Heikler Gas-Pakt mit Algerien

15. Juli 2026

Deutschland setzt auf LNG aus Nordafrika. Gleichzeitig will die Bundesregierung dem langjährigen Energiepartner bei der Reduzierung der Methan-Emissionen helfen. Aber zwei Minister streiten weiter.
Deutschland will angesichts leerer Gasspeicher seine Energiepartnerschaft mit Algerien vertiefen. Nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen sollen anlässlich des Besuchs des algerischen Staatspräsidenten Abdelmadjid Tebboune am Donnerstag entsprechende Absichtserklärungen unterzeichnet werden.


Im Zentrum steht dabei eine Ausweitung der algerischen Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) nach Deutschland. Zugleich will Deutschland Algerien dabei helfen, das Entweichen von klimaschädlichem Methan entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Öl- und Gasproduktion zu reduzieren, hieß es in Regierungskreisen.


Tebboune wird von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) empfangen. An der Unterzeichnung der Absichtserklärungen zum Ausbau der Energiepartnerschaft werden nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth und Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel teilnehmen.
Das Thema Methan birgt Konfliktpotenzial für die Bundesregierung. Seit Wochen streiten Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) über die Verschärfung der EU-Methanverordnung, die am 1. Januar 2027 in Kraft treten soll. Methan entweicht in großen Mengen bei der Förderung, beim Transport und bei der Weiterverarbeitung von Gas und Öl. Es ist um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid.


Umweltminister Schneider setzt sich dafür ein, dass die nächste Umsetzungsstufe der Methanverordnung planmäßig am 1. Januar 2027 in Kraft tritt: Gas- und Ölproduzenten müssen dann gegenüber EU-Importeuren nachweisen, dass sie emissionsbezogene Mess-, Berichts- und Prüfverfahren vornehmen, um Methanemissionen nicht nur zu erfassen, sondern auch zu reduzieren. All das muss hohen EU-Standards entsprechen. Ansonsten drohen empfindliche Strafen. Bislang müssen die Produzenten die Emissionen nur erfassen.


Wirtschaftsministerin Reiche hält dagegen. Sie will erreichen, dass die Verschärfung verschoben wird. Die Argumentation lautet, die EU schneide sich mit der geplanten Verschärfung der Methanverordnung ohne Not von einem Großteil des weltweiten Öl- und Gasangebots ab. Damit nehme Europa hohe Preis- und Versorgungsrisiken in Kauf. Die Gasspeicher haben sich wegen des langen Winters bedenklich geleert – und füllen sich nur langsam wieder.


Große Produzentenländer warnen bereits: Man könne keine neuen Lieferverträge anbieten. Vor diesem Hintergrund erhält der Gasdeal mit Algerien politische Brisanz – und könnte sich auch auf die Machtverhältnisse in der Koalition auswirken.


In Regierungskreisen heißt es, Schneider und Reiche wollten die Vereinbarung beide auf ihre Weise nutzen: Schneider, um deutlich zu machen, dass sich trotz der Methanverordnung die Lieferbeziehungen zu LNG-Produzenten wie Algerien intensivieren ließen. Reiche dagegen, um deutlich zu machen, dass man Lieferanten wie Algerien erst aufwendig dazu befähigen müsse, die anspruchsvollen EU-Ziele überhaupt zu erreichen.
Deutschlands Energiepartnerschaft mit Algerien besteht seit 2015. Ziel ist es, dem Land dabei zu helfen, den Ausbau der Erneuerbaren und des Stromnetzes voranzutreiben. Außerdem unterstützt Deutschland den Aufbau einer Wasserstoff-Wertschöpfungskette in dem nordafrikanischen Land. Die Bundesrepublik unterhält Energiepartnerschaften mit Dutzenden Ländern, darunter Kanada, die USA und Japan, aber auch zahlreiche Schwellenländer.


Die Diversifizierung von LNG-Bezugsquellen gilt als ein wichtiges Ziel der deutschen Energiepolitik. Wichtigster LNG-Lieferant für Deutschland und die EU sind die USA. Die USA und auch Katar, nach den USA der zweitgrößte LNG-Produzent der Welt, gehören zu den Ländern, die sich der künftigen Methanregulierung der EU nicht unterwerfen wollen.


In der Bundesregierung war der Streit über die Methanverordnung zwischen Reiche und Schneider vergangene Woche eskaliert. Reiche hatte eine regierungsinterne Absprache gebrochen: In Brüssel sagte sie zu, dass Deutschland eine Aussetzung der Methanverordnung unterstützen werde. Das geht aus zwei internen Vermerken der Bundesregierung hervor, die dem Handelsblatt vorliegen. Das Handelsblatt hatte am 6. Juli über die Auseinandersetzung berichtet. Das inhaltlich federführende Umweltministerium will dagegen verhindern, dass die Methanverordnung ausgesetzt wird. Das Haus von Schneider hatte sich zuvor auch regierungsintern entsprechend positioniert.


