Wie arabische Staaten in der Wüste cool bleiben

7. September 2026, Dubai

Klimatisierung. Die Kühlsysteme in den Golfstaaten sind teuer im Bau, aber sparen langfristig mehr Energie als Klimaanlagen in Europa.

Die arabischen Golfstaaten gelten wegen des enormen Stromverbrauchs für Kühlung als umweltpolitische Negativbeispiele. Aber einige Firmen am Golf sind inzwischen Vorreiter für Kühltechnik. „Rund 70 Prozent des Stromverbrauchs in Saudi-Arabien entfallen im Sommer auf Klimaanlagen“, räumt Saleh Al Awaji, Vizeminister für Wasser und Strom, ein. Temperaturen von über 50 Grad im Sommer erfordern in Büros, Schulen, Fabriken, Krankenhäusern und Wohnungen Klimatisierung. Im Königreich sollen genauso viele Klimaanlagen laufen, wie die Bevölkerung groß ist: 35 Millionen.


Energiebedarf verdoppelt sich


Und der heutige Verbrauch für Kühlung dürfte nach Einschätzung Al Awajis lange nicht der Höhepunkt sein angesichts des Wachstums der Wirtschaft, des Aufbaus neuer Industrien, Rechenzentren und Wohnraum: „Da mehr als 1,5 Millionen neue Wohnungen benötigt werden, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten, wird sich der Energiebedarf der Haushalte bis 2030 voraussichtlich verdoppeln.“ Der Großteil des Stroms kommt aus Öl- und Gaskraftwerken. Aber seit einigen Jahren wachsen in den Wüsten der arabischen Halbinsel die größten Solarfarmen der Welt heran – um die Erderwärmung durch die Stromproduktion nicht noch weiter anzuheizen. Um den Stromverbrauch und den Ausbau von Kraftwerken nicht über Gebühr steigern zu müssen, haben Firmen am Golf nach energieeffizienteren Systemen gesucht als es klassische Klimaanlagen sind. Dabei sind sie zu Weltmarktführern in Sachen effizienter Kühlung geworden: „District Cooling“ heißt das neue System, also das Kühlen ganzer Stadtviertel statt einzelner Wohnungen oder Gebäude. Analog zu Fernwärme eine Fernkühlung.


Der Bau ist teuer, aber der Einspareffekt enorm. Allein das Kühlwerk verschlingt 100 Milionen Dollar. Hinzu kommen die Kosten für das benötigte isolierte Rohrnetz, die je nach Durchmesser 500 bis 1500 Dollar pro Meter betragen. Dazu addiert sich ein Eistank und Tanks für Kühlwasser, in denen wie in einer Batterie kaltes Wasser gespeichert wird, um es bei Bedarf durch das Rohrleitungssystem durch ganze Häuserblocks, Fabrikanlagen, Flughäfen oder Wolkenkratzer-Wälder zu pumpen. In Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) oder Katar sind inzwischen Kühlwerke von der Größe ganzer Wohnhausblocks entstanden. Sie kühlen Stadtteile wie West Bay in Doha oder die Gebäude auf der künstlichen Insel Pearl vor der katarischen Hauptstadt oder das Viertel um das Burj Khalifa mitsamt der Dubai Mall. Die Anlagen sollen über ihren Lebenszyklus 40 Prozent billiger und deutlich CO2-ärmer sein als konventionelle Kühlung.


Teuer, aber effizient


„Fernkühlung verbraucht im Durchschnitt nur halb so viel Strom wie herkömmliche Kühlmethoden“, sagt Khalid Al Marzooqi, Chef von Tabreed. Er nennt die in Masdar City – der einst als nachhaltigste Stadt der Welt geplanten Stadt im Emirat Abu Dhabi – ansässige Firma den „Weltmarktführer für District Cooling“. Aber die Golfstaaten mit ihren gigantischen Großprojekten wollen sich auch auf diesem Feld übertreffen. Und so sieht Yasser Salah Al Jaidah, Geschäftsführer von Qatar Cool, wegen der in Pearl gebauten bisher weltgrößten Kühlanlage sein Unternehmen als „den branchenweit führenden Anbieter von Fernkühlungsdienstleistungen“.


In der Welt der Gigantomanie am Golf sehen beide Unternehmen große Exportpotentiale für sich und mögliche Technologiesprünge: Tabreed baut in Masdar an einer Anlage, die über Wärmepumpen den Strom für ihre Kältemaschinen generiert und die Abwärme in den Wüstensand presst. Im indischen Hyderabad soll die VAE-Firma Asiens größtes Fernkühlsystem bauen. In Saudi-Arabien wird mit Anlagen experimentiert, die den enormen Wasserbedarf für die Kühlanlagen mit Meerwasser oder aufbereitetem Abwasser speisen.


Aktuell wird laut der Internationalen Energieagentur global ein Fünftel des Stromverbrauchs für Kühlung genutzt. Bis 2050, so schätzt die UNO, werde es die Hälfte sein. Denn die Nachfrage nach Kühlen werde sich verdreifachen. Der Markt für Fernkühlungssysteme soll sich bis 2034 verdoppeln – auf jährlich 60 Milliarden Dollar. „Fernkühlung ist ein entscheidender Faktor für die Energiewende und eine nachhaltige Stadtentwicklung“, meint Ahmad Bin Shafar, Chef von Empower, dem Fernkühlungsanbieter in Dubai. Es brauche mehr globale Kooperation, um „die Einführung effizienterer und nachhaltigerer Energielösungen zu beschleunigen“.

von unserem Korrespondenten MATHIAS BRÜGGMANN

Die Presse