Energie. Neue Daten zeigen: Im Vorjahr sank die saubere Stromerzeugung in Österreich stärker als in jedem anderen EU-Land. Mehr neue Ökostromkraftwerke reichen als Antwort darauf nicht aus.
Am Montag hat sich hoher Besuch in der Bundeshauptstadt angesagt. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur, kommt nach Wien, um das Ergebnis der Länderprüfung zur österreichischen Energiepolitik zu präsentieren. Angesichts des Irankriegs wird er wohl lange über die Abhängigkeit des Landes von Diesel, Gas und Kerosin sprechen. Im Gegensatz dazu gilt Österreich im Strombereich seit Jahren als EU-Musterland. Doch wie der „Presse“ vorliegende Daten belegen, musste der bisherige Vorzeigeschüler auch hier einen kräftigen Rückschlag hinnehmen.
Noch vor Kurzem schien alles in bester Ordnung: Erst im Herbst erklärte die E-Control, dass der Anteil aus erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2024 bilanziell auf 94 Prozent gestiegen sei. Dass ein Gutteil des Ökostroms im Sommer als Solarstrom anfällt und bestenfalls verschenkt werden kann, während im Winter Atomstromimporte und Gaskraftwerke das Land am Laufen halten müssen, stand damals schon auf einem anderen Blatt. Aber immerhin, das politische Ziel, bis 2030 (bilanziell) zum Ökostrom-Selbstversorger zu werden, schien in Griffweite. Die Bilanz für 2025 sieht jedoch komplett anders aus.
40 Prozent mehr CO2
Zu diesem Schluss kommt der bis dato noch unveröffentlichte „Clean Power Progress Index“ des Energiedatenanbieters Montel, in den „Die Presse“ Einblick nehmen konnte. Demnach ist die kohlenstofffreie Erzeugung im Land 2025 um 18,6 Prozent gesunken. Und zwar von 53,62 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2024 auf 43,64 TWh im Jahr 2025. Es ist der stärkste Rückgang unter allen mehr als 30 im Bericht erfassten europäischen Ländern. Im Gegenzug stieg die Stromproduktion aus fossilen Kraftwerken um 15 Prozent an. Die Emissionen des heimischen Elektrizitätssektors gingen deshalb um 40 Prozent auf über 50 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Megawattstunde nach oben.
Im Gegensatz dazu konnten die europäischen Länder die CO2-Bilanz ihrer Stromproduktion 2025 deutlich senken. Finnland, Schweden und Norwegen machten die größten Schritte nach vorne. Aber auch Polen hat Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 600 Megawatt eingemottet und die installierte Solarleistung um drei Gigawatt erhöht.
Österreichs letztjähriger Absturz ist vor allem Folge der starken Abhängigkeit des Landes von Wasserkraft, die üblicherweise die Grundlage des kohlenstoffarmen Strommixes bildet. Aufgrund der starken Trockenheit sank die Wasserkrafterzeugung 2025 deutlich und wurde durch Gaskraftwerke ausgeglichen. „Die Ergebnisse bestätigen den Bedarf an einer stärkeren Diversifizierung der Stromsysteme in Europa und den Ländern, die vermehrt auf Wasserkraft setzen“, sagt Jean-Paul Harreman, Direktor bei Montel. „Ohne zusätzliche Flexibilität werden wetterbedingte Schwankungen in der Wasserkrafterzeugung voraussichtlich weiterhin zu Volatilität sowohl im Erzeugungsmix als auch in der Emissionsintensität führen.“
Österreich muss flexibler sein
Das bedeutet aber nicht, dass Österreich nur wahllos Ökostromkraftwerke zubauen müsste, um wieder auf Kurs zu kommen. Zusätzliche Windkraftwerke wären zwar notwendig, da sie gerade im Winter Abhilfe schaffen und bei schwacher Wasserführung Importe und fossilen Strom ersetzen können. Doch statt die Windkraft zu forcieren, wurden im Vorjahr in Österreich fast nur Solaranlagen installiert (1,5 von 1,7 Gigawatt an zusätzlichen Erneuerbaren), die die bekannten Stromüberschüsse im Sommer weiter verschärfen.
„Mehr erneuerbare Kraftwerke auszubauen, ist nicht genug“, schreiben auch die Autoren des Montel-Berichts. Um die Energiewende sicher voranzubringen, brauche es ein stärkeres Augenmerk auf die besten Standorte, eine bessere Netzplanung und vor allem mehr Flexibilität im System.
Wie wichtig es für das Wasserkraft-Land Österreich sein wird, mit Trockenheitsrisiken umzugehen, weiß auch der Stromkonzern Verbund. Wie im Vorjahr waren auch die ersten Monate 2026 viel zu trocken, die Laufkraftwerke des Versorgers lieferten um 28 Prozent weniger Elektrizität als im langjährigen Schnitt. Dazu kommt, dass sie bisweilen tagsüber gedrosselt werden müssen, wenn die Solaranlagen so viel überschüssige Elektrizität ins Netz drücken, dass das System zu überlasten droht. Eine Gefahr für die Stromversorgung sei der Trend zu längeren Trockenheitsperioden jedoch nicht, ist man beim Staatskonzern überzeugt. „Heuer ist ein eher trockenes Jahr“, sagt Verbund-Chef Michael Strugl zur „Presse“. „Aber das ändert nichts daran, dass die Wasserkraft die robuste Säule der Stromerzeugung in Österreich ist – mit ungefähr 60 Prozent Anteil.“
Reagieren möchte das Unternehmen dennoch und plant etwa, stärkere Puffer ins Stromsystem einzubauen, damit die erzeugte Menge auch an sonnigen Wochenenden genützt werden kann. Der Bau neuer Pumpspeicher-Kraftwerke sind eine Teil-Antwort auf das Problem. Großbatterien eine andere. Wo immer der heimische Versorger in Zukunft neue saubere Kraftwerke baut, soll deshalb daneben im Idealfall auch ein lokaler Stromspeicher entstehen.
Von Matthias Auer
Die Presse




