IEA: Österreichs Energiewende braucht raschere Umsetzung

11. Mai 2026, Wien
IEA-Chef Birol: "Globale Energiekarte wird neu gezeichnet"
 - Paris, APA/AFP

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Österreich am Montag ein gutes Zeugnis bei der Energiewende ausgestellt, mahnt aber raschere Umsetzung ein. Der nun veröffentlichte Länderbericht für Österreich ordert mehr Flexibilität und einen schnelleren Windkraftausbau. Überschattet wurde die Präsentation in Wien von eindringlichen Warnungen des IEA-Chefs Fatih Birol vor den globalen Folgen der blockierten Straße von Hormuz für die Energie- und Wirtschaftsmärkte.

„Die globale Energiekarte wird neu gezeichnet, auch die Handelsrouten“, betonte Birol. Das Vertrauen in bestehende Lieferwege sei nachhaltig zerstört. „Die Vase ist zerbrochen und kann nicht wieder zusammengesetzt werden. Was einmal passiert ist, kann wieder passieren“, warnte der IEA-Exekutivdirektor. Er sprach von der größten Energiekrise der Geschichte. „Kein Land, aber auch gar kein Land ist immun dagegen.“ In Asien habe die Energierationierung bereits begonnen. Die Region beziehe 80 bis 90 Prozent ihres Öls über die blockierte Meerenge. Auch Europa leide massiv, da es zuletzt 75 Prozent seines Kerosins aus dem Nahen Osten importiert habe.

Birol erwartet Aufschwung für Atomkraft

Ähnlich wie in den 1970er-Jahren werde der Schock eine technologische Transformation auslösen, so Birol. Damals habe ein Auto 20 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, nach der Krise waren es 10 Liter. Ähnliches passiere jetzt: Die aktuellen Ereignisse würden nicht nur der Elektromobilität einen Impuls geben, sondern auch der Verbesserung der Energieeffizienz, prognostizierte Birol. Auch bei Lkw könnte man „Überraschungen erleben“. International sieht die IEA zudem einen Aufschwung für die Atomkraft, bedauerte jedoch, dass einige Länder in Asien nun wieder auf Kohle setzen.

Österreich selbst bescheinigte Birol eine hohe Resilienz. Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) verwies auf die aktuellen wirtschaftlichen Belastungen: „Wir haben derzeit in Österreich keine Versorgungskrise, aber eine Preiskrise.“ Sie forderte Eingriffe auf europäischer Ebene und kritisierte die Merit-Order in Kombination mit dem EU-Emissionshandel. Es könne nicht sein, dass man einerseits mit höheren Gaspreisen konfrontiert sei, aber „dass wir hier dann den höheren Preis auch für grüne Energie zahlen“, sagte Zehetner. Dies solle national auch durch Hilfen für energieintensive Unternehmen von bis zu 900 Millionen Euro abgefedert werden.

Lücke zwischen Ambition und Umsetzung

Der über 80 Seiten starke IEA-Prüfbericht stellt Österreichs Ziel, bis 2030 bilanziell 100 Prozent erneuerbaren Strom zu erzeugen, ein gutes Zwischenzeugnis aus. Mit einem Erneuerbaren-Anteil von 90 Prozent am Stromverbrauch im Jahr 2024 ist Österreich EU-Spitzenreiter. Der Bericht warnt jedoch vor einer wachsenden Lücke zwischen Ambition und Umsetzung. IEA-Experte Ali Saffar formulierte fünf Kernbotschaften: Die ehrgeizigen Klimaziele müssen mit konkreten Finanzmitteln in Einklang gebracht werden. Flexibilität müsse das grundlegende Prinzip des künftigen Energiesystems werden. „Österreich hat extrem ambitionierte Ziele, und das Hauptproblem ist nun, wie diese Ziele rasch umgesetzt werden können“, sagte Saffar. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) mit seiner Förderung von dynamischen Tarifen und dem Wegfall von Doppelnetzgebühren für Speicher werde hier als sehr positiv bewertet.

Windkraft-Ausbau beschleunigen

Zudem muss laut IEA der Ausbau der Windkraft massiv beschleunigt werden. Während bei der Photovoltaik ein Boom verzeichnet werde, hinke die Windkraft aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren hinterher, rügt der Bericht. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Konsumentenschutz bei der Fernwärme. Da diese Netze oftmals als natürliches Monopol fungieren, bei dem klassischer Wettbewerb fehlt, fordert die IEA eine strengere behördliche Aufsicht, um faire Preise sicherzustellen.

Zuletzt mahnt die IEA die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ein, die in Österreich 22 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Staatliche Hilfen müssten strikt an klimafreundliche Investitionen gekoppelt sein. Im Bereich Wasserstoff empfiehlt die IEA Österreich den Fokus auf ein Start-Netz in Industrie-Clustern wie Linz, der Steiermark oder Wien. Der Infrastrukturausbau müsse exakt an die industrielle Nachfrage gekoppelt werden, um Fehlinvestitionen zu vermeiden. Birol wird seine energiediplomatischen Bemühungen am Montag noch bei Treffen mit Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und OPEC-Vertretern fortsetzen.

APA