
Der Krieg im Iran hat eine globale Energiekrise mit rasant gestiegenen Preisen für Öl, Gas und Strom ausgelöst. Für Hausbesitzer in ganz Europa ist dies zu einem Weckruf geworden. Um den explodierenden Kosten zu entkommen, setzen immer mehr von ihnen auf eine eigene Energiequelle auf dem Dach: die Solaranlage. In Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden hat sich die Nachfrage nach solchen Anlagen seit Kriegsbeginn teils mehr als verdoppelt.
Dies zeigen Gespräche mit Energieversorgern und Großhändlern. Der Boom verdeutlicht, wie geopolitische Schocks die Energiewende beschleunigen können. Die Motivation der Kunden ist dabei nicht nur finanzieller Natur. Es geht auch um Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit. „Dies ist eine Frage der europäischen Widerstandsfähigkeit“, sagt Mario Kohle, Gründer und Chef des deutschen Solar-Unternehmens Enpal. „So wie Europa in der Lage sein muss, sich selbst zu verteidigen, müssen wir auch in der Lage sein, uns selbst mit Energie zu versorgen.“
Kunden wollen Unabhängigkeit
Janik Nolden, Mitgründer des Großhändlers Solarhandel24, sieht das ähnlich. „Der Krieg hat nur das Problem offengelegt, das schon immer bestand: die Energieabhängigkeit.“ Die europäischen Regierungen seien sehenden Auges in eine Falle getappt.
Die Zahlen belegen den Ansturm. Solarhandel24 verdreifachte seinen Nettoumsatz im März im Vergleich zum Vorjahr auf fast 70 Mio. Euro und rechnet für April mit einer weiteren Verdreifachung. Das Unternehmen will deshalb rund ein Drittel mehr Personal einstellen. Auch Enpal verzeichnete im März einen Auftragsanstieg um 30 Prozent auf 130 Mio. Euro. Der Energiekonzern E.ON berichtet von einer Verdopplung der Kundenanfragen. „Das lässt sich nicht allein mit saisonalen Faktoren erklären“, sagt E.ON-Manager Filip Thon. Die Aktie des Wechselrichter-Herstellers SMA Solar ist seit Kriegsbeginn um 50 Prozent gestiegen.
Nachfrage-Tal durchschritten
Der aktuelle Boom ist umso bemerkenswerter, als der europäische Solarmarkt im Jahr 2025 erstmals seit fast einem Jahrzehnt leicht geschrumpft war. Ein Grund dafür war die schwache Nachfrage von Privatkunden, nachdem staatliche Förderprogramme ausgelaufen waren. In Deutschland kommt nun als zusätzlicher Treiber eine geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hinzu, die neue Anreize schaffen soll. Die Kosten für eine Anlage für ein durchschnittliches Einfamilienhaus liegen zwischen 10.000 und 20.000 Euro.
Gefragt sind dabei komplette Systeme. Die Kunden verknüpfen die Solarpaneele auf dem Dach meist direkt mit Batteriespeichern und Ladestationen für Elektroautos, sogenannten Wallboxen. So kann überschüssiger Strom gespeichert und später genutzt werden. Die Nachfrage nach Speichertechnologie ist dem Branchenverband Holland Solar zufolge um 40 bis 50 Prozent gestiegen. Eine große Abhängigkeit bleibt jedoch bestehen: Fast 90 Prozent der weltweit installierten Solarpaneele stammen aus China. Dortige Hersteller erklärten jedoch, der Nachfrageschub aus Europa werde kaum ausreichen, um die massiven Überkapazitäten der Branche abzubauen.
Für Experten ist die Entwicklung dennoch ein klares Signal. Der Nachfrageschub sei eine „strukturelle Verschiebung, die durch die aktuellen geopolitischen Ereignisse beschleunigt, aber nicht erst geschaffen wird“, sagt Ed Janvrin vom britischen Energieanbieter OVO Energy. Jannik Schall, Mitgründer der deutschen Firma 1Komma5Grad, sieht eine Parallele zur Energiekrise von 2022, als die Nachfrage noch höher gewesen sei: „Die wiederkehrenden Energiekrisen geben dem Sektor der Erneuerbaren recht.“
APA/Reuters




