Energiekrise: „Kein Land ist immun“

12. Mai 2026, Wien

Wende. Der vielleicht wichtigste Energieexperte weltweit, IEA-Chef Fatih Birol, besuchte das Energieministerium. Der Wirtschaftswissenschafter lobte und mahnte mehr Maßnahmen ein. Global sorgt er sich vor einer Wirtschaftskrise.

Fatih Birol hat keinen einfachen Job. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) kam gerade von einem zweitägigen Aufenthalt in Kanada, Montagfrüh präsentierte er in Wien mit Experten seiner Organisation den Länderbericht zu Österreichs Energiezukunft. Danach eilte er zum OPEC-Hauptquartier in die Helferstorferstraße, um mit dem Generalsekretär der ölexportierenden Staaten über das Dilemma der Blockade der Straße von Hormus zu sprechen, und hatte gleich danach einen Termin bei Bundeskanzler Christian Stocker, um weiter über Österreichs Energiezukunft zu sprechen.


Student in Wien


Birol, ein gebürtiger Türke aus Ankara, der seine Doktorwürden an der Universität Wien erlangt hat, gilt heute als einer der wichtigsten Energieexperten weltweit. Auf seine Meinung wird überall großer Wert gelegt.
Birol erzählt, dass er seinen Kollegen der Energieagentur in Paris zu Beginn des Irankriegs die Anweisung gab, vorerst nicht mit Medien zu sprechen, nachdem sich eine Sperre der Straße von Hormus abzeichnete. Er erklärte, dass sie abwarten sollten, um die Lage und die eintreffenden Daten durch die Sperre der Seestraße vollständig zu analysieren, bis das tatsächliche, weitreichende Ausmaß der Situation völlig klar war.


Nachdem die Daten zeigten, dass die Auswirkungen global waren – und das mit drastischen Folgen für Asien, Europa und Australien –, ging Birol an die Öffentlichkeit und bezeichnete die Situation ab diesem Zeitpunkt offiziell als die „größte Energiekrise der Geschichte“.


Birol erklärte seine dramatische Aussage mit dem anhaltenden Lieferausfall durch die Blockade der Straße von Hormus, wo sonst täglich etwa 20 Prozent des weltweiten Öl- und Erdgasbedarfs transportiert werden. „Die Menge an Öl und Gas, die wir diesmal verloren haben, ist größer als jene aller bisherigen schweren Öl-Krisen von 1973, 1979 und 2008 zusammen.“ Auch wenn von der Sperre von Hormus direkt vor allem Asien betroffen ist, bekräftige der Energieexperte: „Kein Land, wirklich gar kein Land, ist immun dagegen. Ich hoffe sehr, dass sich diese Energiekrise nicht zu einer Wirtschaftskrise auswächst.“


Seit Ende Februar ist der Börsenpreis für Erdöl zeitweise um mehr als 70 Prozent gestiegen, aktuell sind es etwa 46 Prozent. Und wenn sich die Energie verteuert, verteuert sich am Ende alles, von der Semmel beim Bäcker bis zum Stahl für die Bauwirtschaft: „Es ist ein Irrglaube zu denken, hohe Ölpreise würden sich nur an der Zapfsäule bemerkbar machen. Vielmehr werden die steigenden Preise für Öl und Erdgas die gesamte Lieferkette beeinträchtigen und die Inflationsraten massiv in die Höhe treiben“, sagt Birol, der davon ausgeht, dass noch deutlich höhere Börsenpreise als aktuell zu erwarten sind, sollte die Straße von Hormus weiterhin blockiert bleiben. Derzeit gibt es wenig Anzeichen, dass sich das rasch ändert.


Energie sparen


Als konkrete Gegenmaßnahme veröffentlichte die IEA einen 10-Punkte-Plan, um die Ölnachfrage in der akuten Krise rasch zu drosseln. Dieser enthielt praxisnahe Vorschläge wie die Einführung von Tempolimits, billigere oder kostenlose öffentliche Verkehrsmittel und die verstärkte Nutzung von Homeoffice. Rund 40 Länder, insbesondere im asiatischen Raum, begannen daraufhin, sich an diesen Empfehlungen zu orientieren – denn die Energiekrise hat Asien längst mit voller Wucht erreicht.


