Interview. Die Preise am Strommarkt schwanken wegen Trockenheit und Krisen stark, sagt Verbund-Chef Michael Strugl. Um ein Viertel weniger Strom aus Wasserkraft.
Lässt sich schon einschätzen, ob Verbund den Strompreis nach Auslaufen des „Österreich-Tarifs“ von 10 Cent netto im nächsten Jahr wieder erhöht?
MICHAEL STRUGL: Wir können es noch nicht sagen. Den Kunden, die gewechselt haben, wird der Tarif für zwölf Monate garantiert – trotz der Marktverwerfungen. Derzeit ist der Österreich-Tarif nach wie vor im Markt, aber wir schauen uns die Entwicklung natürlich an. Die Volatilität ist das neue Normal.
Sind weitere Senkungen auszuschließen?
Man kann momentan gar nichts mehr ausschließen aufgrund der starken Schwankungen auf den Märkten. Je weiter der Lieferzeitpunkt entfernt ist, desto weiter gehen die Preise nach unten. Das heißt, der Markt erwartet eine Beruhigung. Allerdings reflektiert dies auch die Unsicherheit.
Wankt wegen der Trockenheit die Bedeutung der Wasserkraft?
Wir erleben gerade ein außerordentlich trockenes Jahr in einem extremen Ausmaß, das zweite in Folge. Uns fehlt ungefähr ein Drittel des Wassers eines Regeljahres, das entspricht dann umgerechnet 25 Prozent weniger Erzeugung aus Wasserkraft. Wir forschen intensiv an der Klimaentwicklung, um valide Prognosen für unser Geschäftsmodell erstellen zu können. Ich traue mich mit Gewissheit zu sagen: Die Wasserkraft bleibt die tragende Säule der Stromerzeugung. Rund 60 Prozent des Stroms werden aus Wasserkraft erzeugt.
Wie egalisiert man den Ausfall eines Viertels der Stromproduktion aus Wasserkraft?
Das ist saisonal unterschiedlich. Wir haben an Tagen wie jetzt enorm viel Photovoltaik-Erzeugung. Im Winter hilft uns das wenig. Die großen Mengen kommen aus Importen und den Gaskraftwerken, die auch im Sommer intensiv laufen. Das ist der Grund, warum wir die Erzeugung in allen Technologien ausbauen müssen. Wenn wir so wie jetzt eine lange Trockenflaute erleben, ist der richtige Technologie-Mix in der Erzeugung die beste Möglichkeit, um gegenzusteuern.
Wird es auch neue Gaskraftwerke brauchen?
Wir gehen davon aus, dass wir auch im Jahr 2040 Gaskraftwerke mit einer Leistung von rund vier Gigawatt brauchen – in etwa die Kapazität, die wir auch jetzt haben. Das Problem ist: Ein Teil der Flotte wird am Ende der Dekade das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreichen und muss ersetzt werden. Wir werden also eine gewisse Erneuerung im thermischen Kraftwerkspark brauchen.
Von der Reformpartnerschaft und vom Beschleunigungsgesetz EABG erwartet man mehr Tempo bei den Verfahren für den Ausbau Erneuerbarer. Halten die Gesetze den Erwartungen stand?
Ein Beschleunigungsgesetz, dessen Umsetzung fünf Jahre dauert, ist per se ein Treppenwitz. Aber es ist eine politische Leistung, dass das EABG jetzt gelungen ist. Ich halte es für einen sehr klugen Ansatz, dass bei energiepolitischen Entscheidungen keine Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat mehr notwendig ist. Um das durchzusetzen, braucht es allerdings zunächst wieder eine Zwei-Drittel-Mehrheit.
Werden die Bundesländer die EABG-Ziele umsetzen?
Ich zähle da sehr auf den Hausverstand. Es hat für alle Vorteile, wenn wir mehr Strom selbst erzeugen. Wir haben inzwischen die zweite veritable Energiekrise in kurzer Zeit. Es sollte überall angekommen sein, dass uns die Importabhängigkeit bei fossiler Energie sehr wehtun kann. Ein „Kantönligeist“ wird uns nicht weiterhelfen.
Sie sagten vor Kurzem, es brauche immer eine Krise, damit sich etwas bewegt. Waren die Krisen also ausreichend für die erzielten Durchbrüche?
