in South Carolina nichts vom Band. Auf den Gängen der neuen BMW-Fabrik warten die Roboterarme hinter vergitterten Scheiben auf den Start, die Montagelinien sind leer. Doch was hier entstehen soll, ist so heikel, dass Besucher schon am Eingang ihre Handys abgeben müssen: Im Dezember beginnt in der Kleinstadt die Serienfertigung von Hochvoltbatterien für Elektroautos.
Was schon läuft, ist der Strom – und der ist sauber: Die Halle arbeitet im Normalbetrieb ohne fossile Brennstoffe, die Gabelstapler tanken Wasserstoff, die Batteriemodule entstehen mit erneuerbarer Energie. BMW baut eine seiner saubersten Fabriken dort, wo die Regierung in Washington gegen Wind und Sonne Politik macht. „Das Werk Woodruff ist ein entscheidender Baustein für den Hochlauf der Elektromobilität in den USA“, sagt Produktionsvorstand Raymond Wittmann.
Was sich in Woodruff andeutet, prägt gerade das ganze Land. Trotz gestrichener Förderungen, gestoppter Offshore-Projekte und offener Feindschaft aus dem Weißen Haus boomen erneuerbare Technologien. Das Wachstum speist sich nicht aus Idealismus, sondern aus Wirtschaftlichkeit – und aus einer Nachfrage, die niemand vorhergesehen hat.
Amerikas Wind-, Solar- und Speicherbranche steuert auf ihr stärkstes Jahr zu. 2025 gingen erstmals mehr als 50 Gigawatt sauberer Kraftwerksleistung ans Netz, über 90 Prozent der gesamten neuen Kapazität des Landes. Wind und Sonne lieferten in der ersten Jahreshälfte 2026 gut ein Fünftel des US-Stroms und haben zusammengerechnet die Kernkraft überholt. Für 2026 rechnet die Branche mit noch mehr.
Die Förderung wird stark zurückgefahren
Dieser Rekord entsteht gegen den erklärten Widerstand des Präsidenten. Donald Trump hat den Erneuerbaren schon am ersten Tag seiner Amtszeit den Kampf angesagt. Am härtesten traf es die Windkraft auf hoher See: Ein Dekret stoppte neue Genehmigungen, später ließ die Regierung sogar laufende Offshore-Projekte anhalten – Vorhaben, in die Konzerne wie Ørsted bereits Milliarden gesteckt hatten. Dazu kamen hohe Zölle auf Solaranlagen und die dafür nötigen Rohstoffe.
Mit seinem Steuergesetz „One Big Beautiful Bill“ legte Trump fest, ab 2027 die Förderung neuer grüner Projekte stark zurückzufahren. Für private Solaranlagen und den Kauf neuer E-Autos lief die Steuergutschrift bereits Ende 2025 aus.
Ganz verschwunden ist die staatliche Hilfe nicht. Für neue Wind- und Solarparks gilt eine Frist: Wer nach dem 5. Juli 2026 mit dem Bau beginnt, verliert den Anspruch. Spätestens Ende 2027 muss die Anlage am Netz sein. Länger erhalten bleiben Gutschriften für Batteriespeicher, die bis 2033 laufen, sowie für Kernkraft und Wasserstoff.
Die Angst vor einem Einbruch des zweitgrößten Ökostrom-Marktes der Welt war groß – auch in Deutschland, wo viele Unternehmen einen großen Teil ihrer Umsätze in Nordamerika machen. Laut der Blue Green Alliance, einem Bündnis aus Gewerkschaften und Umweltverbänden, sind seither mehr als 220 Projekte im Wert von 83 Milliarden Dollar ins Stocken geraten.
Den Rekord tragen Onshore-Wind, Solar und Speicher. Ein weiterer Faktor sind die Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI), die derzeit überall im Land entstehen. Die Serverhallen verschlingen ungeahnte Mengen Strom. Und ihr Bedarf dürfte in kürzester Zeit stark wachsen: von 31 Gigawatt im vergangenen Jahr auf 41 Gigawatt 2026, schätzt Goldman Sachs. Bis Ende 2027 soll sich ihre Kapazität auf rund 95 Gigawatt verdoppeln.
In dieser Situation zählt vor allem eines: Tempo. Ein Solar- oder Speicherpark kann in einigen Monaten stehen, ein Gaskraftwerk braucht Jahre. Zwar kündigten US-Versorger neue Gaskraftwerke von mehr als 40 Gigawatt an. Doch in zwölf Monaten legte die installierte Gaskapazität nur um 0,6 Prozent zu, während die Zahl der Batteriespeicher um 58 Prozent wuchs.
In der Warteschlange für einen Netzanschluss steht ein Vielfaches an Erneuerbaren – zuletzt rund siebenmal so viel sauberer Strom samt Speicher wie Gas, auch wenn die angemeldete Gaskapazität zuletzt kräftig zulegte. Für Bob Inglis ist das keine Überraschung, sondern schlichte Wirtschaftlichkeit. Der frühere republikanische Abgeordnete aus South Carolina wirbt seit Jahren für eine konservative Klimapolitik und gründete die Denkfabrik Republic En, die sich als Öko-Rechte bezeichnet. Lange habe man einen falschen Gegensatz zwischen Umwelt und Wirtschaft behauptet. „Aber Wind, Solar und E-Autos sind über die Jahre im Preis gefallen und in manchen Fällen die günstigere Alternative.“
Hinzu kommt der Irankrieg, der den Ölpreis nach oben treibt. Eine Gallone Benzin kostete zuletzt fast vier Dollar, rund 30 Prozent mehr als vor Kriegsbeginn. Das führte dazu, dass sich gebrauchte E-Autos besser verkauften. Im zweiten Quartal wechselten rund 128.000 gebrauchte Stromer den Besitzer, so viele wie nie und 29 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Neue E-Autos verkauften sich dagegen mehr als 20 Prozent schlechter, wie der Marktforscher Cox Automotive ermittelte.
