Wenn das Wasser fehlt

30. Juli 2026

Die Trockenheit trifft längst nicht nur die Landwirtschaft. Kraftwerke liefern ein Viertel weniger Strom, Schiffe können voll beladen mit Öl oder Erz nicht mehr fahren und auch mancher Tourismusort in der Wachau leidet.


Monika Graf Regina Reitsamer Salzburg „Es ist drastisch“, sagt Verbund-Chef Michael Strugl. 2026 dürfte eines der trockensten Jahre in der Geschichte des größten Stromkonzerns des Landes werden, wenn nicht das trockenste. Wenig Wasser in den Flüssen, das trifft vor allem die Energieerzeuger. Österreich hängt inklusive Speicherkraftwerken zu rund 60 Prozent von Wasserkraft ab. Bei der teilstaatlichen Verbund AG mit elf Donaukraftwerken ist die Wasserführung heuer um ein Drittel geringer. Das bedeutet ungefähr ein Viertel weniger Erzeugung.


Und es ist das zweite trockene Jahr in Folge, betont Johannes Mayer von der Regulierungsbehörde E-Control. 2025 lag die Erzeugung der heimischen Laufkraftwerke bereits um ein Fünftel unter dem langjährigen Schnitt. 2024 dagegen war das beste Jahr in der rund 70-jährigen Geschichte der österreichischen Wasserkraft. Im Mai 2024 kamen die heimischen Wasserkraftwerke auf 582 Volllaststunden, heuer waren es gerade einmal 315 Stunden. „Es wird alles um einiges variabler“, sagt Mayer. „Es kann ein Zufall sein, dass das beste und das voraussichtlich schlechteste Jahr innerhalb von drei Jahren liegen, aber es sieht nicht danach aus.“


Mehr Wasserkraft im Winter


Der Klimawandel verschiebt zugleich die Erzeugung in Richtung Winter, weil es mehr regnet. Insgesamt fehlt zwar Schmelzwasser im Frühjahr in den Flüssen und im Grundwasser. Für die Stromerzeugung steht aber im Sommer mittlerweile mehr Photovoltaik – bestenfalls in Kombination mit Batteriespeichern – zur Verfügung. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren wird die technologische Durchmischung laut Mayer noch wichtiger, „denn alle Erneuerbaren sind wetterabhängig“.


Was das geänderte Wasserdargebot für die Zukunft der Wasserkraft bedeutet, daran forscht auch der Verbund seit Jahren in Kooperation mit der Forschungsstelle AIT und der Universität für Bodenkultur (Boku). Zum einen gehe es darum, die eigenen Prognosesysteme zu verbessern, sagt Strugl. „Wir müssen für die Planung ungefähr wissen, wie viel Strom wir für den nächsten Tag erzeugen können.“ Aber es werde auch weiter nach vorn gedacht. Dabei zeige sich, dass es „bis jetzt in der Jahresbetrachtung in etwa ein konstantes Wasserdargebot gibt, aber unterjährig Verschiebungen“. Wasserkraft werde die wichtigste Stromerzeugungstechnologie in Österreich bleiben, ist der Verbund-Chef überzeugt. Sie werde prozentuell weniger ausmachen, je mehr Wind und Sonne ausgebaut wird, „aber sie wird die tragende Säule sein“.


Folgen auch in der Schifffahrt


Betroffen sind von der Trockenheit nicht nur die großen Flusskraftwerke an Donau, Inn, Drau und Enns, sondern mehr als 4000 kleine Anlagen. Mit starken regionalen Unterschieden, sagt Paul Ablinger, Sprecher der Kleinwasserkraft. Manche verzeichneten 25 bis 30 Prozent Abweichung vom langjährigen Schnitt, andere, etwa im Innviertel und Waldviertel, steuerten auf 50 Prozent zu.


Folgen sind längst auch in der Schifffahrt spürbar. Und die habe – anders als in der Öffentlichkeit oft wahrgenommen – auch in Österreich Bedeutung, sagt Alexander Klacska, Obmann der Sparte Transport und Verkehr in der Wirtschaftskammer. Ob Kohle, Erze, Dünger oder Mineralölprodukte, vieles werde verschifft, vor allem wenn es um große, schwere Mengen im Schüttgut gehe oder um Spezialtransporte großer Teile, ob für Windräder oder Turbinen für Kraftwerke.


Die Auswirkungen in Österreich seien nicht so massiv wie in Deutschland, wo bei Niedrigwasser des Rheins Tankstellen um Sprit zittern und dem Chemiegiganten BASF der Werksstillstand droht, weil 40 Prozent der Güter per Schiff transportiert werden. Doch auch hierzulande beziehe etwa die Voestalpine viele ihrer Rohstoffe wie Erze per Schiff über die Donau, sagt Klacska, der selbst ein Treibstofftransportunternehmen betreibt. Auch das Zentrallager der OMV liege nicht zufällig in der Lobau, samt Wasseranschluss. Das Rohöl kommt über Pipelines in die Raffinerie, die fertigen Produkte werden aber in der Regel verschifft und in Häfen wie Linz oder Enns per Lkw geholt und zu den Tankstellen geliefert. Von der OMV heißt es, im Zusammenhang mit der Produktdistribution gebe es zwar Einschränkungen, sie könnten jedoch durch alternative Transportmöglichkeiten sowie durch Anpassungen der Versorgungsströme „wirksam ausgeglichen werden“.


Verdoppelung des Transports über die Donau angekündigt


„Herausfordernd“ nennt Lukas Burianek, Geschäftsführer des Ennshafens, die Situation. Da Schiffe nicht voll beladen werden könnten, seien zwar mehr Schiffe unterwegs, sie lieferten aber weniger Tonnen. Vorläufig helfe man sich mit Verlagerung auf Schiene oder Straße ab. Langfristig, so Burianek, brauche es aber Investitionen in eine verlässliche Wasserstraße.


Hier gebe es auch politische Versäumnisse, sagt auch Klacska. Vor zehn Jahren sei eine Verdoppelung des Transports über die Donau angekündigt worden, seither habe er sich halbiert. Dabei spreche vieles fürs Schiff. Große Massen mit geringstem Energieeinsatz zu transportieren, sei nicht nur umweltfreundlich, sondern auch günstig. Doch bei der Zusammenarbeit mit den Nachbarländern im Osten hapere es, um so eine funktionierende Wasserstraße bis ins Schwarze Meer zu ermöglichen. „Dort sind offenbar die Einnahmen aus der Straßenmaut wichtiger als Investitionen in die Wasserstraße“, meint Klacska. Die Niedrigststände der Donau würden im Übrigen nicht gegen eine Intensivierung der Schifffahrt sprechen. „Übers Jahr gesehen wäre das in der Kombination mit der Bahn die ideale Lösung.“


Interessant ist die Schifffahrt auch touristisch. 300.000 Passagiere zählt die DDSG – einst Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft – auf ihren neun Schiffen jährlich. In Wien fahre man derzeit fast ohne Einschränkungen, so Sprecherin Ursula Bauer-Gabritsch. Größere Probleme gibt es in der Wachau, wo in Orten wie Weißenkirchen oder Emmersdorf ein Anlegen nicht mehr möglich ist. Da wähle man eben andere Routen, etwa von Melk stromaufwärts. „Vor der Schleuse ist die Donau noch gut befahrbar.“

Salzburger Nachrichten