Dass Reiche dennoch EU-Staaten, die eine Aussetzung der Verordnung erreichen wollen, etwa Tschechien, Deutschlands Unterstützung zusagte, stieß im Umweltministerium auf Kritik. In Berlin steht seither die Frage im Raum, ob Deutschland Reiches Zusage in Brüssel nun wieder zurückziehen muss. In Regierungskreisen hieß es allerdings, Reiche habe mit Unterstützung des Bundeskanzleramts gehandelt.
Das Thema hat das Potenzial, den Koalitionsfrieden zu belasten. Im Kern geht es um die Frage, ob es der SPD gelingt, Klima- und Umweltpolitik stärker im Regierungshandeln zu verankern. Umweltminister Schneider hat in dieser Hinsicht ohnehin einen schweren Stand. Das von ihm initiierte Naturinfrastruktur-Gesetz kommt seit Monaten nicht voran. Das Gesetz soll Kompensationsmaßnahmen für Eingriffe in die Natur erleichtern. Nun wird Schneider auch beim Thema Methan vom Koalitionspartner hingehalten.
Der Umweltminister verbirgt seinen Unmut über Reiches Vorpreschen nicht mehr. An die Geschäftsordnung der Bundesregierung „wurde sich in dem Fall nicht gehalten“, sagte der SPD-Politiker am Mittwoch in der Regierungsbefragung im Bundestag. Er habe das „im bilateralen Gespräch deutlich gemacht“. Die abgestimmte Haltung der Regierung sei, die „Umsetzung der Methanverordnung nicht zu verschieben, sondern die notwendigen Spielräume, die es gibt, zu nutzen“. Schneider sieht Europa als riesigen und begehrten Markt, entsprechend selbstbewusst müsse es auftreten. „Wir haben die Macht, Standards zu setzen“, sagte er im Handelsblatt-Interview.


Die deutsche Gaswirtschaft ist besorgt. Die Energiekonzerne Uniper und EnBW betonten auf Anfrage des Handelsblatts zwar ausdrücklich, dass sie die Methanverordnung der EU unterstützten. „Eine vollständige Aussetzung ist aus unserer Sicht nicht notwendig“, sagte eine Sprecherin von Uniper. Es sei Importeuren aber in vielen Fällen derzeit schlichtweg nicht möglich, die Einhaltung der Verordnung nachzuweisen. „Eine unveränderte Umsetzung würde erhebliche Unsicherheiten für langfristige Gas- und LNG-Verträge schaffen und könnte deren Abschluss erschweren. Das hätte negative Auswirkungen auf Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Diversifizierung.“


Notwendig seien klare und einheitliche Compliance-Regeln, realistische Übergangsfristen und Rechtssicherheit für bestehende Verträge. Uniper plädiert deswegen wie Reiche für eine temporäre Aussetzung der ab Januar 2027 geplanten vollständigen Nachweispflicht.
Ähnliche Forderungen kamen bislang vor allem von Lieferanten aus dem Ausland. In einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU forderten die Energieminister der USA, Katars, Nigerias und Algeriens – allesamt Gaslieferanten für Europa – die EU auf, das Gesetz auszusetzen und „gezielte Änderungen“ vorzunehmen. „Die Importeure haben bereits damit begonnen, Öl und Erdgas zu kaufen, das für die Lieferung im Jahr 2027 gelagert werden soll, und derzeit gibt es keinen gangbaren Weg, die Verordnung einzuhalten“, hieß es in dem Brief von Ende Juni.


US-Botschafter Andrew Puzder warnte auf dem Portal X sogar vor der nächsten Energiekrise: Ohne Änderungen würden Lieferanten ihre Energie „in Märkte umlenken, die Zuverlässigkeit belohnen“.
Bis jetzt scheinen sich die Befürchtungen allerdings nicht zu bewahrheiten. Schon seit August 2025 müssen Händler nachweisen, dass importiertes Gas denselben Methanstandards entspricht wie in der EU produziertes Erdgas.


Erst am 18. Juni haben der baden-württembergische Energiekonzern EnBW und der US-amerikanische LNG-Produzent Venture Global ihre bestehenden Lieferverträge aufgestockt. Nach Handelsblatt-Informationen plant EnBW schon in dieser Woche, den nächsten Vertrag zu unterschreiben. Die EnBW-Tochter VNG soll Unternehmenskreisen zufolge Erdgaslieferungen in einem erheblichen Umfang von dem algerischen Unternehmen Sonatrach erhalten.


Konkret wollte sich das Unternehmen dazu nicht äußern. Generell berücksichtige man aber die geltenden rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, einschließlich der Anforderungen der Methanverordnung, „deren grundsätzliches Anliegen wir begrüßen“.


Die Öl- und Gasindustrie kritisiert dagegen, dass Anforderungen derzeit schlicht nicht umsetzbar seien. Dabei stützt sie sich auf eine selbst in Auftrag gegebene Studie des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie, nach der die zur Einhaltung der Verordnung erforderliche Infrastruktur noch immer nicht vorhanden sei. Sollte die verschärfte Regelung von Januar 2027 an trotzdem wie geplant in Kraft treten, gefährdet sie der Studie zufolge bis zu 87 Prozent der europäischen Öllieferungen und 43 Prozent der Gasimporte.

Die Meinungen der Experten gehen hier allerdings weit auseinander. In einer aktuellen Analyse kommt die Energieberatung Rystad Energy im Auftrag der Umweltschutzorganisation Environmental Defense Fund zu dem Ergebnis, dass die Methanverordnung keineswegs zu einer Verknappung des Angebots auf dem europäischen Markt führt. „Im Jahr 2025 war eine höhere Vertragsabschlusstätigkeit zu verzeichnen als die durchschnittliche reine Wiederauffüllungsquote der bestehenden Verträge“, schreiben die Rystad-Analysten.

Handelsblatt