Bereit für die Börse

2. Oktober 2026, Wien

Die Ökostrom AG, Pionier für Wind- und PV-Strom, holt sich Geld von Aktionären für den Ausbau. Was das mit der Abschöpfung bei Energiefirmen und wirtschaftsfeindlicher Politik zu tun hat.


Die Ökostrom AG ist das Idealbild eines modernen Energieerzeugers: Gegründet vor 27 Jahren von einer Handvoll ehemaliger Hainburger-Au-Besetzer, bietet sie 100 Prozent sauberen Strom und gehört 3100 Kleinaktionären. „Bisher ist unser Arm in die Community lang genug, um über direkte Kontakte das Kapital für unseren Wachstumskurs zu bekommen“, sagt Ulrich Streibl, Vorstand des Energie-Musterunternehmens. Aktuell steht wieder eine Kapitalerhöhung an. Bis Mittwoch lief das Bezugsrecht für bestehende Aktionäre, ab 1. Oktober und voraussichtlich bis 6. November können neue Interessenten Aktien zeichnen.


Obwohl viele Aktionäre mehr aus Überzeugung denn aus Profitsucht beteiligt sind, ist die Investition durchaus einträglich. In der Energiekrise 2022 bis 2024 mit hohen Strompreisen war die Rendite auch schon zweistellig, in der Regel müsse sie bei sechs bis acht Prozent liegen, sagt Streibl. „Wir verdienen gutes Geld mit ökologischen Projekten, das ist die DNA der Ökostrom AG.“ Doch gute Ideen und Projekte allein reichten nicht, es brauche auch Gewinne.


Der Staat verhindert Investitionen


Und diese ökonomische Tatsache sieht er in Österreich gefährdet. „Es gibt Menschen, die halten Gewinne für verwerflich, daher muss man sie abschöpfen“, kritisiert der Manager die „investitionsbremsende und wenig wirtschaftsfreundliche Politik“. Die Ökostrom AG muss, so wie die großen Landesversorger und der teilstaatliche Stromkonzern Verbund, einen „Energiekrisenbeitrag Strom“ an den Staat abliefern.


Streibl hält Sonderabgaben wie auch bei Banken oder Preiseingriffe bei Supermärkten für übergriffig und falsch. Der Staat müsse umdenken und sich fiskalisch und regulatorisch zurücknehmen. „Eine Staatsquote von 56 Prozent kann doch nicht richtig sein“, sagt der gebürtige Bayer, der seit 2020 im Vorstand des Öko-Pionier-Unternehmens ist. Damit wachse der Wohlstand nicht, nur die Unzufriedenheit steige. Mit einer Politik der Höchststeuer und Höchstbürokratie werde das Wirtschaftswachstum nicht zurückkehren. „So ein übergriffiger Staat ist wie ein Brombeerstrauch, der mit seinen Dornen alles zuwuchert.“


Durch die Abschöpfung – ab einem Großhandels-Strompreis von 100 Euro pro Megawattstunde – fehlten dem Stromsektor in Summe etwa 1,5 Mrd. Euro, die nicht investiert werden und daher auch keine neuen Jobs im wichtigen Greentech-Bereich schaffen. Das zeige die Flut an tollen Bewerbungen, die bei der Ökostrom AG ankommen. „Der Staat verhindert diese Investments. Das ist verfehlte Finanz- und Wirtschaftspolitik“, kritisiert er. Warum die Ökostrom AG trotzdem weiter in Österreich in Windkraft, Photovoltaik und Speicher investiert, hat mit dem steigenden Strombedarf zu tun. Laut Prognosen soll er sich bis 2040 verdoppeln. Um diesen, wie geplant, mit 100 Prozent sauberem Strom zu decken, müsste neben jedem Windrad ein weiteres stehen und neben jedem PV-Park der gleiche noch einmal, rechnet Streibl vor. „Ein gewaltiges Investment, das ein enormes Wachstumspotenzial bietet.“


Die Ökostrom AG sei „eine positive Insel, wir lassen uns nicht unterkriegen“. Auch wenn es nach fünf tollen Jahren aktuell etwas zäher sei. Im Vorjahr hat die Ökostrom AG – aufgrund der Wettersituation, aber auch von Fehlern in der Beschaffung, wie der Manager einräumt – deutlich weniger verdient. Das Ergebnis vor Steuern brach von 11,46 auf 1,35 Mill. Euro ein, nach Steuern blieb ein Gewinn von 1,6 Mill. nach fast 9 Mill. Euro im Jahr davor. Heuer seien die Aussichten wieder besser. Auch soll es wieder eine Dividende geben, nachdem sie für 2025 ausnahmsweise ausgesetzt worden sei. Das Unternehmen mit 100 Beschäftigten hat in den vergangenen fünf Jahren die installierte Leistung von 50 auf 150 Megawatt verdreifacht und dafür etwa 150 Mill. Euro investiert – teilweise auch in Deutschland und in der Slowakei. 40 Mill. Euro davon kamen aus Eigenmitteln, 60 Prozent aus dem Cashflow, der Rest aus Kapitalerhöhungen.


Diesmal will sich das Unternehmen bis zu 14 Millionen an frischem Kapital holen. Das Geld soll in drei große Projekte fließen: die aktuell größte Flächen-(Agri-)PV-Anlage mit 17 Megawatt (MW), gemeinsam mit der Energie AG Oberösterreich und Investitionen von 10 bis 12 Mill. Euro; die Erweiterung des Wind/PV-Parks in Parndorf um einen 20-Megawatt-Speicher (6 Mill. Euro); und zwei Windräder in Niederösterreich (20 Mill. Euro).


Jetzt ist noch rasanteres Wachstum auf bis zu 350 MW geplant. Hier sieht Streibl eine „Lücke“ im derzeitigen Beteiligungsmodell, das zwar ohne Gebühren und Depot auskomme, für größere Investoren aber zu wenig liquide sei. Um 60 bis 70 Mill. Euro Eigenkapital einzusammeln, müsse man eine größere Community ansprechen, „und ich glaube, dass die Börse der richtige Weg wäre, den ich gerne gehen würde“, so der Ökostrom-Vorstand. In den nächsten fünf Jahre werde man mit den Aktionären eine Entscheidung treffen. Die Ökostrom AG sei bereits „börsenready“, ein Börsengang zwinge ein Unternehmen und sei das Siegel für Aktionäre, dass die Regeln eingehalten würden.

Monika Graf

Salzburger Nachrichten