Ich finde schon, dass sich etwas getan hat. Wir sagen seit Jahren, dass wir den Ausbau der erneuerbaren Erzeugung brauchen, um die Abhängigkeiten zu reduzieren und die Preise zu dämpfen. Diese Argumentation höre ich jetzt auch in der politischen Diskussion – das war vorher nicht so, da haben wir über Klimaschutz und dann über Preise diskutiert. Und jetzt geht es um Energiesicherheit. Damit schließt sich das energiepolitische Dreieck zwischen Nachhaltigkeit, Leistbarkeit und Versorgungssicherheit – ich sehe da schon einen Fortschritt. Aber es geht beim Erneuerbaren-Ausbau immer noch zu langsam. Wir müssen in die Gänge kommen und die Schlagzahl erhöhen. Wir diskutieren zu lange und setzen zu wenig und zu langsam um.
Sie orten eine Wachstumsschwäche, „wie wir sie noch nie gesehen haben“. Ist der Industriestandort für energieintensive Betriebe noch konkurrenzfähig?
Man sollte sich nicht dauernd nur hinter den Strompreisen verstecken, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie geht. Die Energiepreise sind ein wichtiger Faktor, aber wo wir wirklich abgehängt wurden, sind die Lohnkosten. Wir müssen mehr Energie erzeugen, um die Preise runterzukriegen. Wir können teures Gas nur dann durch Strom ersetzen, wenn dieser leistbar ist. Nur dann wird es gelingen, in allen Sektoren zu elektrifizieren. Effiziente Elektrifizierung ist der kostengünstigste Weg zu Energiesicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz! Bis es so weit ist, müssen wir die Industrie mit Beihilfen – am besten aus den Erlösen des Emissionshandels und der CO2-Bepreisung – unterstützen.
Das geschieht u. a. durch den Industriestrompreis, den die E-Wirtschaft bezahlen muss. Wie hoch sind die Kosten für Verbund?
Wir wissen es noch nicht endgültig, die Regierung spricht von einem Volumen von 250 Millionen Euro für die gesamte Branche pro Jahr. Dazu kommen der Energiekrisenbeitrag von 200 Millionen Euro sowie 60 Millionen, die die Branche für den Sozialtarif bezahlt. Das heißt, die E-Wirtschaft zahlt über eine halbe Milliarde Euro pro Jahr – zu Lasten der Investitionsfähigkeit.
Sind die Erwartungen an Batteriespeicher gerechtfertigt oder überzogen?
Die Batteriespeicher haben eine Berechtigung, wenn sie netzdienlich sind. Wir haben beim Übertragungsnetzbetreiber Anfragen von zwölf Gigawatt, dazu kommen die Verteilnetze. Das ist deutlich mehr, als Modellierungen zufolge gebraucht wird. Das EABG schreibt fünf Gigawatt Batteriespeicher fest – und nicht 30. Zu viel Batteriespeicher kann dazu führen, dass die Systemkosten steigen statt zu sinken. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es kontraproduktiv, ineffizient und teurer – und die Netze müssen noch stärker ausgebaut werden. Die derzeit entwickelten Projekte sind also deutlich zu viele, die Erwartungen sind überzogen.
Der Regulator hat jüngst die Tarifreform für Netzentgelte vorgestellt. Der Leistungspreis spielt eine wichtige Rolle – ist das neue System intelligent?
Grundsätzlich ja. Wir brauchen eine Leistungskomponente in der Tarifierung. Derzeit geht fast alles über die Menge, das ist nicht funktional. Tarifsprünge dürfen aber nicht dazu führen, dass Elektrifizierung, etwa mit E-Ladestationen und Wärmepumpen unattraktiv wird. Diesen Punkt muss man sich noch einmal anschauen.
Wenn das Land Steiermark überlegen würde, wieder Anteile an der Energie Steiermark zu verkaufen, wäre die Verbund AG interessiert?
Wir schauen uns grundsätzlich alle Möglichkeiten im Markt an, das haben wir immer gemacht und werden es auch in Zukunft machen.
Zur Person Michael Strugl, am 28. 8. 1963 in Steyr geboren. Der Jurist und Wirtschaftswissenschaftler bekleidete viele Funktionen in der ÖVP Oberösterreich und war u. a. Landeshauptmann-Stellvertreter. 2019 wechselte der Vater von zwei Kindern in den Verbund-Vorstand. Seit 2021 ist er Vorstandschef. Er war 6 Jahre Präsident des Branchenverbands „Oesterreichs Energie“.
Von Manfred Neuper und Uwe Sommersguter
Kleine Zeitung




