Die Regierung will das CO2-Speicherverbot rasch aufheben. Die Industrie steht bereit, Umweltschutzorganisationen kritisieren das Verfahren. Doch ohne Carbon Capture and Storage wird Österreich nicht klimaneutral.
Die Technologie könnte ein Gamechanger für die Industrie sein: Carbon Capture and Storage (CCS). Kohlenstoffdioxid wird aus der Luft gefiltert und eingespeichert. Österreich will bekanntlich bis 2040 klimaneutral sein. Sprich, die Treibhausgas-Emissionen müssen massiv sinken. Doch einige Millionen Tonnen CO2 pro Jahr werden nicht zu vermeiden sein. Im Fachjargon spricht man von „hard to abate“, schwer zu verringern. Laut Austrian Institute of Technology (AIT) sind jährlich zwischen zwölf und 18 Millionen Tonnen CO2 nicht zu dekarbonisieren. Österreich emittiert aktuell rund 66 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr.
Ein Beispiel ist die Zementherstellung, bei der prozessbedingt beim Brennen von Kalkstein CO2 entsteht. Deshalb ruhen die Hoffnungen der emissionsintensiven Stahl-, Chemie- und Zementindustrie auf der CCS-Technologie. Umweltorganisationen werfen der Industrie jedoch vor, damit weiter klimaschädlich produzieren zu können, statt in eine Reduktion zu investieren. Sie sehen Gefahren durch mögliche Gasaustritte, zu hohe Kosten und Nutzungskonflikte bei Speichern.
Doch wie weit ist Österreich bei der Technologie überhaupt?
Die Regierung hat angekündigt, das seit 2011 geltende CO2-Speicherverbot in Österreich aufzuheben. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) sieht CCS als „zentrale Klimaschutzmaßnahme“. Das Gesetz zur Speicherung soll gemeinsam mit dem neuen Klimagesetz und dem UVP-Gesetz bald in Begutachtung gehen.
Milliarden für Infrastruktur
Doch damit ist es längst noch nicht getan. Es fehlt an ausreichend erschlossenen Lagerstätten, tausenden Kilometern Pipelinenetzen und Anlagen zur Abscheidung des klimaschädlichen Gases. Vor allem aber erfordert die Technologie Milliardeninvestitionen. An Know-how mangelt es heimischen Unternehmen nicht. „Die notwendige technische Kompetenz in den Bereichen Anlagenbetrieb, untertägige Speicherung und der sichere Umgang mit gasförmigen Energieträgern und Rohstoffen ist vorhanden“, lässt die RAG Austria AG, Österreichs größtes Energiespeicherunternehmen, wissen. Bis die entsprechende Infrastruktur jedoch steht, werden noch Jahre vergehen. Derzeit gibt es nur einzelne Pilotprojekte, etwa beim Biomasse-Kraftwerk in Simmering.
Die Industrie steht bereits in den Startlöchern. Der Zementhersteller Holcim plant etwa, bis 2030 Investitionen von rund 2,1 Milliarden Euro in Carbon Capture, Utilization and Storage-Projekte zu investieren. „Wir arbeiten konsequent daran, die CO2-Emissionen in der Zementproduktion entlang aller verfügbaren Hebel laufend zu reduzieren – etwa durch einen geringeren Klinkeranteil in Zementen, alternativen Rohmaterialien und Brennstoffen, erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft“, sagt Angela Bachmann, CEO Holcim Österreich, dem STANDARD. Holcim betreibt in Österreich zwei Zementwerke, in Retznei (Steiermark) und Mannersdorf (Niederösterreich). In Mannersdorf wird an einem Projekt gearbeitet, um 95 Prozent der kompletten CO2-Emissionen zu binden.
Das Verfahren ist grundsätzlich simpel. Nicht vermeidbare CO2-Emissionen werden in einer Industrieanlage herausgefiltert, verflüssigt, in Pipelines weitertransportiert und in unterirdischen Lagerstätten eingelagert. Können die Emissionen dann einfach unter Äcker und Wiesen verschwinden? Nein. Am besten für eine Speicherung geeignet sind poröse, salzwasserhaltige Gesteinsschichten, sogenannte saline Aquifere. Allerdings sind diese weniger gut erforscht.
