Die Strompreise rutschen an Feiertagen ins Minus. Wer profitiert, wenn im Großhandel bis zu 500 Euro pro Megawattstunde fällig werden?
Es ist mittlerweile ziemlich üblich, dass die Strompreise in Österreich an sonnigen Wochenenden und Feiertagen unter null rutschen. In einzelnen Viertelstunden – das ist die Maßeinheit – kann es richtig teuer werden, weil die Photovoltaikanlagen, Wasserkraftwerke und Windräder viel mehr Strom erzeugen, als an diesen Tagen gebraucht wird. Das, was am ersten Mai dieses Jahres passiert ist, war dennoch erstaunlich: Von 9.30 bis 17.15 Uhr waren die Preise im Minus. Und fast zweieinhalb Stunden lang mussten knapp 500 Euro pro Megawattstunde (50 Cent pro Kilowattstunde) geboten werden, damit jemand den überschüssigen Strom abgenommen hat, in erster Linie Pumpspeicherkraftwerke oder andere Speicherbetreiber. Auch Haushalte mit flexiblen Tarifen konnten gegebenenfalls profitieren. Zu Ostern und zu Pfingsten war die Lage ähnlich, aber weniger dramatisch, weil kein Wind ging.
Die OeMAG zahlt doppelt
450 Stunden waren die Strompreise im Vorjahr in Österreich bereits negativ. Die Kosten, die daraus entstanden sind, werden auf etwa 200 Mill. Euro geschätzt. Denn auf der einen Seite lassen Laufkraftwerke Wasser über das Wehr ablaufen statt durch die Turbinen oder werden Windparks heruntergefahren, um das Stromsystem stabil zu halten. Auf der anderen Seite schicken PV-Anlagen oder Biomassekraftwerke weiter fröhlich Strom ins Netz. Und bekommen dafür noch zwei, drei Cent vom Versorger oder den Marktpreis von der Ökostrom-Abrechnungsstelle OeMAG, die den Strom unmittelbar wieder loswerden muss.
Am Pfingstmontag mussten dafür zeitweise 56 Euro pro Megawattstunde draufgelegt werden, am ersten Mai sogar 500 Euro pro Megawattstunde. Noch mehr war nicht möglich, weil das die „technische Untergrenze“ ist (ab Mai minus 600 Euro). Zahlen müssen am Ende alle Stromkundinnen und Stromkunden, denn die Kosten werden über die sogenannten Erneuerbaren-Förderkosten – Erneuerbaren-Förderbeitrag und Erneuerbaren-Förderpauschale – auf Haushalte und Unternehmen umgelegt. Im Vorjahr betrugen sie zusammen laut Wirtschaftsministerium 496 Mill. Euro, für 2026 wurden sie mit 424 Mill. Euro prognostiziert, der Ökostrombeitrag wurde daher etwas reduziert.
„Das ist volkswirtschaftlich ein Blödsinn“, sagt Gerhard Christiner, Vorstandschef des Übertragungsnetzbetreibers APG (Austria Power Grid). Sollte der Erneuerbaren-Ausbau so weitergehen und der Rest des Systems gleich bleiben, werde das Phänomen noch häufiger auftreten, warnt er. Denn wenn die Erzeugung den Verbrauch übersteigt oder die großen Mengen Wind- und Sonnenstrom aus dem Osten Österreichs, wo 80 Prozent der Anlagen stehen, nicht vollständig abtransportiert werden, kippt der Preis ins Minus – um dann in den Abendstunden wieder kräftig zu steigen. Schon im Vorjahr kosteten die Ineffizienzen im heimischen Elektrizitätssystem – durch Preisdifferenzen wegen fehlender Leitungen nach Deutschland, Engpassmanagement und Förderungen in Zeiten mit negativen Preisen – rund eine Milliarde Euro.
Warum für Stromeinspeisung bezahlt wird, obwohl es zu viel davon gibt, hat zum einen mit langfristigen (Förder-)Verträgen zu tun, aber auch mit dem dramatischen PV-Boom der vergangenen Jahre – ohne zugleich den Eigenverbrauch zu steigern bzw. die Anlagen steuerbar zu machen. „Es geht aber nicht darum, Photovoltaik schlechtzumachen“, unterstreicht Christiner, „wir müssen einfach beim Speicherausbau schneller werden.“ Projekte für Batteriespeicher gibt es zahlreiche, derzeit warten aber alle auf eine Verordnung der Regulierungsbehörde, wonach netzdienliche Speicher von den Netztarifen für 20 Jahre befreit werden. „Dann wird was weitergehen“, ist Christiner überzeugt.
Einiges sollte in den nächsten Monaten und Jahren besser werden, erwartet auch Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur. Er hat sich die Entwicklung bei den Strompreisen genauer angesehen. Und kommt zum Schluss, dass die negativen Preise „kein Marktversagen sind, sondern ein Preissignal, das im gegebenen regulatorischen Rahmen folgerichtig ist“. Denn sie zeigten den Erfolg des Erneuerbaren-Ausbaus und zugleich den Mangel an Flexibilität und Speichern.
Die im novellierten Stromgesetz geregelte Spitzenkappung für neue PV-Anlagen sowie die Anreize für Stromspeicher sollten einen Beitrag leisten, ebenso wie der geplante Förderstopp, wenn die Großhandelspreise unter null fallen. Die schnellste Maßnahme werden seiner Ansicht nach aber der zusätzliche Stromverbrauch durch die Elektrifizierung sein und große Vorhaben wie das Google-Rechenzentrum in Oberösterreich, die Umstellung der Stahlproduktion bei der Voestalpine und der geplante Groß-Elektrolyseur der OMV.
Die Energieagentur empfiehlt darüber hinaus, Anlagen künftig stärker an die tatsächlichen Stundenpreise im Markt anzubinden, den Verbrauch durch flexible Tarife stärker zu steuern, etwa beim Laden von E-Autos. Besitzerinnen und Besitzer von PV-Anlagen sollten wiederum nicht bestraft, aber angesichts der geänderten Marktsituation motiviert werden, ihren Eigenverbrauch zu steigern und Speicher nachzurüsten.
Monika Graf
Salzburger Nachrichten




