Was Europas Gaspreis derzeit antreibt

3. August 2026, Wien

Zertifikate. Auch wenn vor allem die Ölnotierung für Schlagzeilen sorgt, treibt der Nahostkonflikt Europas Gaspreis ebenso an. Das hat einen handfesten Grund.


Anleger, die auf die Entwicklungen an den internationalen Energiemärkten setzen wollen, brauchen starke Nerven. Vor allem der Ölpreis legt seit Ausbruch des Iran-Kriegs starke Schwankungen zurück. Doch es gibt einen weiteren Energieträger, dessen Preisentwicklung weniger im Rampenlicht steht und dennoch von der globalen Wirtschaft ebenso nachgefragt wird.


So ist zuletzt die Notierung von Erdgas etwa in Europa kräftig gestiegen. In der Region wird dabei die Preissetzung für Erdgas – genauer gesagt für Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) – maßgeblich an der niederländischen Terminbörse TTF bestimmt. Dort schnellte die Notierung kurz nach Ausbruch des Iran-Kriegs auf 53,39 Euro pro Megawattstunde hoch und erreichte am 29. Juli die Marke von rund 61 Euro. Auf Jahressicht liegt das Plus bei mehr als 75 Prozent, weitere Preissprünge werden nicht ausgeschlossen.


Niedrige Füllstände


Denn in Europa sind die Füllstände der Gasspeicher mit durchschnittlich 52,52 Prozent zu niedrig. Von 2020 bis 2024 waren es noch 67,5 Prozent. Berichten zufolge äußerte sich Anders Opedal, CEO des norwegischen Energiekonzerns Equinor, deshalb skeptisch darüber, ob Europa das Ziel erreichen werde, die Gasspeicher bis zum Winter zu 80 Prozent aufzufüllen. Zumindest nicht, ohne kräftige Preissteigerungen in Kauf zu nehmen.


Das Dilemma liegt in der Entwicklung im Nahen Osten. Katar stoppte seine LNG-Exporte, nachdem iranische Drohnen im März eine wichtige Produktionsanlage getroffen hatten. Qatar Energy hatte bis dahin gut ein Fünftel der weltweiten LNG-Versorgung abgedeckt, wovon ein großer Teil nach Asien ging. Überhaupt sind die asiatischen Länder stärker als Europa von LNG aus Nahost abhängig, doch die Lieferketten sind nun gestört. „Sie fragen daher verstärkt US-LNG nach, das normalerweise nach Europa verschifft wird“, verweist Carsten Fritsch, Analyst bei der Commerzbank, auf die Folgen. Weiteren Preisdruck nach oben könnte es in Europa kommendes Jahr geben. Ab dem 1. Jänner hat die EU einen Importstopp für russisches LNG verhängt. Bis Ende 2027 darf auch kein Pipelinegas mehr aus der Region eingeführt werden. Dann dürfte sich der Wettlauf um andere Anbieter verschärfen.


Anleger, die auf einen weiteren Anstieg beim europäischen Gaspreis setzen wollen, können dies mit einem Faktorzertifikat tun. Als Berechnungsgrundlage bei solchen Papieren wird der Schlusskurs des Basiswerts vom Vortag herangezogen. Die jeweils tägliche prozentuelle Kursveränderung wird dann mit dem Faktor multipliziert. Anleger sollten beachten, dass aufgrund der prozentuellen Berechnung größere Verluste entstehen können, wenn der Basiswert in die entgegengesetzte Richtung läuft oder stärker seitwärts schwankt. Die Bank Vontobel bietet ein Faktor-Longzertifikat mit einem Faktor 2 auf den ICE Endex Dutch TTF Natural Gas Future an (DE000VK64DQ6). Hierbei steht die künftige Preisentwicklung im Fokus, daher der Zusatz „Future“. Der Future-Preis kann dabei stets ein wenig vom aktuellen Preis abweichen.


Alternativ können Anleger mit dem „Flüssiggas Indexzertifikat“ von Morgan Stanley (DE000DA0ABT2) auf 18 Titel setzen, die unter anderem im Bereich LNG tätig sind. Knapp 47 Prozent sind aus der Eurozone, 35 Prozent aus den USA. Mit Equinor ist auch ein Unternehmen aus Norwegen enthalten. Die Firma ist größte Einzelgewichtung – und steigerte im zweiten Quartal 2026 die Öl- und Gasförderung um drei Prozent im Jahresvergleich auf 2165 Tausend Fass Öläquivalent pro Tag. Auch von den steigenden Energiepreisen profitiert der Konzern. Das bereinigte operative Betriebsergebnis (Ebit) verdoppelte sich beinahe auf 11,48 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn lag bei 4,84 Milliarden Dollar.


Großprojekte


Der US-Chemiekonzern Dow ist seit 2022 Minderheitsgesellschafter an der Hanseatic Energy Hub GmbH im deutschen Stade, wo bis 2029 ein LNG-Import-Terminal errichtet wird. Generalunternehmer ist die spanische Técnicas Reunidas. Überhaupt fokussiert sich die Firma auf Großprojekte etwa für Raffinerien, Öl- und Gasanlagen. Beide Aktien sind ebenfalls Teil des Index wie auch Chevron und Shell. Bei beiden Zertifikaten sind Verluste möglich.

von Raja Korinek

Die Presse