Ab 2027 beziehen die EU-Staaten kein russisches Erdgas mehr. Ersetzt werden die fehlenden Mengen durch den Import von Flüssiggas – geliefert aus den USA, verschifft über den Atlantik.
Der Konflikt in der Golfregion hat am globalen Erdgasmarkt so einiges durcheinandergewirbelt. Zu spüren bekamen das auch die 27 EU-Staaten, wie aktuelle Importdaten zeigen. Zwischen Jänner und Mai dieses Jahres haben sich die Flüssiggas-Importe aus dem Nahen und Mittleren Osten demnach mehr als halbiert. Dafür wurde ein Fünftel mehr russisches LNG (verflüssigtes Erdgas) eingeführt – und das in einer Phase, in der die Lieferungen eigentlich auslaufen sollen.
Denn die EU-Staaten haben sich darauf geeinigt und per Verordnung festgelegt, dass mit 2027 kein Erdgas mehr aus Russland importiert wird. Weder in Form von Pipelinegas noch verflüssigt. Seit März gelten für die Einfuhr Übergangsbestimmungen, die den Import in bestimmten Fällen noch erlauben.
Und das wird ganz offenbar kräftig ausgenutzt, um nach den Wintermonaten die Gasspeicher wieder zu befüllen. Denn im Einkauf der Energiefirmen ist nach dem Winter vor dem Winter.
Mit dem Importplus aus Russland stieg deren Anteil an den gesamten LNG-Einfuhren der EU-Staaten von 15 auf 18 Prozent im Jahresvergleich. Damit bleibt Russland auch mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn samt weitreichenden Sanktionen der zweitgrößte Lieferant. Insgesamt sind die importierten Mengen aus Russland aber merklich gesunken. Die langjährige Abhängigkeit der EU gehört der Vergangenheit an, mittlerweile stammt das Gros der Gasimporte (Pipelinegas und LNG) aus Norwegen, den USA sowie Algerien.
Doch wie ein Winter verlässlich auf den vergangenen folgt, kommt nach einer Abhängigkeit die nächste. Mittlerweile importieren die EU-Staaten die Hälfte ihres Gases in verflüssigter Form. Die USA sind der mit Abstand größte Lieferant dafür: In den ersten fünf Monaten des Jahres wurden fast zwei Drittel der EU-Importe über den Atlantik verschifft.
Abhängig von den USA
Der Hang zum Flüssiggas droht der EU doppelt teuer stehen zu kommen, wie der Dachverband der Energieregulierungsbehörden (Acer) – in Österreich ist das die E-Control – jüngst in seinem Jahresbericht warnte. Durch die Abkehr vom russischen Pipelinegas stieg die EU nämlich zum weltgrößten LNG-Käufer auf. Noch vor China und Japan.
Der Gasverbrauch der EU – 90 Prozent werden importiert – ging zwischen 2021 und 2023 zwar um ein Fünftel zurück, stagnierte aber in den Folgejahren. Zugleich wird aber 41 Prozent weniger Pipelinegas importiert als vor Kriegsbeginn in der Ukraine. Ersetzt werden die fehlenden Mengen durch Flüssiggas.
Der große Profiteur dieses Shifts sind die USA. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis erwartet, dass die USA Norwegen heuer als größten Gaslieferanten der EU ablösen werden. Es ist demnach davon auszugehen, dass bald gut ein Drittel der EU-Gasimporte aus dem Land Trumps stammen wird.
Der EU droht damit die nächste empfindliche Abhängigkeit, zumal es ab 2027 sämtliche russischen Gaslieferungen zu ersetzen gilt. Im Rahmen des Turnberry-Deals mit den USA hat Brüssel bereits signalisiert, künftig noch mehr Flüssiggas zukaufen zu wollen.
Der Standard



