Grüne Gewinner trotz Gegenwind

26. Mai 2026

Die große Euphorie rund um Green Deal und Klimaboom ist verflogen. Doch im Schatten der Ernüchterung feiern heimische Klein- und Mittelbetriebe Erfolge mit grünen Innovationen zu Dekarbonisierung, Energieeffizienz und Speicherung.

Die meisten Manager:innen reden derzeit von Krise – Andreas Schnitzhofer von einem Weltrekord. Der Chef des Gloggnitzer Engineering-Unternehmens GKT realisiert gemeinsam mit dem Industrieanlagenbauer und Kompressorhersteller Piller Blowers & Compressors für den deutschen Chemiekonzern BASF das weltweit leistungsstärkste Wärmepumpensystem. „Das ist eines der bedeutendsten Dekarbonisierungsprojekte in der europäischen Prozessindustrie“, betont Schnitzhofer. GKT – das steht für Green Key Technologies – fungiert dabei als Generalplaner und -umsetzer.


Geht es also doch noch? Ist Green Tech doch noch ein Geschäftsmodell, obwohl sich das Thema Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Monaten sichtbar vor den Klimaschutz geschoben hat, Klimaziele gelockert wurden und viele Unternehmen ihre Investitionen bremsen?


Dass das Interesse an grünen Technologien abgenommen hätte, erlebt Schnitzhofer nicht. „Europa muss das Heft wieder in die Hand nehmen und lokal investieren“, ist er überzeugt. Sein Unternehmen reitet derzeit auf einer Erfolgswelle, auch weil es ein technologischer Vorreiter ist.


Das Kernportfolio des niederösterreichischen Unternehmens, das bis vor Kurzem noch GIG Karasek hieß, umfasste bisher Prozesslösungen rund um die thermische Trenntechnik. Das sind industrielle Verfahren, bei denen Stoffgemische mithilfe von Wärme getrennt oder konzentriert werden, beispielsweise durch Verdampfung, Destillation oder Trocknung. Prozesse, wie sie in der Chemie-, Lebensmittel-,Pharma- oder Umwelttechnik eingesetzt werden. Mit dem „Industrial Internet of Things“ können derartige Anlagen digital vernetzt und die Prozesse effizienter gesteuert werden. So spart man Energie und CO2 -Emissionen ein, auch können Wartungen frühzeitig geplant werden.


ABWÄRME AUFGEWERTET. Dieses Knowhow hat GKT auf ein neues Level gehoben: Die industrielle Abwärme wird gleichsam „aufgewertet“, sodass daraus wieder nutzbarer Prozessdampf entsteht, ähnlich wie bei einer Wärmepumpe, allerdings im industriellen Großmaßstab. Grundsätzlich sind alle Industrieunternehmen mit hohem Dampfbedarf und gleichzeitig vorhandener industrieller Abwärme weitere potenzielle Kunden, also Papier- und Zellstoff-,Lebensmittel-, Baustoff- sowie Rohstoffindustrie. „Aber auch Geothermie-und Fernwärmeanwendungen bieten großes Potenzial“, erklärt Schnitzhofer.


Die energieintensiven Industrien stehen massiv unter Druck, ihre CO2 -Emissionen zu reduzieren. Gleichzeitig wollen sie wettbewerbsfähig bleiben – da treffen Chance und Krise aufeinander. „Wir verzeichnen viele Anfragen, weil der Mehrwert erkannt wird. Man spart CO2 nicht nur in homöopathischen Dosen, gleichzeitig senkt man die Kosten zur Aufrechterhaltung des operativen Geschäftsbetriebes, zumal man die Abwärme nutzen kann, um etwas zu beheizen.“ GKT beschäftigt an den Standorten Gloggnitz, Attnang-Puchheim und Graz aktuell rund 140 Mitarbeiter und verzeichnete zuletzt einen Auftragseingang von über 50 Millionen Euro, wobei die Exportquote bei rund 90 Prozent liegt.


INFLATION SCHLÄGT KLIMA? Umwelttechnik war jahrelang ein besonders dynamischer Wirtschaftszweig in Österreich mit jährlichen Wachstumsraten von knapp neun Prozent, rund 58.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 21,4 Milliarden Euro. Das hat das Industriewissenschaftliche Institut in einer „Green Tech Studie“ für das Klimaministerium für die Jahre 2019 bis 2023 errechnet. Doch dann kam der russische Angriff auf die Ukraine, US-Präsident Donald Trump brachte den Welthandel aus der Spur und der Iran-Krieg ließ die Energiepreise nach oben schießen. Inflation, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit verdrängten die grüne Transformation von der wirtschaftlichen und politischen Agenda. Die Euphorie über die gewaltigen Wachstumschancen einer grünen Transformation: am Grund der Straße von Hormus versenkt?