In Indien ruft Premierminister Narendra Modi die Bevölkerung zum Energiesparen auf, in Sri Lanka steigen die Strompreise, in Pakistan bleiben Schulen geschlossen, in Thailand werden Klimaanlagen gedrosselt, in Südkorea sollen die Bürger das Duschen reduzieren.
Für Europa sieht Birol vor allem bei der Versorgung mit Flugbenzin (Kerosin) ein Problem und warnt vor einer Zuspitzung der Lage. Europa hat zuletzt 75 Prozent seines Kerosins aus dem Nahen Osten importiert. Durch die aktuelle Krise fallen diese Lieferungen nun aus, weshalb Europa gezwungen ist, nach Alternativen zu suchen, denn besonders in den Reisemonaten Juli und August steige die Nachfrage nach Kerosin üblicherweise um 40 Prozent an.


IEA-Bericht zu Österreichs Energie: Der Klassenbeste ist faul geworden


Wende. Das Land profitiert noch immer von der Wasserkraft.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Österreich am Montag ein gutes Zeugnis bei der Energiewende ausgestellt, mahnt aber raschere Umsetzung ein.


Der über 80 Seiten starke IEA-Prüfbericht stellt Österreichs Ziel, bis 2030 bilanziell 100 Prozent erneuerbaren Strom zu erzeugen, ein gutes Zwischenzeugnis aus. Mit einem Erneuerbaren-Anteil von 90 Prozent am Stromverbrauch im Jahr 2024 ist Österreich der EU-Spitzenreiter vor Schweden.
Der Bericht warnt jedoch vor einer wachsenden Lücke zwischen Ambition und Umsetzung. IEA-Experte Ali Saffar formulierte fünf Kernbotschaften: Die ehrgeizigen Klimaziele müssen mit konkreten Förderungen in Einklang gebracht werden. Flexibilität müsse das grundlegende Prinzip des künftigen Energiesystems werden, das System müsse also resilienter gegen die wetterbedingte Stromproduktion von Wasser, Wind und Sonne gemacht werden, und Stromspeicher müssten klug dazugeschalten werden.


„Österreich hat extrem ambitionierte Ziele, und das Hauptproblem ist nun, wie diese Ziele rasch umgesetzt werden können“, sagte Saffar. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) mit dem Wegfall von Doppelnetzgebühren für Speicher werde hier als sehr positiv bewertet. Doch während bei der Photovoltaik ein Boom verzeichnet werde, hinke die Windkraft aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren hinterher, rügt der Bericht. Das mache das Ausland besser.
Die Stromversorger sowie die IG Wind mahnten einen raschen Beschluss des derzeit verhandelten Erneuerbaren Ausbau Beschleunigungsgesetz EABG ein.


Energiefakten in aller Kürze


Erdölproduzenten
Der mit Abstand größte Erdölproduzent sind die USA mit 22 Prozent Weltmarktanteil, deutlich vor Saudi-Arabien (11 Prozent), Russland und Kanada.


Ökostrom
Die Energieagentur geht davon aus, dass sich die Stromproduktion aus Erneuerbaren bis 2030 verdoppelt – ein Plus von 4.600 Gigawatt. Zum Vergleich: Österreich verfügte Anfang 2026 über rund
34 Gigawatt (GW).
China hat in den vergangenen Jahren fast zwei Drittel des weltweiten Ökostromausbaus alleine geschultert, deutlich vor der EU-27.


Österreich

Der Beitrag der Windenergie zur heimischen
Stromerzeugung ist seit 2005 von etwa 2 % auf nunmehr 11,8 % gestiegen, also um 8,8 Prozent jährlich.
Viel mehr war es beim Sonnenstrom – mit einer jährlichen Steigerung von fast 37 Prozent seit 2005. Aktuell ist der Anteil der Photovoltaik am Strom mehr als neun Prozent.


Klassenbester
Österreich ist mit einem Ökostromanteil von fast 88 Prozent auf Platz 1 innerhalb der EU-27.

Kurier