100 Milliarden Euro in zehn Jahren verbrannt

23. Oktober 2026, Wien

Energie. Seit Ende Mai ist Österreich rechnerisch auf Energielieferungen aus dem Ausland angewiesen. Statt Milliarden für Öl und Gas zu überweisen, könnte das Land auch seine Ressourcen nutzen. Was möglich wäre, wenn man sich traut.

Die Rechnung hat es in sich: Seit Ausbruch des Irankriegs im heurigen Februar haben die Österreicherinnen und Österreicher bereits um 1,7 Milliarden Euro mehr für Erdöl- und Erdgasimporte gezahlt, als im Jahr zuvor. Trotz der startenden Energiewende hat sich die Abhängigkeit von Energieimporten bisher wenig gebessert, sagt eine Studie der Energieagentur Österreich – und zeigt auf, was es braucht, damit sich das Land eigenständiger versorgen kann.


Dass Österreich auf Energie und Rohstoffe aus anderen Weltregionen angewiesen ist, ist ein alter Hut. Schon in den 1970er-Jahren musste mehr als die Hälfte der notwendigen Energie jenseits der Grenzen zugekauft werden. Auch im Jahr 2025 hat das Land seine gut 400 Terawattstunden (TWh) an Energiebedarf nur zu 41 Prozent mit selbst erzeugtem Strom, Biomasse und zu einem kleinen Teil auch mit heimischem Gas gedeckt. Besonders fatal ist die Abhängigkeit bei den fossilen Energieträgern. Kohle muss Österreich zur Gänze im Ausland zukaufen, bei Erdgas sind es aktuell 93 Prozent und bei Erdöl 95 Prozent der benötigten Mengen.


Teures Klumpenrisiko


Das kostet: Seit 2017 sind alleine die kumulierten Kosten für den Import von Rohöl auf knapp 60 Milliarden Euro angestiegen. Erdgasimporte kosteten uns in dem Zeitraum knapp 30 Milliarden Euro und Kohle über sieben Milliarden Euro. Dazu kommen „unsichtbare Kosten“, wie die notwendigen Steuermittel für die Aufrechterhaltung der strategischen Öl- und Gasreserven, politische Abhängigkeiten und wirtschaftliche Klumpenrisiken in der Lieferkette. So kauft Österreich etwa fast sein gesamtes Rohöl in Kasachstan ein, das quer durch das Kriegsgebiet an der russisch-ukrainischen Schwarzmeerküste nach Europa geliefert und dann mit der Transalpinen Ölleitung (TAL) nach Schwechat geliefert wird.
Ende März wurde die italienische Pipeline zum Ziel von Saboteuren. Der Anschlag verlief glimpflich, trotzdem musste die Raffinerie Schwechat den Betrieb drei Tage lang herunterfahren. Auch die Tatsache, dass Österreichs Gasversorgung mittlerweile zu 30 Prozent von amerikanischen Flüssiggaslieferanten abhängt, sorgt nicht überall für große Entspannung.


Wir kaufen Öl aus Kasachstan, Tiefsee-Gas aus Norwegen, Fracking-Gas aus den USA, Flüssiggas aus Katar, doch die eigenen Potenziale im Land liegen teilweise brach. Was möglich wäre, soll die neue Datenplattform „Kompass Energieunabhängigkeit“ von der Energieagentur in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband Oesterreichs Energie aufzeigen.
„Es wird Sie nicht überraschen, dass die Zukunft elektrisch ist“, sagt Oesterreichs Energie-Präsident Michael Baminger. Denn anders als bei flüssig- oder gasförmigen Energieträgern ist Österreich bei Elektrizität am Papier schon beinahe Selbstversorger. Heute macht Strom jedoch nur ein Viertel des Energieverbrauchs aus, 2040 soll dieser Anteil an einem (geringeren) Energiebedarf auf über 40 Prozent gestiegen sein.


Die „Schattenseite“ des Erneuerbaren-Booms sei, „dass wir bei der erzeugten Menge weiterhin von der Witterung abhängen“, so Baminger. „Jede fünfte Stunde haben wir nicht genug Strom, um den Bedarf aus eigener Kraft zu decken“.


Mehr Fokus auf Europa


Selbstversorger ist Österreich auch bei fester Biomasse. Die heimische Gasförderung hat sich in den vergangenen Jahren hingegen mehr als halbiert. Hier sehen Experten allerdings noch Potenzial. Neue Projekte in Nieder- und Oberösterreich könnten den Eigenversorgungsgrad von sieben auf gut zehn Prozent heben, erwartet Geosphere Austria.


In Summe könnte Österreich im Jahr 2040 bei einem Szenario mit sehr wenig fossilen Brennstoffen seinen Energiebedarf zu rund 90 Prozent aus inländischen Quellen decken, so die Energieagentur. Vor allem Wasserstoff, Bio-Fuels, E-Fuels und Kerosin müssten dann importiert werden. Weniger progressive Szenarien, etwa des AITs, gehen für 2040 allerdings weiterhin mit einem Fossil-Anteil von 25 bis 40 Prozent aus. In dem Fall wäre die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten größer.


Energieunabhängigkeit heiße ja nicht „Abschottung, Autarkie und Isolation“, sagt Christoph Dolna-Gruber von der Energieagentur. Auch deshalb sei der Ausbau der Netze und Kraftwerke in ganz Europa und die Erschließung von großen Gasfeldern entscheidend. Österreich werde auf Energielieferungen angewiesen bleiben. „Aber eine Unabhängigkeit von EU-Drittstaaten können wir erreichen.“

Von Matthias Auer

Die Presse