OMV schmelzen die Öl- und Gasreserven weg

13. Oktober 2026, Wien

Österreichs größter Öl- und Gaskonzern verdient kräftig, doch die gesicherten Reserven sanken zuletzt viel rascher als im Rest der Branche. Die neue Chefin Emma Delaney soll das Ruder herumreißen.

Sechs Wochen ist die neue OMV-Chefin Emma Delaney nun schon in Wien. Und die gebürtige Irin hat keinen schlechten Moment erwischt, um die Führung des größten Energiekonzerns des Landes zu übernehmen. Der Irankrieg hat Benzin und Diesel so teuer gemacht, dass die OMV in den ersten sechs Monaten 2026 bereits mehr Geld verdient hat als im gesamten Vorjahr. Alleine das Geschäft mit Treibstoffen legte zuletzt um 85 Prozent zu. Doch unter der Oberfläche lauert auch eine große Baustelle auf die erfahrene Managerin: Ihr neues Unternehmen macht heute zwar hohe Profite, aber das sagt für die Zukunft wenig aus. Denn die fossilen Reserven des Konzerns schwinden rapide.


Mit Ende 2025 sanken die sicheren Reserven laut dem letztjährigen Geschäftsbericht von 979 Millionen Fass Öläquivalent auf 880 Millionen Fass Öläquivalent. Die jährliche Reservenersatzrate (RRR) lag bei elf Prozent. Diese Kennzahl gibt an, in welchem Maß abgebautes Öl und Gas durch neue nachgewiesene Reserven ersetzt werden kann.


Üblicherweise streben Öl-Majors zumindest eine Reservenersatzrate von hundert Prozent an, um nicht dauerhaft zu schrumpfen. Etliche Branchengrößen liegen weit darüber: TotalEnergies hat etwa eine RRR von 138 Prozent, ExxonMobil von 131 Prozent. Bei der OMV landet die Kenngröße hingegen auch im Drei-Jahresschnitt nur auf 57 Prozent.


Diese Entwicklung hat einen Grund: Unter Ex-Chef Alfred Stern sollte sich die OMV schrittweise zu einem Petrochemieriesen entwickeln. 2022 gab Stern die Parole aus, die Öl- und Gasproduktion der OMV bis 2030 auf 350.000 Fass am Tag schrumpfen zu wollen und begann damit, Förderprojekte abzustoßen. Im Vorjahr verkaufte die OMV etwa Ihren Anteil an der Ghasha-Konzession, einem Offshore-Gasprojekt vor der Küste Abu Dhabis an Lukoil. 2024 stieß das Unternehmen seine fossilen Beteiligungen in Malaysien ab. All das schlägt sich in der sinkenden Reservenersatzrate nieder.


Fossilen Schrumpfkurs stoppen


Emma Delaney kann und wird diesen Weg nicht weitergehen. Das ist zumindest die klare Erwartungshaltung von Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) an den teilstaatlichen Konzern. Er wünsche eine „unmissverständliche Umsetzung der Öbag-Strategie“, ließ der Minister im Vorfeld seines ersten Treffens mit der neuen OMV-Chefin wissen. Der Fokus der OMV müsse verstärkt auf „Versorgungssicherheit, Erschließung von Rohstoffpotenzialen im In- und Ausland und der Maximierung der Treibstoffproduktion“ liegen. Die Republik ist neben Abu Dhabi einer der beiden Kernaktionäre beim Energiekonzern.


Bei der langjährigen BP-Managerin stieß Hattmannsdorfer damit wohl auf offene Ohren. Denn anders als Alfred Stern, der direkt aus dem Petrochemiegeschäft zur OMV kam, ist Emma Delaney tief im Öl- und Gasgeschäft verwurzelt. Sie verbrachte die letzten 30 Jahre damit, quer über den Planeten fossile Brennstoffe aus der Erde zu holen und zu verkaufen.


Genau das kann sie nun auch bei der OMV tun: Das Chemiegeschäft ist weitgehend an die neue Tochter Borouge International ausgegliedert. Die alternativen Geschäftsfelder im Energiebereich (Sustainable Aviation Fuels, Wasserstoff, Geothermie…) werden zwar weiter wachsen, allerdings von einem sehr niedrigen Niveau. Den Fokus legen auch internationale Brancheninvestoren nach einer Phase verstärkter Investitionen in erneuerbare Energieträger wieder verstärkt auf die langfristige Sicherung der fossilen Kernressourcen der Öl- und Gasunternehmen – sprich auf eine gesunde Reservenersatzrate.
Dieser Umstand war dem OMV-Management freilich auch vor Delaneys Ankunft bewusst. Schon Alfred Stern hatte seinen fossilen Schrumpfkurs bis 2030 vor einem Jahr auf dem Capital Markets Day in London abgeschwächt und das Produktionsziel für Ende des Jahrzehnts auf 400.000 Fass am Tag angehoben.


Das Ass im Ärmel der OMV


Darüber, wie sich die Reservenersatzrate im heurigen Jahr entwickelt hat, gibt das Unternehmen auf Anfrage der „Presse“ keine Auskunft. Zumindest zwei Projekte sollten sich aber bald positiv bemerkbar machen: Im Mai 2026 hat die OMV das größte österreichische Gasprojekt seit vier Jahrzehnten im niederösterreichischen Wittau in Produktion genommen. Und ab dem kommenden Jahr soll auch die rumänische Tochter Petrom erstmals Gas aus dem Schwarzen Meer liefern.


Das Förderprojekt Neptun Deep ist das mit Abstand größte in ganz Europa und soll einst 2,6 Prozent des europäischen Gasbedarfs decken. Das Gemeinschaftsprojekt mit der staatlichen Romgaz ist das große Ass im Ärmel der OMV, wenn es um die Ausweitung ihrer fossilen Reserven geht. Betrachtet man nur die rumänische Petrom alleine, lag die Reservenersatzrate 2025 bereits bei 140 Prozent. Weitere Projekte im Schwarzen Meer werden laufend geprüft, aber Rumänien ist bei weitem nicht das einzige Land, in dem die OMV künftig wachsen könnte.


Nach sechs Wochen kann Emma Delaney noch keine großen neuen Förderprojekte aus dem Hut zaubern. Doch ihr Vertrag läuft vorerst für drei Jahre mit einer Option auf zwei weitere. Gut möglich, dass sie diese Zeit nutzen wird, um das (Öl-) und Gasportfolio der OMV wieder aufzupäppeln.


Auf einen Blick


Die fossilen Reserven der OMV sinken stark. Die jährliche Reservenersatzrate (RRR) lag 2025 bei elf Prozent. Diese Kennzahl gibt an, in welchem Maß abgebautes Öl und Gas durch neue nachgewiesene Reserven ersetzt werden kann. Üblicherweise streben Öl-Majors zumindest eine Reservenersatzrate von hundert Prozent an.

Von Matthias Auer

Die Presse