Ex-Verbund-Chef Anzengruber ließ in der SN-Reihe „Bei Perterer“ aufhorchen.
Am Dienstagabend lud der ehemalige Chefredakteur der „ Salzburger Nachrichten“, Manfred Perterer, erneut zu seiner Gesprächsreihe „ Bei Perterer“ im SN-Saal. Zu Gast war diesmal Wolfgang Anzengruber, der bis 2020 Vorstandsvorsitzender des Verbunds war. Seit einem Jahr fungiert Anzengruber als Regierungskoordinator für den Wiederaufbau der Ukraine. Dabei geht es nicht um humanitäre Hilfe, sondern den Aufbau von mittel- und langfristigen Wirtschaftsbeziehungen.
Österreich habe bisher zwei Milliarden Euro zu den Kosten der Ukraine beigesteuert, davon 1,5 Milliarden über EU-Unterstützungsfonds. Nun habe man auch die Möglichkeit, bei den Bedingungen für den Wiederaufbau mitzureden. Die von Perterer angesprochenen politischen Forderungen, die Hilfszahlungen zu stoppen, kommentiert Anzengruber mit den Worten: „Es wäre unklug für unsere Wirtschaft.“
„Das Gas schickt die Rechnung“
In puncto Energie sieht Anzengruber in Österreich wie auch in Europa Reformbedarf. Eine Energiekrise sei heute aus seiner Sicht „ausschließlich eine fossile Krise“. Man müsse von der „exzessiven Nutzung“ von Öl und Gas wegkommen. „Das ist nicht nur ein Preisproblem, sondern auch ein ökologisches Problem“, stellt Anzengruber fest. Zumindest im Stromsektor ließe sich auch Autonomie herstellen, „wenn Europa besser zusammenarbeiten würde“. Reale Chancen, ganz unabhängig zu werden, sieht Anzengruber keine: „Autarkie halte ich für Schwachsinn.“
Kritik übt Anzengruber an der Energiebepreisung. Obwohl Österreich 2024 zu rund 90 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgt werden konnte, habe man aufgrund des Merit-Order-Prinzips immer noch Strompreise, als wären es 100 Prozent Gas gewesen. Für Anzengruber sei aber nicht das Prinzip selbst das Problem, sondern dass es „falsch angewendet“ wird.
Außerdem vermisst der frühere Verbund-Chef eine einheitliche Bepreisung auf europäischer Ebene: „Das Ziel muss es sein, dass man in Europa nur mehr eine Preiszone hat. Der Strom muss in Europa überall das Gleiche kosten.“ Anzengruber ortet zu diesem Thema allerdings ein „Diskussionsverbot“ in Europa.
„Banken statt Wirtschaftsunternehmen“
Bei einer Frage aus dem Publikum zu den hohen Gewinnen der vergangenen Jahre im Energiesektor wird Anzengruber direkt: Von Übergewinnen und Abschöpfung zu sprechen, sei problematisch, „aber es gab schon deutlich höhere Gewinne“, sagt er. Die Unternehmen argumentierten immer mit Investitionen, „aber man investiert nicht, weil man Geld hat, sondern weil man wirtschaftliche Projekte umsetzen will“. Er verweist auf die hohen Eigenkapitalquoten der Versorger. Diese arbeiteten mitunter mit 60 bis 70 Prozent Eigenkapitalquote, „da habe ich schon Banken und nicht Wirtschaftsunternehmen“.
Anja Drechsler
Salzburger Nachrichten