„Die größte Hürde sind fehlende erschlossene Lagerstätten. Das hat mindestens drei Jahre Vorlaufzeit und mit dem Verbot verschiebt sich der Start“, sagt Christian Schützenhofer, Energieexperte vom AIT. Theoretisch gebe es aber ausreichend gesicherte Kapazitäten für die nächsten Jahrzehnte, weil viel geologische Formationen prinzipiell infrage kommen. Ehemalige Erdgas- und Erdöl-Lagerstätten im Wiener Becken und Oberösterreich haben laut einer AIT-Studie von 2024 „die größte Wahrscheinlichkeit“ für eine Nutzung. Diese Speicher gelten als geologisch dicht, das CO2 bleibt sicher in der Erde. Das Risiko eines CO2-Austritts sei „extrem gering“, sagt Schützenhofer.
Zunächst kann das verflüssigte Gas per Schiene transportiert werden. Das ist zwar teuer, aber relativ leicht umsetzbar. Später müssen Pipelines gebaut werden. Jede dieser Anlagen – das Umweltbundesamt rechnet in einer Studie mit 31 Anlagen – muss an dieses Pipeline-Netz angebunden werden. „Die Genehmigung und Erlangung der Wegrechte kann Jahre dauern“, sagt Schützenhofer.
Da Österreich begrenzte Speicherkapazitäten hat, wird es ein europäisches Pipelinenetz brauchen. Die Republik wird also auch CO2 ins Ausland bringen müssen, etwa nach Italien oder Norwegen. Letzteres gilt als Vorreiter bei der Technologie. Vor der norwegischen Küste wird CO2 unter den Meeresboden in Gesteinsformationen gepresst, in denen vorher Öl und Gas entstanden sind. „Das ist etablierte Technologie und wird seit langem international angewandt“, sagt der Energieexperte.
Wer zahlen soll
Dennoch wird es eine kostspielige Angelegenheit, bis das CO2 vom Zementwerk bis zu seiner endgültigen Lagerstätte kommt. Die Speicherung einer Tonne CO2 wird nach Berechnungen des AIT rund 200 Euro pro Tonne CO2 kosten – darin sind Kosten für Transport, Betrieb, Strom, Speicherung und Überwachung der Lagerstätte berücksichtigt. Das AIT rechnet in seiner Studie mit Investitionskosten von zwölf bis 18 Milliarden Euro. „Das werden wir uns wohl aufzuteilen haben. Ich denke schon, dass es eine hoheitliche Aufgabe sein muss. Die Industrie wird ihren Teil zu leisten haben“, sagte Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementerzeuger, im Ö1-Morgenjournal.
Das Umweltbundesamt rechnet in seinem Szenario einer 50-prozentigen Förderung der Investitionskosten durch den Staat, also rund 7,3 Milliarden Euro bis 2040.
Kein Weiter-wie-bisher
Greenpeace sieht den Fokus auf Kohlenstoffdioxid-Speicherung kritisch. „Aus unserer Sicht ist es unverhältnismäßig, so viel Geld zu investieren. Viele Fragen sind offen, etwa, was das CO2 im Meeresboden macht“, sagt Jasmin Duregger, Klima- und Energieexpertin von Greenpeace. Das Geld sollte besser in den Ausbau der Erneuerbaren und thermische Sanierung investiert werden. „CCS darf nicht zum Freibrief für ein Weiter-wie-bisher mit fossilen Energien werden. CO2 zu vermeiden, muss immer Vorrang davor haben“, sagt Viktoria Auer, WWF-Klimasprecherin.
Massive Investitionen, langwierige Genehmigungsverfahren, die Errichtung einer eigenen Infrastruktur und nicht zuletzt ein hoher Energieeinsatz, da die Abscheidung von CO2 viel Strom kostet – der Gamechanger für die Industrie steckt – zumindest in Österreich – noch in den Kinderschuhen.
Der Standard