Auffällig ist: Oft wächst die Branche in den Bundesstaaten, die Trump gewählt haben. Washingtons Rhetorik passe nicht zu dem, was vor Ort geschehe, sagt Energieexperte Inglis. Texas sei das beste Beispiel: Nummer eins bei der Windkraft, Nummer eins bei Solar im großen Maßstab – und zugleich der stärkste Öl- und Gasstaat des Landes. Sein Fazit: „Die Amerikaner verbinden Energiesicherheit, nationale Sicherheit und ihren Geldbeutel“, sagt er. „Gesetzgeber beider Parteien sollten das auch tun.“
Von diesem Zusammenspiel profitieren europäische Konzerne – von RWE über SMA Solar bis zu Vestas und Siemens Energy. „Die USA haben sich zu einem unserer wichtigsten Wachstumsmärkte entwickelt“, heißt es bei RWE. Allein 2025 nahm der Essener Energiekonzern 15 neue Wind- und Solarparks in Nordamerika in Betrieb; in den nächsten fünf Jahren sollen 17 Milliarden Euro ins US-Geschäft fließen.
Es ist nicht allein die Aussicht auf Wachstum. „Grundsätzlich bieten die USA derzeit in vielen Bereichen attraktive Renditechancen“, sagt ein RWE-Sprecher. Das liege vor allem an der deutlich stärkeren Nachfrageentwicklung, an größeren Projekten und an langfristigen Verträgen mit finanzstarken Kunden aus Industrie und Technologie.
Enorme Nachfrage nach Strom für Datencenter
Der Wechselrichter-Hersteller SMA Solar aus Niestetal bei Kassel wächst dort ebenfalls kräftig. Im für Großprojekte zentralen Segment „Large Scale & Project Solutions“ kommt mehr als die Hälfte der Erlöse aus der Region Amerika – die USA machen dabei den weitaus größten Anteil aus. In nur drei Jahren stieg der Umsatz um fast 186 Prozent. „Solar und Speicher lassen sich deutlich schneller ausbauen als ein Gaskraftwerk, dementsprechend hoch ist die Nachfrage“, heißt es von SMA.
Am Ende zählt für die Betreiber vor allem, dass überhaupt Strom fließt – der Preis ist zweitrangig geworden. „Datencenter-Betreiber akzeptieren heute teilweise Strompreise, die über dem deutschen Großhandelspreis liegen“, sagt der RWE-Sprecher. Alles, was zähle, sei die Verfügbarkeit von ausreichend Strom; die Kosten seien kein entscheidender Faktor mehr.
Auch die großen Autobauer setzen auf den Boom. BMW montiert in Woodruff die Batterien für den iX5, sein erstes vollelektrisches Modell aus US-Fertigung. Ford steigt trotz Abschreibungen von 19,5 Milliarden Dollar auf sein E-Auto-Geschäft wieder ein: Für rund fünf Milliarden Dollar hat der Konzern eine neue Plattform für günstige Elektroautos entwickelt; das erste Modell soll 2027 vom Band laufen.
Doch das eine ist der aktuelle Aufbau, das andere sind die Investitionen in die Zukunft. „Das Bild wird zunehmend gemischt“, sagt Hannah Hess, Direktorin beim überparteilichen Analysehaus Rhodium Group. Im ersten Quartal fielen die US-Investitionen in saubere Energie und Verkehr auf 61 Milliarden Dollar – neun Prozent weniger als im Vorjahr, das zweite Quartal in Folge mit einem Rückgang. Damit ist eine jahrelange Wachstumsserie gerissen.
Gemessen an früheren Jahren bleibt das Niveau hoch: Auf saubere Technik entfallen inzwischen 4,2 Prozent aller privaten Investitionen in Anlagen und Gebrauchsgüter, vor vier Jahren waren es 2,8 Prozent.
Ausgerechnet die Stromerzeugung hält den Boom am Leben. Allein in den ersten drei Monaten flossen 25 Milliarden Dollar in saubere Erzeugung, 15 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Über zwölf Monate summiert sich das auf 105 Milliarden Dollar, so viel wie nie seit Beginn der Erhebung. Die Fabriken für Solarmodule und Batterien verlieren: Ihre Investitionen brachen um 34 Prozent ein – der tiefste Stand seit fast drei Jahren.
Der Grund für den kurzfristigen Rekord ist zugleich seine Schwäche: der Torschluss vor dem Förderende. „Solche Vorzieheffekte haben wir schon früher gesehen“, sagt Hess – etwa bei den E-Autos, deren Verkäufe nach dem Auslaufen der Kaufprämie um 43 Prozent einbrachen. Ob der Boom trage, entscheide sich in den kommenden Quartalen.
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