„Die grüne Transformation findet statt, anfänglich durch regulatorischen Nachdruck, dazwischen mit zeitlicher Entspannung. Die aktuell hohen Energiepreise, die Frage nach der Verfügbarkeit und die damit verbundenen Unsicherheiten rücken das Thema nun deutlich in den Fokus“, widerspricht Bernhard Puttinger, Geschäftsführer des Green Tech Valleys, eines Technologie-Clusters mit über 300 Unternehmen, die auf erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft fokussieren, „die Unternehmen rechnen weiterhin bei nachhaltigen Technologien mit deutlichem Wachstum bis 2030.“


Bei der jährlichen Erhebung der „Green Tech Startups Austria“, erhoben unter anderem von Austrianstartups, aws, EY und invest.austria, wurden insgesamt 228 junge, auf Nachhaltigkeitstechnologien spezialisierte Unternehmen gezählt. „Das entspricht einem Plus von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sieht sich Puttinger bestätigt.


SALZ STATT LITHIUM. Dazu zählt auch Moritz Minarik, Geschäftsführer von Accupower. Der Grazer Betrieb, der zur Moons GmbH gehört, entwickelt und vertreibt bereits seit 1998 Lösungen im Bereich der Akku- und Ladetechnologie. Bisher zählten Branchen wie Robotik, Automotive und Medizintechnik zu den Kunden. „Vor drei Jahren haben wir mit der Entwicklung von Salzbatterien begonnen“, erklärt er. Die Produktlinie „Natec“ trägt den Namen des Rohstoffs, Natrium, im Namen. Dieses ist ein wesentlicher Bestandteil des in Europa in ausreichendem Ausmaß verfügbaren Speisesalzes.


Die in greifbare Nähe rückende Unabhängigkeit von kritischen Materialien wie Kobalt oder Lithium sei nicht der einzige Charme des neuen Produktes: „Nicht nur sind unsere Speicher bis zu 90 Prozent nachhaltiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Sie lassen sich auch bis zu einem Drittel schneller laden, und sie sind temperaturstabil. Hinzu kommt die um ein Drittel längere Lebensdauer. Das beste Argument jedoch ist die Brandsicherheit“, führt Minarik aus.


Derzeit seien die Speicher dafür allerdings noch um etwa ein Drittel größer dimensioniert als heute gängige Produkte. Daher wird es noch dauern, bis derartige Akkus in Handys oder Pkw verbaut sind. Aber die Zelltechnologie entwickelt sich rasant weiter. Die Preise seien jetzt schon für den privaten Endkunden wettbewerbsfähig, betont Minarik.


Accupower hat diese Technologie im Vorjahr als erstes europäisches Unternehmen in Serie gebracht, seit 2026 ist es schließlich auf dem Markt. Verbaut werden Natec-Akkus beispielsweise in elektrischen Golftrolleys oder in Haushalten mit PV-Anlagen. Der große Vorteil: Der grüne Strom kann schneller gespeichert werden, weil die Technologie leistungsfähiger als herkömmliche Systeme ist. Bis zu 15 Natec Home Einheiten lassen sich flexibel zusammenschalten, das erhöht die Speicherkapazität noch. Minarik: „Das plus die Notstromsicherheit machen Natec auch für Großbetriebe interessant.“ Der Natec Store C20, ein 20-Fuß-Container, bringt es immerhin auf eine Nennleistung von einem Megawatt und eine Kapazität von 2,4 MW.


Die Hauptproduktion mit rund 130 Mitarbeitenden findet im Werk in Asien statt, das Know-how mit Designentwicklung und Endmontage ist in Graz mit der 50-köpfigen Belegschaft gebündelt. Der Umsatz erreicht eine gute siebenstellige Zahl. „Freilich merken wir, dass Abnehmer unter den steigenden Energiekosten leiden. Umso eher müssen wir Innovationsführer werden. Mit Technologien wie der Natriumbatterie bringt sich Europa wieder ins Spiel“, ist Minarik überzeugt.


