EU muss wegen leerer Speicher aufs Gas steigen

17. Juli 2026

Die Gasspeicher der EU-Staaten füllen sich im heurigen Sommer langsamer als in den vergangenen Jahren. Hintergrund ist auch, aber nicht nur, der Krieg in Nahost.

Die Gasspeicher füllen sich heuer langsamer als sonst. Am Dienstag stand der Füllstand im EU-Schnitt bei 52,52 Prozent. Zwischen 2020 und 2024 waren es durchschnittlich 67,5 Prozent gewesen. Die Speichermenge kratzt damit am untersten Wert der vergangenen Krisenjahre. Auch in Österreich liegt der Speicherstand mit knapp 58 Terawattstunden oder 57,43 Prozent merklich unter jenem des Vorjahres, als dieser bei 68,8 Prozent stand.


Nun, im Sommer, werden die Speicher traditionell wieder gefüllt. Doch heuer gestaltet sich dies deutlich schwieriger als üblich. Verantwortlich dafür ist auch, aber nicht nur, der Irankrieg. Schon der Start in die Auffüllsaison erwies sich als beschwerlich. Weil sich der Winter zum Ende hin noch einmal von seiner kältesten Seite zeigte, wurden die Gasspeicher ordentlich angezapft. Bis zum Ende der Heizsaison Ende März schrumpfte der EU-weite Füllstand auf ein Rekordtief von 28 Prozent.


Es gab also ohnehin viel aufzufüllen, als am 28. Februar die Hiobsbotschaft kam: Die Straße von Hormus wird gesperrt. Über sie läuft ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdgases. Zwischen Jänner und Mai haben sich die Flüssiggas-Importe der EU aus dem Nahen und Mittleren Osten infolgedessen mehr als halbiert. Nach dem gescheiterten Versuch einer Öffnung der Meeresenge patrouillierten in den Morgenstunden wieder US-Schiffe vor den Häfen des Iran.


Lieferungen eingebrochen
Bereits zuvor waren die Öl- und Gaslieferungen eingebrochen. Am Wochenende waren nur mehr halb so viele Durchfahrten durch die Meeresenge zu verzeichnen wie noch in der Woche zuvor, berichtet das Analysehaus Kpler. Sowohl die Öl- als auch Gaspreise sind wieder gestiegen. Am für die EU relevanten Gashandelspunkt TTF lag der Spotpreis „Day Ahead“ bei über 50 Euro pro Megawattstunde und damit um fast ein Drittel höher als noch im Juni. Vor Ausbruch des Irankriegs war der Preis bei etwa 30 Euro gelegen, in Zeiten der Eskalation war er auf bis zu 60 Euro geklettert.


Bei der jüngsten Sitzung der Gas-Koordinationsgruppe der EU vor zwei Wochen versuchten die Energieexperten zu beruhigen. Ja, der Füllstand liege niedriger als üblich – doch „derzeit besteht keine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit der Gasversorgung“. Das Treffen hatte allerdings stattgefunden, als sich (fälschlicherweise) eine Öffnung der Straße von Hormus abgezeichnet hatte.
Ein Füllstand von 80 Prozent würde jedenfalls reichen, um sicher über den Winter zu kommen. Zuvor war das Ziel – die entsprechende Verordnung wurde nach dem Angriffskrieg Russlands verabschiedet und im Vorjahr bis Ende 2027 verlängert – bei 90 Prozent gelegen, wurde mit der letzten Neuerung aber flexibilisiert. Sind die Marktbedingungen ungünstig, dürfen die Mitgliedsstaaten das Ziel um bis zu zehn Prozent unterschreiten.
Knappe Angelegenheit
Werden die täglichen Einspeisemengen fortgeschrieben, dürfte der Füllstand im November bei 81 Prozent stehen, rechnet die Datenbank Global Energy Flow vor. Zuvor hatten unabhängige Energieexperten davor gewarnt, dass das Ziel heuer verfehlt werden könnte. Es wird also eine knappe Geschichte.
Steigen die Preise nun wieder, sinkt allerdings der Anreiz, die Speicher rasch aufzufüllen, warnt die EU-Energiebehörde Acer. Auch die Gasmarktexpertin der E-Control, Carola Millgramm, berichtet davon, dass die Anreize heuer nicht optimal seien. Entscheidend für die Einkaufsstrategie sei etwa der Sommer-Winter-Preisunterschied. Üblicherweise wird im Sommer eifrig günstiges Gas eingekauft, um es dann im Winter teuer loszuwerden. Heuer sind die kurzfristigen Spotpreise auf ähnlichem Niveau wie die Futures für den Winter.


Große Gashändler nutzten die Volatilität nun kurzfristiger, um günstiges Gas zwischenzuspeichern und anschließend wieder gewinnbringend zu verkaufen, meint Millgramm. Auf kleinere Versorger mit Endkunden treffe das nicht zu – diese speicherten zur Sicherstellung der physischen Versorgung schon jetzt dauerhaft ein.


Andersartige Versorgung
Einige Länder könnten sich trotz niedrigerer Füllstände kurzfristig im Winter am LNG-Markt versorgen, meint die E-Control-Expertin. Das treffe zumindest auf jene Länder zu, die über eigene LNG-Terminals verfügen, etwa Deutschland. Für Österreich sei ein gut gefüllter Speicher wichtiger. Hierzulande stehe man aber gut da – auch wegen der kürzlich erfolgten Verlängerung der strategischen Gasreserve von 20 Terawattstunden. Grundsätzlich sei auch EU-weit die Versorgungssicherheit gegeben.

Der Standard