Kann Europa noch legal Gas kaufen?

26. Juni 2026, Wien

Verordnung. Gas aus dem Nahen Osten fließt wieder, aber neue EU-Regeln machen es Importeuren de facto unmöglich, noch legal Gas aus Drittstaaten zu kaufen, klagen Unternehmen. Dagegen regt sich Widerstand – auch aus Österreich.


Kaum kommt wieder Öl und Gas durch die Straße von Hormuz nach Europa, legt Brüssel den Importeuren neue Steine in den Weg. Glaubt man den Unternehmen, macht es ihnen die EU bald unmöglich, noch legal Erdgas aus Drittstaaten zu kaufen. Mit allen Folgen für die Versorgung des Kontinents.


Grund dafür ist die EU-Methanverordnung, die 2024 beschlossen wurde und seither schrittweise in Kraft tritt. Methan ist ein besonders aggressives Treibhausgas, das bei der Öl- und Gasproduktion durch Lecks entweicht oder durch sogenanntes „Flaring“ (gezieltes Abfackeln von Gas direkt am Bohrloch, Anm.) in CO2 umgewandelt wird. Laut einem Bericht der Weltbank verursachte das Gasabfackeln durch Öl- und Gasproduzenten im Vorjahr 167 Milliarden Kubikmeter an Treibhausgasemissionen. Der höchste Stand seit 2019.


Um das zu ändern, ist europäischen Produzenten das routinemäßige „Flaring“ verboten. Ab 2027 sollen nun auch Europas Gasimporteure nur noch Erdgas zukaufen dürfen, bei dem sie nachweisen können, dass die Emissionen zumindest nach europäischen Standards gemessen und berichtet wurden.


Welches Gas ist am „schmutzigsten“?


Das klingt nach keiner großen Nummer, sei in der Realität aber eine „mission impossible“, meint die Industrie. „Wir sind nicht gegen mehr Transparenz“ sagt Andreas Guth, Generalsekretär der Branchenvereinigung Eurogas zur „Presse“. „Wir sind auch nicht gegen Methanreduktion. Aber die Regeln müssen umsetzbar sein.“ Und genau das ist in den Augen vieler Involvierter nicht der Fall. So gibt es weder einheitliche Standards noch EU-weit gültige Zertifikate für die Emissionen der Öl- und Gasproduktion. Die Internationale Energieagentur verteilt die besten Noten an Norwegen, auch Saudi-Arabien und die Emirate liegen relativ gut. Turkmenistan, Venezuela, Libyen und der Iran sind am anderen Ende der Skala. Aber diese Pauschalanalysen sind im Einzelfall wenig aussagekräftig. Auch in den USA speist eine Vielzahl an unterschiedlichen Produzenten in das Gasnetz ein. Niemand könne mit Sicherheit beweisen, welches Gasmolekül nun den EU-Regeln entspricht und welches nicht. „Länder wie Norwegen können die Vorschriften wahrscheinlich einhalten, aber auch dort bekomme ich kein Papier, das mir garantiert, dass ich das Gas in allen EU-Ländern verkaufen kann“, sagt Guth. Die Folge ist, dass kaum neue Verträge abgeschlossen werden.


USA und Katar warnen Europa


Kurz vor dem Treffen der EU-Energieminister am Freitag haben auch die beiden größten Flüssiggasproduzenten USA und Katar auf dieses Problem aufmerksam gemacht. In einem Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnen sie vor ernsthaften Versorgungslücken und steigenden Preisen, sollte die Regulierung wie geplant in Kraft treten. Auch Algerien und Nigeria hätten den Brief unterzeichnet, heißt es in der „Financial Times“.


Widerstand formiert sich auch innerhalb der Europäischen Union – und Österreich ist mittendrin. Gemeinsam mit elf weiteren Mitgliedsländern will das Land am Freitag darauf drängen, die geplanten Regeln „mindestens um drei Jahre“ zu verschieben. „Österreich stellt die Methanreduktion nicht infrage. Im Gegenteil: Methan ist ein hochwirksames Treibhausgas, und es ist richtig, Emissionen im Energiesektor konsequent zu senken“, sagt Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner. Dennoch könne es sich Europa „gerade in der aktuellen geopolitischen Lage nicht leisten, zusätzliche Risiken für LNG- und Ölimporte zu schaffen“.


87 Prozent aller Ölimporte bedroht?


Darüber, wie ernst die Bedrohungslage wirklich ist, gehen die Meinungen stark auseinander. Eine von den Industrieverbänden in Auftrag gegebene Wood-Mackenzie-Studie warnt, dass bis zu 43 Prozent aller EU-Gasimporte und 87 Prozent der Ölimporte nicht mehr regelkonform sein könnten. Die norwegische Rystad Energy errechnete für den Environmental Defense Fund Europe hingegen, dass Europa trotz der Regulierung dreimal mehr Gas importieren könne, als es braucht. Etwaige Preissteigerungen seien eine Folge der Krise im Nahen Osten, nicht der Methanverordnung.


Dass es sich bei der Umsetzung spießt, ist aber auch der EU-Kommission bewusst. Ihr aktueller Kompromissvorschlag sieht vor, dass die Mitgliedsländer in den ersten drei Jahren auf Sanktionen verzichten sollen, wenn Unternehmen die Regeln nicht einhalten. Für die Branche ist das keine Option, sagt Guth: „Niemand kann von europäischen Unternehmen verlangen, dass sie wissentlich gegen EU-Recht verstoßen“, sagt er. Die Regeln dürften erst in Kraft treten, wenn sie auch umsetzbar sind.

Von Matthias Auer

Die Presse