STROM SEIT 140 JAHREN. Doch es muss nicht immer modernste Technik sein, um mit Green Tech erfolgreich zu sein. Das beweist das Familienunternehmen Klauss im Gailtal. Schon 1886 hat Anton Klauss sein Bergdorf in Kärnten mit elektrischem Licht ausgestattet. Und das gegen den allgemeinen Widerstand. Strom galt damals vielfach noch als „der Teufel in den Drähten“. Der Startschuss für eine weitere österreichische Erfolgsstory – allerdings eine mit Tradition. Denn mit der Errichtung des fünften Kraftwerks in der K.-u.-k.-Monarchie entstand im Jahre 1899 die Alpen-Adria Energie GmbH in Kötschach-Mauthen (AAE), ein immer noch zu 100 Prozent unabhängiges Familienunternehmen.


Die Familie Klauss ist dem Ökostrom treu geblieben: AAE betreibt 15 Wasserkraftwerke, 65 Windkraftanlagen und über 1.400 PV-Anlagen und beliefert Privat-,Agrar- und Gewerbekunden vor allem im KMU-Segment mit Strom aus ausschließlich erneuerbaren Quellen.


Doch Tradition bedeutet bei Klauss nicht Stillstand, wie unter anderem der von der Familie gegründete AAE-Campus beweist. Das Zentrum beherbergt Start-ups aus den Bereichen Energiemanagement, Stromerzeugung, Umwelttechnologien und E-Mobilität. Und dort geben sich auch Vergangenheit und Zukunft die Hand, denn Roland Klauss, Gründer von EnerCharge, einem Hersteller von Schnelllade-Infrastruktur für Elektromobilität, bietet nun mit seinem Unternehmen 4Innion innovative Energieleitwarten an.


Was Anbieter für dynamische Stromtarife für private Haushalte sind, wo man mit Apps und Automatisierungen den Strompreis laufend beobachten und dann nutzen kann, wenn er günstig ist, das ist das System von 4Innion auf einer großen Skala: „ReSCADA“ – darin ist die englische Abkürzung für „Supervisory Control And Data Acquisition“ versteckt – ist im Grunde eine zentrale digitale Leitstelle für Energieanlagen.


LEITSTELLE FÜR ENERGIE. Mit einem derartigen Energiemanagement-System kann der Betreiber unterschiedliche Anlagen an diversen Orten auf einem Bildschirm sehen und steuern. Nicht nur, wie viel Strom jede Anlage gerade produziert, sondern auch, ob irgendwo ein Fehler auftritt oder ein Wechselrichter ausgefallen ist, wie voll der Batteriespeicher ist oder welche Temperaturen oder Spannungen anliegen. Und all das „in Echtzeit“. Die Anlagen lassen sich aus der Ferne ein- oder ausschalten und in ihrer Leistung reduzieren oder steigern.


Eine bessere Spitzenlastabdeckung sei essenziell für eine effiziente Nutzung von hundertprozentig grünem Strom, so Klauss. Das System eignet sich für Klein-bis Großkraftwerksbetreiber, Energiehändler ebenso wie für Energiegemeinschaften, die ihre Ressourcen optimal einsetzen und teuren Stromzukauf vermeiden wollen – ein Zukunftsmarkt.


Die Zeichen stehen auf Wachstum, nicht nur im Gailtal. Accupower hat gerade einen neuen Vertriebsstandort in Deutschland aufgesperrt und hat von dort aus Europa im Visier. Und bei GKT liegt der Fokus neben Europa zunehmend auf dem Mittleren Osten und Asien. Als Teil der Dr. Aichhorn Group verfügt das Gloggnitzer Unternehmen bereits über internationale Repräsentanzen, unter anderem in Shanghai.


Grüne Dynamik


REDUKTION VON EMISSIONEN, RECYCLING, RESSOURCENSCHO-NUNG: Umwelttechnik war in den vergangenen Jahren stark gefragt. So konnten die heimischen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen der Branche ihren Umsatz zwischen 2019 und 2023 um 40,6 Prozent auf 21,4 Milliarden Euro steigern. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von 8,9 Prozent. Auch inflationsbereinigt beträgt die jährliche Wachstumsrate immer noch stattliche 4,4 Prozent, hat das Industriewissenschaftliche Institut im Auftrag des Klimaministeriums errechnet. Zum Vergleich: Die jährliche reale Wachstumsrate des österreichischen BIP betrug in diesem Zeitraum lediglich 0,6 Prozent, was die Dynamik der Umwelttechnikbranche unterstreicht.


Insgesamt beschäftigten die Umwelttechnikunternehmen im Jahr 2023 knapp 58.000 Mitarbeitende. Die größten Umsatzbereiche waren Erneuerbare-Energie-Technologien (31 Prozent), also Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz. Allerdings stammen alle Zahlen aus der Hochzeit des Green Deals und der grünen Transformation der Wirtschaft.

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