Versorgungssicherheit. Der Iran-Krieg verändert die Investmentlogik im Energiesektor grundlegend – und eröffnet gezielten Anlegern neue Chancen.
Der globale Energieverbrauch wird nach wie vor zu rund 80 Prozent von fossilen Brennstoffen gedeckt – Öl und Kohle halten sich stabil, der Anteil von Erdgas steigt. Erneuerbare Energien kommen im Gesamtmix, inklusive Verkehr, Heizung und Industrie, erst auf knapp 20 Prozent. Und dennoch erlebt der Sektor gerade einen Investmentboom – mit völlig neuer Begründung. „Noch vor einigen Jahren ging es darum, die Auswirkungen des Klimawandels zu bekämpfen“, sagt Monika Rosen, Börsenexpertin und Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft. „Jetzt geht es, zumindest in Europa, um Energieunabhängigkeit. Energieversorgung ist zu einem geopolitischen Thema geworden – der Klimawandel ist nur mehr ein Nebenprodukt.“
Öl profitiert
Laut aktuellen Marktdaten flossen allein im April global rund drei Milliarden Dollar in Renewables-ETFs – der stärkste Monatszufluss seit Jänner 2021. Parallel profitieren die großen Ölkonzerne von einem Effizienzschub der vergangenen Jahre: Laut William Blair verdoppelt ein Ölpreisanstieg von 15 Dollar den Free Cash Flow US-amerikanischer Förderfirmen. „Die großen Ölfirmen haben massiv in Effizienz investiert, damit sie auch bei niedrigerem Ölpreis gute Margen erzielen“, erklärt Rosen. „Das hilft ihnen jetzt, da sie voll von den höheren Ölpreisen profitieren.“
Der Energiehunger der KI
Für europäische Investoren sieht Rosen besondere Chancen bei Versorgern. Goldman Sachs erwartet, dass die Stromnachfrage in Europa bis 2028 um 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr wächst – auch wegen des enormen Energiebedarfs von KI-Rechenzentren. „In den USA geht es weniger um Unabhängigkeit, da das Land selbst genug Energie hat“, so Rosen. „Aber im Zuge des Ausbaus der KI muss man jede Energiequelle anzapfen, die irgendwie zur Verfügung steht – und das inkludiert die Erneuerbaren.“ Laut JP Morgan sind europäische Ölaktien gegenüber US-Konkurrenten günstiger bewertet. Rosen teilt das Einstiegsargument – aber mit klarem Vorbehalt: Gerade nach starken Kursbewegungen könne es bei jeder Entspannung im Konflikt rasch zu Gewinnmitnahmen kommen. „Ölaktien sind sehr volatil und abhängig von Ereignissen, über es keine Kontrolle gibt. Dieses Risiko sollte man besonders jetzt stets im Blick behalten – ein fundiertes Beratungsgespräch und eine gezielte, langfristige Strategie sind in jedem Fall unerlässlich.“
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