Italien sagt wieder Ja zur Atomkraft

6. August 2026, Rom

Kernkraft. Italien will mehr Strom produzieren. Die Atombranche hat große Erwartungen, aber es gibt noch viele Unsicherheiten.



Italien will zurück zur Atomkraft. Der Senat wird voraussichtlich nach der Sommerpause einem Gesetz zustimmen, danach kann die Regierung ein entsprechendes Dekret verabschieden. Der Weg bis zur Inbetriebnahme eines ersten Reaktors wäre dann noch lang. Doch viele Unternehmen bringen sich bereits in Stellung. Darunter das italienisch-französische Nuklearunternehmen Newcleo, das innovative Flüssigblei-Mini-Reaktoren („Small Modular Reactors“, SMR) entwickelt.


Geschäftsführer Stefano Buono blickt jedoch zunächst auf die USA. Im Gespräch mit der „Presse“ begründet er dies mit der Entscheidung der Regierung Trump, die Atomenergie massiv auszubauen, um den hohen Strombedarf für Rechenzentren und Künstliche Intelligenz zu befriedigen. Washington priorisiere bleigekühlte Mini-Reaktoren, wie sie Newcleo plant.


Private Atomkraft


Buono setzte bisher auf Europa. Jetzt vollzieht er eine Kehrtwende. Während in Europa kaum Mittel zur Verfügung gestellt würden und Länder wie Deutschland, Österreich und Luxemburg die Entwicklung nuklearer Reaktoren der vierten Generation blockierten, gebe es in den USA öffentliche Unterstützung und viel mehr Kapital. „Wir werden wahrscheinlich mit der Vermarktung in den USA beginnen. Die ersten kommerziellen Reaktoren könnten in sechs Jahren in Betrieb gehen“, sagt er. „Wir sind das einzige private Atomkraftunternehmen weltweit, das die Anforderungen der Trump-Regierung hinsichtlich der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente erfüllen kann“, sagt Buono. Washington will Plutonium aus der Zeit des Kalten Kriegs als Kernbrennstoff für die Produktion von Brennstoff in bleigekühlten modularen Reaktoren nutzen. Das entspreche genau dem Geschäftsmodell von Newcleo.


Newcleo will an die New Yorker Tech-Börse Nasdaq gehen. Geplant ist eine Fusion mit der börsennotierten NewHolding Investment, bei der Newcleo mit 2,4 Mrd. US-Dollar bewertet wird. Buono holte den von OpenAI-CEO Sam Altman unterstützten SMR-Entwickler Oklo als US-Partner mit ins Boot. Mit dem Börsengang will Newcleo die nötigen Mittel einsammeln, um die Entwicklung, den Bau und die Kommerzialisierung bleigekühlter Mini-Reaktoren in der Größe etwa einer Fabrikhalle vorantreiben und zur Serienreife entwickeln zu können. In einer früheren Finanzierungsrunde hat die 2021 von Buono gegründete Newcleo 670 Mio. Euro eingesammelt.


Testreaktor bei Bologna


Newcleo will einen ersten nicht nuklearen Testreaktor noch in diesem Jahr bei Bologna in Betrieb nehmen. Ein nuklearer Prototyp in Frankreich soll 2030 folgen. Die kommerzielle Nutzung von Mini-Reaktoren mit einer Leistung von maximal 300 MW könnte laut Buono 2030/31 beginnen. Bis 2040 will Newcleo in der Lage sein, Hunderte von Reaktoren pro Jahr zu bauen. Die USA stellten 20 Tonnen Plutonium zur Verfügung: Das reiche für viele Jahre. Dazu kämen öffentliche Hilfen bei Rückzahlungsfristen von 30 Jahren. „Und es besteht großes Interesse seitens der US-Infrastrukturfonds, die mit ihren Investitionen über viele Jahrzehnte hinweg hohe Renditen erzielen können.“


Aber auch in Europa sieht man mittelfristig Potenzial für neue AKW – und das vor allem in Italien, das sich vor knapp 40 Jahren von der Atomkraft verabschiedet hatte. So unterstützt die Regierung die Wiedereinführung der Atomkraft, weil das Land sehr stark von Öl und Gas abhängig ist und beim Ausbau erneuerbarer Energiequellen nur langsam vorankommt. Im Konsortium Nuclitalia arbeiten Enel, Ansaldo Energia und Leonardo an neuen Konzepten. Auch der Mineralölkonzern Eni und Edison, die italienische Tochter des französischen Energieriesen EDF, wittert gute Geschäftschancen. Italiens Nuklearbranche zählt 600 Unternehmen, die auf einen Umsatz von vier Milliarden Euro kommen. Flavio Cattaneo, CEO des Energieversorgers Enel, rechnet jedoch frühestens in zehn Jahren mit der Inbetriebnahme eines ersten Reaktors.


Skeptische Bevölkerung


Das ist jedoch unsicher. Denn die Italiener haben die Atomenergie in zwei Referenden 1987 und 2011 abgelehnt. Bestehende Anlagen wurden daraufhin abgeschaltet. Ein neues Volksbegehren mit offenem Ausgang ist wahrscheinlich. Es gibt auch Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der Atomenergie. Der World Nuclear Industry Status Report berichtete im Februar 2025 unter Berufung auf die US-Energieinformationsbehörde, dass die Stromentstehungskosten für Atomstrom bei rund 110Dollar je Megawattstunde, für erneuerbare Energien aber bei nur 55 Dollar pro Megawattstunde liegen.


„Am Anfang braucht man staatliche Hilfen“, räumt Buono ein. „Aber auch Solar- und Windenergie haben umfangreiche Subventionen erhalten.“ Nach der Anschubfinanzierung sei eine rentable Energieerzeugung ohne staatliche Hilfen möglich. Newcleo habe ein Kreislaufsystem entwickelt und verfüge über das Know-how für den Bau der modularen Anlagen, die mit recyceltem Atommüll betrieben werden. Reste aus der Herstellung des Brennstoffs aus MOX-Elementen könnten in der Nuklearmedizin oder für Batterien verwendet werden. Es falle nur sehr wenig nuklearer „Restmüll“ an. „Wir setzen auf eine sichere und wettbewerbsfähige Energieproduktion.“

von unserem Korrespondenten GERHARD BLÄSKE

Die Presse